Unter den Flüchtlingen, die in den vergangenen Jahren nach Europa flohen, zählen Menschen wie sie zur Kaste der Vergessenen. Europa stritt über die Syrer, über Afghanen, Iraker und Iraner. Fast nie war von Afrikanern die Rede. Gekommen sind sie trotzdem. Glaubt man den Statistiken der Vereinten Nationen, dann steigt auch ihre Zahl von Jahr zu Jahr.

Vogel hat mit dem Rettungsboot das Boot der Flüchtlinge an die Aquarius herangezogen. Nun, da alle Menschen geborgen sind, bleibt im Schlauchboot eine trübe Suppe zurück. Ein Gemisch aus Salzwasser und Ölschlieren, in dem Holzspäne schwimmen, leere Wasserflaschen, Verpackungen von Powerriegeln, Fetzen von Kleidern, ein Schuh. Vogel steht an der Reling und schaut hinunter ins leere Schlauchboot. Er deutet auf den maroden Außenborder, mit Klebeband umwickelt. "Damit überlebst du keine zwei Tage", sagt er. Er schaut auf die alten Holzplanken, die den Boden des Bootes verstärken. Und sieht, woher die Wunden an den Füßen der Flüchtlinge kommen: Offenbar stammen die Planken von einer Baustelle oder aus einem verfallenen Haus, Metallstifte ragen aus dem Holz hervor, fingerlang, scharf und spitz. "Das sind keine Schlepper", sagt Vogel. "Das sind Verbrecher."

Es ist oberstes Ziel der EU, die Schlepper zu bekämpfen. Weil sie auf dem libyschen Festland dafür keine Verbündeten findet, versucht sie es auf dem Wasser. Sie schickt Kriegsschiffe: Fregatten und Korvetten, sogar einen Flugzeugträger. Seit einem Dreivierteljahr geht das Militär vor der libyschen Küste auf Schlepperjagd. Deutschland beteiligt sich mit zwei Schiffen und 950 Soldaten an der Mission. Sie trägt den sperrigen Namen "European Union Naval Force – Mediterranean", kurz Eunavfor Med.

Das Problem ist nur: Es gibt auf dem Wasser keine Schlepper. Die Schlepper bleiben an Land. Sie prügeln die Flüchtlinge auf die Gummiboote, zeigen ihnen, wie man Außenborder und Steuerruder bedient, geben ihnen ein Satellitentelefon, die Nummer der italienischen Küstenwache und gerade genug Diesel, um es bis zur Zwölf-Meilen-Grenze zu schaffen. Dann schieben sie die Boote ins Wasser.

So beschreibt es der Befehlshaber der Eunavfor-Mission, der italienische Admiral Enrico Credendino, in einem Bericht an das Sicherheitspolitische Komitee der EU. Der Bericht kam im Februar 2016 über die Internetplattform WikiLeaks an die Öffentlichkeit.

Auf der Kommandobrücke der Aquarius kann man der Schlepperbekämpfung der EU zuhören, über Funk, UKW, Kanal 16. Man hört, wie Offiziere der italienischen Fregatte Aviere mit ihren Kollegen vom britischen Schiff Enterprise sprechen, man hört, wie Marinesoldaten der deutschen Korvette Ludwigshafen am Rhein vorbeikommende Containerschiffe und Fischerboote kontrollieren. Verrauschte Wortfetzen, Kommandos in gebrochenem Englisch. Manchmal, an klaren Tagen wie heute, können Vogel und der Chief die Kriegsschiffe auch sehen. Als graue Umrisse am Horizont.

Einer der Umrisse wird plötzlich größer, das Schiff hält auf die Aquarius zu, lautlos gleitet der Rumpf durch die See. Von Minute zu Minute kommt das Schiff näher, es ist eine Fregatte der britischen Navy, mit Helikopter und Kanonen an Bord. Wortlos sehen Vogel und der Chief zu, wie das Kriegsschiff die Aquarius umkreist und sich vor das leere Flüchtlingsboot schiebt. Rauch steigt auf. Als die Fregatte abdreht, ist das Schlauchboot verschwunden.

Im ersten halben Jahr der Marine-Operation wurde nur ein einziger Schlepper verurteilt. Weil die Militärs an die Drahtzieher des Fluchtgeschäfts nicht herankommen, konzentrieren sie sich darauf, die Boote der Schlepper zu zerstören, damit sie kein zweites Mal benutzt werden können. Mit der Folge, dass die Schlepper statt stabiler Holzboote nun billige Gummiboote aus China verwenden, was die Überfahrt noch gefährlicher macht.

Flüchtlingen, die außerhalb der Zwölf-Meilen-Grenze, in internationalen Gewässern, in Seenot geraten, müssen die Marinesoldaten helfen – auch wenn ihr Mandat anders lautet. Tausende Menschen haben sie in den vergangenen Monaten aus dem Wasser geholt. Aus Kriegsschiffen wurden Rettungsschiffe. Die EU hat Ländern wie Marokko Millionen überwiesen, damit von dort aus niemand mehr über das Meer gelangt. Nur um am Ende jene Menschen, die in der vergleichsweise ungefährlichen Straße von Gibraltar nicht durchgelassen werden, ein paar Hundert Seemeilen weiter östlich aus dem Meer zwischen Libyen und Italien zu fischen.

"Was hat Sie so müde gemacht?", fragt die Ärztin. Der Mann sagt: "Libyen."

"Braucht man uns hier überhaupt?", fragt der Chief, als er am Tag vor der Rettungsaktion den Funkverkehr der Royal Navy mithört. Die Briten sind gerade dabei, mehrere Dutzend Flüchtlinge zu bergen. Da weiß er noch nicht, dass schon am nächsten Tag das Schlauchboot mit den 74 Afrikanern in Seenot geraten wird – und außer der Aquarius kein anderes Schiff in der Nähe sein wird. Und dass nur wenig später, Ende März, 120 Menschen vor der libyschen Küste ihr Leben verlieren werden.