Viereinhalb Jahre nach dem Tod des Diktators Muammar al-Gaddafi hat der libysche Staat aufgehört zu existieren. Zwei verfeindete Regierungen und Dutzende Milizen kämpfen um die Macht. Flughäfen und Fabriken verrotten, einige Städte sind vom Strom abgeschnitten, Medikamente und Lebensmittel werden knapp. Die Amerikaner werfen Bomben, Islamisten plündern Städte und enthaupten Menschen am Strand. Der sogenannte Islamische Staat hat inzwischen etwa 3.000 Kämpfer im Land, schätzen Beobachter der Vereinten Nationen. Er kontrolliert auch einige Fischerdörfer. Deren Bewohner handeln nicht mehr nur mit Fisch, sondern längst auch mit Flüchtlingen. In manchen Gegenden ist der Menschenschmuggel zur größten Einkommensquelle geworden, sagen EU-Militärs.

Schon bevor der Krieg nach Libyen kam, versuchten Menschen von hier aus Europa zu erreichen. Aber es waren nicht sehr viele, und sie kamen im Wesentlichen aus zwei Regionen: aus westafrikanischen Ländern wie Nigeria und Senegal. Und vom Horn von Afrika, aus Somalia und Eritrea. Jetzt aber brechen auch jene auf, die eigentlich nie nach Europa wollten: die Bauarbeiter, Mechaniker und Küchenhilfen, die in Libyen auf Wohlstand hofften. Im vergangenen Jahr saßen Tausende Menschen aus Bangladesch in den Gummibooten.

Nun, nach der Schließung der Balkanroute, werden sich vermutlich auch Syrer, Iraker und Afghanen auf den Weg nach Libyen machen.

Der Chief hält das Fernglas an die Augen. Schweigend scannt er den Horizont. Er sieht die dunklen Wogen, die blassen Gebirgsketten Libyens. Nur das Schlauchboot sieht er nicht. Vogel steht auf der anderen Seite der Brücke, auch er hat das Fernglas im Gesicht. Nichts.

Minuten später, um 6.20 Uhr ein Ruf, es ist der Chief: "Da sind sie!" Er deutet mit dem Finger auf einen Punkt in der Ferne, irgendwo zwischen den Wellenkämmen. Vogel nickt. Ein hellgraues Schlauchboot. Wie eine wabbelige Luftmatratze tanzt es auf dem Wasser. Vogel läuft mit schnellen Schritten aufs Deck. Er schlingt sich eine Schwimmweste um den Leib, zieht die Gurte straff. Sein Funkgerät rauscht und knackt. In leisem Stakkato gibt er Kommandos: "Alle Mann an Deck. Rettungsboote fertig zum Einsatz."

Die Retter eilen aus ihren Kajüten. Sie zwängen sich in Neoprenanzüge, quetschen die Füße in Gummistiefel, streifen Helme und Windjacken über, zerren Säcke mit Schwimmwesten über das Deck. Die Krankenschwestern sortieren Verbandszeug und Medizin. 700 Wolldecken haben Vogels Leute an Bord gebracht, 120 Infusionsbeutel, 3.000 Wasserflaschen, vier Dixi-Klos, Dutzende Umzugskartons mit gespendeten Kleidern. Außerdem: zehn Leichensäcke, keimdicht und geruchsneutral.

Vogel bekommt einen Arm zu fassen, zieht einen Mann an Bord

Während Vogel durch sein Fernglas das Schlauchboot im Blick behält, sitzen zu Hause in Deutschland womöglich Menschen vor ihren Computerbildschirmen und betrachten die Aquarius. Im Internet sind Artikel über den deutschen Kapitän erschienen, der im Mittelmeer Flüchtlinge rettet. Pegida zeigt Fotos der Aquarius auf ihrer Facebook-Seite. "Verblendete Vollpfosten", schreibt jemand in die Kommentarspalte. "Organisierte Schlepperbande" ein anderer. Während auf dem europäischen Festland wütende Bürger durch die Straßen ziehen, während Politiker Rückübernahmeabkommen unterzeichnen und Soldaten Zäune ziehen, um die Flüchtlinge draußen zu halten, fährt Klaus Vogel aufs Meer, um sie reinzuholen.

Tausende Boote, Hunderttausende Menschen – es scheint, als sei das Mittelmeer eine unkontrollierbare Grenze, durchlässig wie eine Mauer aus Pappe. In Wahrheit ist es ein hochgerüsteter Wassergraben, bewacht von nordafrikanischen Polizisten. Die EU hat mit zahlreichen Ländern Afrikas Abkommen geschlossen. Die Verträge variieren im Detail, folgen aber demselben Prinzip: Europa verspricht Geld. Afrika verspricht Grenzschutz. In Mauretanien und Marokko, in Algerien und Tunesien patrouillieren Grenzpolizisten, um die Flüchtlinge aufzuhalten, in Häfen und an Stränden, zu Wasser und an Land. Die Europäer liefern die Ausrüstung: Schnellboote und Lastwagen, Wärmebildkameras und Röntgengeräte. Die EU agiert wie ein internationaler Konzern. Sie hat die Bewachung ihrer Grenzen outgesourct. An Staaten, in denen Migranten so gut wie keine Rechte haben. In Marokko haben Grenzpolizisten die Schlauchboote der Flüchtlinge aufgeschlitzt, auf dem offenen Meer. In der Türkei werden selbst Schwangere und Minderjährige zurück nach Syrien geschickt.

Mit dieser Politik haben die Europäer erreicht, dass kaum ein Flüchtling von Tunesien nach Italien übersetzt. Oder von Marokko nach Spanien – obwohl die Fahrt dort kürzer wäre: Das Meer in der Straße von Gibraltar ist nicht viel breiter als ein Fluss.

Nur mit einem Land in Nordafrika gibt es keinen Vertrag, weil dort kein Staat existiert, keine Regierung, mit der man verhandeln könnte: Libyen, 300 Kilometer von der italienischen Insel Lampedusa entfernt.

Kapitän Vogel und seine Crew sind jetzt so nah, dass sie die Flüchtlinge mit bloßem Auge sehen: 50 Menschen, vielleicht mehr, dicht gedrängt auf dem Schlauchboot. Kaum einer, auch das ist jetzt zu erkennen, trägt eine Schwimmweste.