Auf der Aquarius ist es still geworden. Im Schlafsaal ist der blaue Linoleumboden mit Decken und Menschen bedeckt. Sie hocken, kauern, liegen. Klaus Vogel, noch immer im weißen Overall, steckt den Kopf durch die Tür. Niemand bemerkt ihn. Langsam lässt er den Blick über die müden Körper wandern. Keiner der Flüchtlinge weiß, dass er, der gut bezahlte Kapitän von Hapag-Lloyd, sein gewohntes Leben aufgegeben hat, um ihres zu retten. "Hello everybody", flüstert er, so leise, dass es keiner hört. Dann geht er wieder.

In der Kajüte, in der die Kranken behandelt werden, nähen die Ärztinnen Wunden und schienen Knochen. Sie legen Infusionen für die Dehydrierten, setzen Spritzen gegen die Übelkeit, verabreichen Schmerzmittel. Eine Frau kommt herein. Sie ist schwanger. Die Ärztin legt ihr das Stethoskop auf den Brustkorb, tastet den Rücken ab. Als sie nach dem Vater des Kindes fragt, bricht die Frau in Tränen aus.

Im Jahr 2014 hat der Flüchtlingsdienst des Jesuitenordens Menschen befragt, die aus Libyen nach Europa flohen. Viele Frauen und Männer berichteten von Polizisten und Wachmännern, die sie mit Eisenstangen schlugen, mit Schlagstöcken, Ketten und Holzplanken. Die ihnen Stromstöße mit Elektroschockern verpassten. Die Frauen zum Sex zwangen, mehrmals täglich, allein und in Gruppen. Ein amerikanischer Journalist, der Anfang des Jahres nach Libyen reiste, berichtete von Schleppern, die Flüchtlingsfrauen so lange vergewaltigen ließen, bis sie schwanger wurden. Mit einer Schwangeren an Bord, sagte ein Schlepper dem Journalisten, könne er mehr Geld für die Tickets verlangen – weil die Flüchtlinge von ihren Rettern dann besser behandelt würden.

Die Ärztinnen auf dem Schiff haben sich auf solche Fälle vorbereitet. In einer Plastikbox bewahren sie Medikamente für misshandelte Frauen auf: Wundsalbe, die Pille danach und Antibiotika gegen Geschlechtskrankheiten. "Rape Kit" nennen sie diese Box.

Ein hagerer Mann aus dem Senegal betritt die Kajüte.

"Was fehlt Ihnen?", fragt die Ärztin.

"Ich habe Ohrenschmerzen."

Die Ärztin schaut ihm ins Ohr. "Hat es aus Ihrem Ohr geeitert?", fragt sie.

Er schüttelt den Kopf.

"Haben Sie Schnupfen?"

Er schüttelt den Kopf.

"Hat Ihnen jemand auf Ihr Ohr geschlagen?"

Er nickt.

Ein anderer Flüchtling sagt, er habe "Stromstöße im Kopf". Einer weint, einer klagt, er sei unendlich müde. "Was hat Sie so müde gemacht?", fragt die Ärztin. Der Mann sagt: "Libyen."

Der Mann heißt Lamin. Er kommt aus Gambia, aus der Hauptstadt Banjul. Er sagt, die Schlepper in Tripolis hätten ihn geprügelt, mit den Kolben ihrer Gewehre. "Businessmen" nennt er sie. "They own you", sagt er, sie besitzen dich. Glaubt man Lamin, dann schickten ihn die Schlepper von morgens bis abends zum Arbeiten: Er musste die Terrasse schrubben und Wäsche waschen bei einer libyschen Familie, Ziegel und Zementsäcke schleppen auf dem Bau, irgendwo vor den Toren von Tripolis, für ein paar Dinar. Ein Jahr lang habe es gedauert, dann habe er 1.000 Dinar beisammen gehabt, 650 Euro, den Preis für einen Platz im Boot, für das Ticket nach Europa, einen kleinen Zettel mit blauem Stempel. Viel billiger geht es nicht. Im Winter geben die Schlepper Rabatt – weil dann weniger Flüchtlinge die Überfahrt wagen. Das Risiko zu sterben ist größer als im Sommer: Das Wasser ist kälter, die Wellen sind höher und die Stürme unberechenbar.

Bei der Abfahrt an einem Strand bei Tripolis, sagt Lamin, seien vier oder fünf Menschen ertrunken. Stockfinster sei es gewesen, die Menschen seien vom Boot gerutscht, er habe sie schreien gehört. Irgendwann seien die Schreie leiser geworden. Und dann verstummt. Er sei nicht zu den Menschen ins Wasser gesprungen, habe ihnen nicht geholfen, sagt Lamin, obwohl er doch schwimmen könne, er, ein Junge vom Atlantik, von der Mündung des Gambia-Flusses. "Möge Gott mir vergeben", sagt er.

Auf dem Deck legen die Männer ihre Hosen zum Trocknen aus. Einer kniet auf dem Boden und entfaltet einen aufgeweichten Zettel. Mit Kugelschreiber hatte er darauf Telefonnummern notiert, bevor er ins Schlauchboot stieg, Kontakte in Italien. Winzige blaue Ziffern, die jetzt vom Wasser zu verwischen drohen. Er legt den Zettel in die Sonne. Er kam ohne Rucksack an Bord, ohne Pass. Nur den Zettel brachte er mit.

Als alle Kleider getrocknet, alle Wunden verarztet sind, werden aus den panischen Tieren, von denen Klaus Vogel sprach, wieder Menschen. Lamin blinzelt in die Sonne. Irgendjemand hat ihm eine Zigarette gegeben, die er sich mit einem Landsmann aus Gambia teilt, einem hageren Mittzwanziger mit Holzkette um den Hals. Er sagt, er habe eine wichtige Frage: "Ist Bayern noch in der Champions League?"

Oben auf der Brücke steht der Chief. Die Küstenwache hat ihm eine Order geschickt: Die Aquarius soll die Flüchtlinge nach Lampedusa bringen. Der Chief ändert den Kurs. Mit 74 Frauen und Männern an Bord, eingehüllt in Decken und weiße Handtücher, fährt die Aquarius zurück nach Europa. Zwölf Stunden später wird die Insel wie eine steinerne Scholle im Meer auftauchen. Im Gänsemarsch werden die Flüchtlinge über die Gangway schreiten, in Wollsocken werden sie europäischen Boden betreten. Lamin wird als Letzter von Bord gehen. Klaus Vogel wird an der Gangway stehen und jedem die Hand zum Abschied reichen.

Vorher aber, am Abend nach dieser, seiner ersten Rettungsfahrt, sitzt Klaus Vogel im Bauch der Aquarius, in der Kantine des Schiffs. Er hat den Kopf auf die Hände gestützt und spielt Schach mit einer der Krankenschwestern. Hinter ihm, auf dem Fernsehschirm, laufen Nachrichtenbilder aus Griechenland. Das Dorf Idomeni, die abgeriegelte Grenze nach Mazedonien. Die Kamera zeigt bunte Zelte und riesige Pfützen, man sieht Kinder, die in der Kälte zittern, Frauen, die im Schlamm ihre Babys wickeln, Männer, die gegen den Grenzzaun drücken, Polizisten, die Tränengas sprühen. Es sind die ersten Bilder einer neuen europäischen Wirklichkeit. Die Balkanroute ist abgeriegelt. Aber die große Flucht ist nicht zu Ende. Es gibt einen neuen, alten Weg nach Europa. Er führt über Libyen.