Die Vietnamesen, sagt er heute, seien ihm nie aus dem Kopf gegangen. Diesmal will er die Flüchtlinge nicht umschiffen. Er will ihnen helfen. Vor einem Jahr ist Vogel zum ersten Mal Großvater geworden. Er sagt: "Wie soll man einem Kind erklären, dass wir die Menschen einfach ertrinken lassen." Also hat er seinen Job aufgegeben. Seinen Beruf hat er behalten. Statt Container will er jetzt Menschen an Bord nehmen.

Hapag-Lloyd stellte ihn von seiner Arbeit frei, und Vogel lebte vorerst von seinen Ersparnissen. Er fand Mitstreiter, die ähnlich fühlten wie er: Geschwister und Freunde, Seeleute und Reeder, Politiker, Schauspieler, Ärzte. Sie gründeten einen Verein: SOS Mediterranee. Sie suchten Spender und fanden Geld, mehr als eine Million Euro. Sie suchten ein Schiff und fanden die Aquarius, 77 Meter lang, zwölf Meter breit, der Rumpf orange, der Schornstein schneeweiß. Sie suchten Retter und fanden ein Team: einen Unternehmensberater aus München, ein erfahrener Segler, der Regatten fuhr, dort, wo jetzt die Flüchtlinge sterben. Einen Schiffsoffizier aus Syrien, der heute in Bremen lebt. Einen Übersetzer aus Eritrea, der selbst über das Mittelmeer floh. Bei der Hilfsorganisation Ärzte der Welt fand Vogel Ärztinnen und Krankenschwestern. Normalerweise kümmern sie sich um Menschen in Katastrophen- und Krisengebieten. Jetzt schickt man sie nach Europa. In ein Katastrophengebiet namens Mittelmeer.

Dies ist Vogels erste Fahrt mit der Aquarius. Er wird an diesem Tag die Schreie von Menschen hören, die um ihr Leben kämpfen. Er wird einer Fregatte der Royal Navy begegnen und zusehen, wie ein Schlauchboot im Meer verschwindet. Dazwischen, inmitten der Wellen und Schaumkronen, wird er auf all die Halbwahrheiten und Widersprüche der europäischen Flüchtlingspolitik treffen.

Wieder heult die Sirene, ein zweiter Notruf, diesmal spuckt der Drucker die Position des Flüchtlingsbootes aus: 33°26 nördliche Breite, 13°14 östliche Länge.

Vogel beugt sich über die Seekarte. Mit Lineal und Zirkel steckt er die Koordinaten ab, zeichnet Bleistiftkreuze ins Meer. Das erste Kreuz setzt er nördlich von Tripolis – das sind die Flüchtlinge. Das zweite Kreuz etwas weiter im Osten – hier liegt die Aquarius.

Vogel misst die Entfernung: "Nicht mal acht Seemeilen", sagt er. "Fuck", sagt der Chief, "das ist nah." Der Chief tippt die Koordinaten ins Navigationssystem ein und ändert den Kurs auf Nordwest. Er legt den Steuerhebel um. Volle Kraft voraus. Die Motoren der Aquarius dröhnen, die Bugwellen schäumen, der Rumpf durchschneidet die glatte See. Es ist jetzt 5.40 Uhr. Noch eine knappe Stunde, dann müssten die Männer das Schlauchboot erreichen.

Der Chief schlurft auf die Nock, auf den Balkon der Kommandobrücke, und pustet Rauch in die kalte Morgenluft. Er ist ein Mann, der viel raucht und wenig spricht. Wenn Vogel und seine Leute mittags in der Schiffskantine essen, sitzt der Chief vorm Fernseher, kaut an seinen Schweinerippchen und schaut Russia Today – jenen Kanal, den viele Deutsche für Putins Propagandasender halten. Der Chief wäre nie auf die Idee gekommen, Flüchtlinge aus dem Meer zu fischen. Er steuerte die Aquarius schon, als sie noch ein Vermessungsschiff war und zu den Ölfeldern vor Westafrika fuhr. Dann sank der Ölpreis, die Aufträge wurden rar, und plötzlich war da dieser seltsame Deutsche, der im Mittelmeer Menschen retten wollte. Er bot Jurtschenko an, als Erster Offizier auf der Aquarius zu bleiben. Der Chief hatte die Wahl: Flüchtlingshelfer oder vielleicht gar keinen Job. Jetzt soll er Menschen retten, vor denen er sich fürchtet.

"Die haben ansteckende Krankheiten", sagt der Chief. "Ebola, Krätze, Aids."

Er hat nicht nur einen Metalldetektor besorgt, er hat auch Latexhandschuhe und einen Mundschutz dabei.

Der Chief raucht mit tiefen Zügen. Er sagt: "Ihr könnt doch nicht ganz Afrika nach Europa holen, wo sollen die alle hin?" Die Asche rieselt auf das weiß gestrichene Deck. Dort, in den Ritzen des verschweißten Stahls, liegt feiner, roter Staub. "Wüstensand", sagt der Chief. Der Schirokko hat ihn herübergeweht, der Wüstenwind aus Libyen.

Libyen ist ein Land ohne Flüsse, bedeckt von der Sahara. Unter dem Sand und der Erde liegen riesige Mengen Öl. Das Öl hat Libyen reich gemacht, so reich, dass fast zwei Millionen Menschen ins Land kamen, um hier Geld zu verdienen, auf den Ölfeldern, auf Baustellen, in Fabriken und Hotelküchen. Sie stammen aus dem Nachbarstaat Ägypten, aber auch aus Nigeria, Gambia, Senegal, aus Bangladesch und von den Philippinen. Sie suchten ein besseres Leben, in einem Land, von dem sie glaubten, es könne sie reich machen. Jetzt müssen sie zusehen, wie dieses Land zerfällt.