Es ist der 7. Juli 2013, als der 19 Jahre alte Kreshnik B. aus Frankfurt am Main nach fünf Reisetagen beim "Islamischen Staat" (IS) ankommt. Der Berufsschüler ist mit dem Bus nach Istanbul und von dort weiter an die türkisch-syrische Grenze gefahren. Er passiert sie. Nahe der Stadt Asas wird er von einem Mitglied der "Allgemeinen Grenzverwaltung" des IS empfangen. Noch wurde kein "Kalifat" ausgerufen, das wird noch ein Jahr dauern; aber der IS hält Orte in Syrien und im Irak unter Kontrolle und führt sich bereits auf wie ein Staat.

Ob Kreshnik B. ahnte, was ihn seine neuen "Brüder" fragen würden? Dass es ein Formular geben würde? Schon auf eine der ersten Fragen hat er keine Antwort: Seine Blutgruppe kennt er offenbar nicht. Die Spalte bleibt leer. Auf fast alle anderen Fragen gibt er Auskunft: Familienstand? Ledig. Scharia-Kenntnisse? Gering. Beruf vor der Einreise? Keiner. Warst du schon einmal im Dschihad? Nein. Willst du Kämpfer, Selbstmordattentäter oder Inghimasi werden? Ein Inghimasi ist ein Krieger, der sich wie ein Amokläufer in die Schlacht wirft, wissend, dass er nicht überleben wird. Kreshnik B. wählt "Kämpfer" aus.

Sein Wunsch wird wahr: Der IS bildet ihn an der Waffe aus, lässt ihn in zweiter Reihe kämpfen. Aber Kreshnik B. muss auch Wachdienste verrichten, das missfällt ihm. Und er hat Streit mit IS-Kadern, wie deutsche Behörden aus Chatprotokollen wissen. Ende 2013 verlässt er den IS und kehrt nach Deutschland zurück. Ende 2014 verurteilt ihn ein Frankfurter Gericht zu drei Jahren und neun Monaten Jugendstrafe wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.

Kreshnik B. ist einer von über 800 Islamisten, die seit 2011 Deutschland in Richtung Syrien oder Irak verlassen haben. Viele haben sich dem IS angeschlossen und denselben Bogen ausgefüllt. Die ZEIT hat mehr als 3000 dieser Bögen begutachtet, von Kämpfern aus Dutzenden Ländern, von Trinidad bis Tschetschenien, von Schweden bis in die USA, von Marokko bis Afghanistan. Rund 60 stammen von Islamisten aus Deutschland.

Sie alle enthalten Antworten auf dieselben 23 Fragen, auf manchen haben die IS-Grenzer zusätzliche "Anmerkungen" notiert. Die Dokumente erlauben tiefe Einblicke in die aus mutmaßlich rund 30.000 Freiwilligen bestehende dschihadistische Internationale, die der IS angelockt hat: Ehemalige Imame gehören ihr ebenso an wie Ex-Fußballer oder arbeitslose Lkw-Fahrer. Männer, die dem IS helfen, sein "Kalifat" gegen die internationale Anti-IS-Allianz zu verteidigen. Männer, die Morde und Kriegsverbrechen begehen. Und die im Namen des IS in Europa Anschläge vorbereiten. Denn auch Helfer der Pariser Anschläge finden sich in den Akten. Mohamed Belkaid etwa, im März bei einer Razzia in Brüssel getötet. Er hatte angekreuzt: "Selbstmordattentäter".

