"Ready", sagt Vogel in sein Funkgerät. Er steigt ins Rettungsboot, ein Schnellboot mit knallrotem Rumpf. Das Boot hängt an einem faustgroßen Haken über der Reling der Aquarius. Vogel schaukelt im Wind. Der Chief lässt das Boot hinab, die Hydraulik dröhnt und schnauft, das Boot klatscht auf die Wellen. Für einen Moment liegt es ruhig, dann röhrt der Außenborder auf und hinterlässt eine Spur aus türkisblauem, sprudelndem Schaum. Vogel steht vorn am Bug, fünfzig Meter noch bis zu den Flüchtlingen, dreißig, zwanzig, Vogel beugt sich nach vorn, Wasser spritzt ihm ins Gesicht.

Es ist in diesem Moment, als fahre Klaus Vogel mit seinem Rettungsboot in eine Filmkulisse hinein: Schlauchboot mit Afrikanern, im Hintergrund das weite Meer. Zigfach gezeigt in den Beiträgen der Nachrichtenmagazine und Brennpunktsendungen. Elend in Dauerschleife. Unzählige Male hat Vogel dieses Bild gesehen. Jetzt aber, da es nur noch wenige Meter sind, hört er, wie die Menschen schreien, er sieht, wie sie zittern, er riecht, wie sie stinken. Der Gestank ist stärker als der Wind.

Ein Mann im Schlauchboot richtet sich auf, streckt sich den Rettern entgegen, ein anderer stößt ihn zur Seite, das Schlauchboot fängt an zu schaukeln, die Menschen schlagen jetzt um sich, eine Welle schwappt ins Boot, sie schreien, sie brüllen. Vogel, der sonst so ruhig ist, brüllt zurück: "Easy! Everybody easy!" Er senkt die Handflächen vor der Brust, als könne er die Panik dämpfen. Später wird Vogel sagen, er habe sich gefühlt, als sei ein Tier auf ihn losgegangen.

Vogel wirft Rettungswesten auf das Schlauchboot, die neonroten Luftpolster fliegen durch den Morgenhimmel, die schwarzen Gurte flattern im Wind. Die Flüchtlinge streifen die Westen über. Eine Welle drückt das Rettungsboot gegen das Schlauchboot, dann schiebt eine andere Welle die Boote wieder auseinander. Vogel bekommt einen Arm zu fassen, zieht einen Mann an Bord.

Vogel und sein Rettungsteam bergen 64 Männer und 10 Frauen; Kinder sind nicht auf dem Boot. Später wird Vogel erfahren, dass fast keiner der Flüchtlinge schwimmen kann.

Wieder knattert der Außenborder. Das Rettungsboot hält auf die Aquarius zu. Am Horizont geht die Sonne auf, der Himmel färbt sich rosa, in der Ferne ist ein blassgrauer Streifen zu sehen: Libyen. Irgendwo dort, auf dem Meer, verläuft eine unsichtbare Linie. Zwölf Seemeilen vor der Küste trennt sie das Staatsgebiet Libyens von internationalen Gewässern. Die Linie liegt am äußersten Rand Europas – aber sie markiert einen Widerspruch, der die EU im Innersten zermürbt: den Widerspruch zwischen Hinschauen und Weggucken. Zwischen dem Schutz der Grenzen und dem Schutz der Menschenwürde.

Schaffen es Flüchtlinge, die Zwölf-Meilen-Grenze zu überwinden, haben sie das Recht, in Europa Asyl zu beantragen. Mit dem Überschreiten der Grenze werden sie zu juristischen Einzelfällen, zu einer offiziellen Angelegenheit: Man bringt sie an Land, nimmt ihre Fingerabdrücke, notiert ihre Namen. Man prüft in einem aufwendigen Verfahren, ob sie schutzbedürftig sind.

Schaffen es Flüchtlinge nicht über diese Grenze, bleiben sie für die EU unsichtbar. Egal ob sie Schutz vor Folter suchen oder bloß einen besseren Job – für die EU, die sonst keinen Aufwand scheut, um Flüchtlinge in Kategorien zu sortieren, sind sie dann alle gleich. Gleich chancenlos.

Sollte es der EU irgendwann gelingen, auch mit dem libyschen Staat ein Grenzschutzabkommen zu schließen, wird es vor allem eins bewirken: dass es kaum mehr jemand fertigbringt, die unsichtbare Linie im Meer zu überwinden.

Die Flüchtlinge, die Klaus Vogel an diesem Tag rettet, haben es über die Linie geschafft. An einer Strickleiter klettern sie aufs Deck der Aquarius. Vogel steht unten im Rettungsboot und schiebt die Menschen die Leiter hoch. An der Reling wartet der Chief. Er fuchtelt mit seinem Metalldetektor herum. Die Flüchtlinge haben keine Schuhe, sie haben kein Gepäck, sie haben nichts als ihre triefenden Kleider: vollgesogene Steppjacken, durchnässte Jogginghosen. Müde, aufgeweichte Körper. Der Chief legt den Metalldetektor beiseite und hilft den Menschen aufs Schiff – ohne Latexhandschuhe, mit bloßen Händen. Auch den Mundschutz wird er an diesem Tag nicht benutzen. Eine schwangere Frau klettert an Bord. Sie wankt, sie fällt, dann übergibt sie sich. Ein Mann sackt bewusstlos zusammen. An manchen Füßen klaffen Wunden, tief und fleischig, am Rand verkrustet von der salzigen See. Auf dem Achterdeck, neben den Dixi-Klos, knien vier Männer und drücken die Stirn auf den nassen Stahl. Sie beten.

Zehn Tage waren Kapitän Vogel und Chief Jurtschenko auf See. Zehn Tage haben sie auf diesen Moment gewartet, der eine, weil er musste, der andere, weil er wollte. Nie waren sie sich so ähnlich wie jetzt: zwei Männer, nass und verschwitzt, erschöpft von der Rettung und betäubt vom Elend. Beide schweigen, beide werden sich später zurückziehen, der Chief auf die Kommandobrücke, Vogel in seine Kajüte.

Unter Deck verwandelt sich die Aquarius in eine schwimmende Notaufnahme. Die Krankenschwestern verteilen Decken und Handtücher, messen Fieber, fühlen den Puls. Alle 74 Flüchtlinge kommen aus Westafrika. Viele von ihnen sind das, was man in der Sprache Europas einen Wirtschaftsflüchtling nennt: ohne Chance auf Asyl.