In der Dunkelheit des frühen Morgens stehen zwei Männer auf der Kommandobrücke des Motorschiffs Aquarius. Sie starren hinaus auf die schwarzen Wellen des Mittelmeers. Der eine trägt einen weißen Overall, der andere einen roten. Der eine ist Deutscher, der andere Ukrainer. Der eine hat seinen Job aufgegeben, um hier zu sein. Der andere ist hier, weil er seinen Job nicht aufgeben wollte. Es gibt wenig, was die beiden Männer verbindet, aber sie haben dasselbe Ziel: Sie suchen ein Flüchtlingsboot.

Der Mann im weißen Overall heißt Klaus Vogel. 59 Jahre alt, blaue Augen, grauer Stoppelbart, von Beruf Kapitän. Viele Jahre ist er auf großen Containerschiffen gefahren, hat T-Shirts nach Europa transportiert und Flachbildschirme nach Amerika, hat den Pazifik durchquert, den Atlantik, das Mittelmeer. Jetzt presst Vogel das Fernglas an die Augen, sein Gesicht ist noch zerknittert vom Schlaf. Irgendwo da draußen muss das Schlauchboot mit den Flüchtlingen sein. Vogel fragt sich: Haben die Kinder an Bord?

Der Mann im roten Overall ist der Erste Offizier der Aquarius. Er heißt Oleksandr Jurtschenko, 43 Jahre, Bürstenschnitt, massige Arme. Alle an Bord nennen ihn Chief. Ein Ukrainer vom Asowschen Meer, auch er ist jahrelang zur See gefahren. Jetzt hält er ein flaches, längliches Gerät in der Hand, das aussieht wie ein Kricketschläger. Es ist ein Detektor, der piept, wenn jemand Metall am Körper trägt. Der Chief will damit die Flüchtlinge abtasten, bevor sie das Schiff betreten. Er fragt sich: Haben die Waffen an Bord?

In diesem Moment weiß er noch nicht, dass die Menschen, die er retten wird, nicht einmal Schuhe tragen.

Der Chief steckt sich eine Zigarette an. Vogel, Nichtraucher, starrt über den Bug. Behäbig hebt und senkt sich die See. 30 Seemeilen bis zur libyschen Küste.

Vor wenigen Tagen hat die Europäische Union in der Ägäis das Meer verriegelt. Sie hat Verträge mit der türkischen Regierung geschlossen, hat Soldaten aufs Meer geschickt und am Festland Zäune ziehen lassen. Seit diesem Montag werden Flüchtlinge, die über Griechenland nach Mitteleuropa fliehen wollten, in die Türkei zurückgeschickt. Die Balkanroute ist geschlossen, die Flüchtlingszahlen sinken. Dort, wo die Aquarius an diesem Märzmorgen im Wasser liegt, steigen sie: im zentralen Mittelmeer, zwischen Libyen und Italien.

Federica Mogherini, die EU-Außenbeauftragte, schickte kurz vor Ostern einen Brief an die europäischen Regierungen. 450.000 Menschen, schrieb sie, könnten dieses Jahr von Libyen nach Europa fliehen – dreimal so viele wie 2015. Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sissi spricht von einer "neuen Flüchtlingswelle", Frankreichs Präsident François Hollande von einer "ernsthaften Gefahr". Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière mahnt, der Weg von Libyen nach Italien könnte zur neuen Hauptroute der Flüchtlinge werden. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die Befürchtungen der EU-Politiker stimmen: Dann legen sich die Winterstürme. Dann beginnt auf dem Mittelmeer die neue Saison. Die Saison des Ertrinkens. Mehr als 3.000 Menschen haben allein im vergangenen Jahr auf dem Mittelmeer ihr Leben verloren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 7.4.2016.

Der Monitor des Radargeräts wirft einen grünen Schimmer auf Klaus Vogels Stirn. Vor einer Stunde, um 4.31 Uhr, hat die Satellitenfunkstation der Aquarius unter lautem Sirenengeheul einen Notruf der italienischen Küstenwache ausgedruckt, einen dünnen Zettel mit blassen Buchstaben: Ein Schlauchboot mit Flüchtlingen sei in Seenot geraten.

In der Ferne sieht Vogel die libysche Küste, die Lichter der Millionenstadt Tripolis, den schwachen Schein der Fischerdörfer. Dort irgendwo muss das Flüchtlingsboot in der vergangenen Nacht abgelegt haben.

Noch vor zwei Jahren, als erstmals mehr als hunderttausend Menschen über das Mittelmeer kamen, schickte Italien seine Marine und Küstenwache, um die Flüchtlinge aus dem Wasser zu holen. "Mare Nostrum" hieß die Operation, "unser Meer". Sie rettete Zehntausende und kostete Millionen. Dann konnte die italienische Regierung die Einsätze nicht mehr bezahlen und bat die EU um Geld. Vergeblich. Mare Nostrum wurde beendet, die meisten Flüchtlinge waren von nun an auf sich allein gestellt.

Europa verabschiedete sich von seinen Idealen. Klaus Vogel verabschiedete sich von seinem Job. Er war damals Kapitän bei der deutschen Großreederei Hapag-Lloyd. Im Fernsehen sah er die Bilder der Toten, die im Wasser trieben, dort, wo auch er alle paar Wochen mit seinem Containerschiff vorbeikam. Vogel erinnerte sich an die frühen achtziger Jahre, an das südchinesische Meer, er war noch ein junger Seemann. Auch damals schwammen kleine Boote im Wasser, mit Flüchtlingen aus Vietnam. Vogels damalige Reederei wies die Besatzung an, das Gebiet weiträumig zu umfahren.

Klaus Vogel weiß, dass es Flüchtlinge schon immer gab. Er ist nicht nur erfahrener Seemann, sondern auch promovierter Historiker. Als seine Kinder klein waren, verbrachte er einige Jahre an Land und studierte Geschichte.