Das Konvolut, das der ZEIT vorliegt, ist vermutlich in Teilen identisch mit Datensätzen, über die vor einigen Wochen Sky News, die Süddeutsche Zeitung und die arabische Website Saman al-Wasl berichteten. Stichproben sprechen für die Authentizität und die Korrektheit der Angaben. Auch deutsche Sicherheitsbeamte gehen davon aus, dass die Unterlagen authentisch sind. Eine Analyse der Metadaten der Dokumente zeigt, dass rund zwanzig verschiedene Bearbeiter die Bögen ausgefüllt und dabei drei Versionen der Software PowerPoint benutzt haben. Das passt zu den darin erwähnten unterschiedlichen "Grenzübergängen", an denen Daten erhoben wurden. Hinweise auf systematische Manipulation der Akten gibt es nicht. Die Daten sind auf Umwegen zur ZEIT gelangt; die Urquelle dürften Laptops sein, die dem IS gestohlen wurden. Die Akten dokumentieren die bürokratische Neigung des IS. "Schlecht organisierte Terrorgruppen leben nicht lang", sagt Leah Farrall von der Universität Sydney, Expertin für die Geschichte des Dschihadismus ("The Arabs at War in Afghanistan"). "Der IS profitiert davon, dass er Formulare und Prozesse von Al-Kaida geerbt hat." Die straffe Organisation ist aber nur die Oberfläche. Viel brisanter ist der Inhalt: Die "Anmerkungen" der IS-Grenzer gewähren Einblicke in die Persönlichkeiten der Gotteskrieger, die Vielzahl der Daten erlaubt erstmals eine systematische Auswertung. Demnach sind gut zwei Drittel der Rekruten unverheiratet. Die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt und haben einen niedrigen Bildungsstand. Interessanterweise schätzen gut drei Viertel ihr Scharia-Wissen selbst als "gering" ein (zur Auswahl stehen noch "mittel" und "Student").

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 7.4.2016.

Fast jeder Zehnte ist bereit, als Selbstmordattentäter zu sterben: ein gewaltiges Potenzial für den IS, für den Einsatz im Krieg in Syrien und im Irak, aber auch für Anschläge im Westen. Die übergroße Mehrheit gibt allerdings "Kämpfer" als Ziel an.

Nicht alle Freiwilligen haben ihre Nationalität preisgegeben, über 80 Prozent aber Telefonnummern von Angehörigen, die im Todesfall benachrichtigt werden sollen. Auch aus dieser Angabe lassen sich Rückschlüsse auf den früheren Lebensmittelpunkt ziehen. Die meisten Dschihadisten stammen demnach aus Tunesien und Saudi-Arabien, gefolgt von Marokko, Libyen und Ägypten. Mehr als die Hälfte der Kämpfer dürfte aus diesen Staaten stammen, was zu den Vermutungen mehrerer Thinktanks und Experten passt.

Einige der rund 60 aus Deutschland eingereisten Rekruten, deren Bögen vorliegen, sind nach Recherchen der ZEIT mittlerweile im Krisengebiet ums Leben gekommen oder nach Deutschland zurückgekehrt. Andere werden noch beim IS vermutet, etwa der Hamburger M. B., der in einem IS-Video aufgetaucht ist.

Hartgesottene Kaliber neben unbedarften Existenzen

Nur ein deutscher Rekrut hat "Selbstmordattentäter" angekreuzt – ein Hamburger, der sich "Abu Hamsa" nennt. Ein Frankfurter mit Kampfnamen "Abu Dschum’a" gibt an, in der Bundeswehr gedient zu haben.

Von den erfassten Deutschen sind 43 im Jahr 2014 beim IS angekommen, dem Jahr, bis zu dem die vorliegenden Bögen zurückreichen. Die übrigen 2013, einer schon 2012. Die meisten stammen aus Hamburg (11), gefolgt von Frankfurt am Main (7), Wolfsburg (5), Kassel und Lübeck (je 4). Bei einem Viertel ist der Herkunftsort unklar. Ob alle der erfassten Deutschen den Behörden bekannt sind, ließ sich nicht klären. Denkbar, dass bislang unbekannte IS-Kämpfer dabei sind.

Besonders brisant erscheint der Bogen eines 1985 geborenen Mannes, der Adressen in Tunis und München angibt. In der Spalte zum Bildungsgrad ist ein Master in Chemie-Ingenieurwesen verzeichnet. Für den IS war das von Interesse, denn in der letzten der 23 Spalten, die für "Anmerkungen" reserviert ist, notierte der Sachbearbeiter der Terrorgruppe: "Wichtig ** hat chemische Expertise". Vielleicht plante der IS, den Mann für die Ölraffinierung einzuspannen; vielleicht sollte er chemische Kampfstoffe entwickeln, deren Einsatz dem IS vorgeworfen wird.

Die "Anmerkungen" lesen sich mitunter wie Kurzgeschichten. Da ist zum Beispiel Akram, ein 27-jähriger Libyer, der sich als Selbstmordattentäter beworben hat. "Die Eltern sollen von seinem Tod unterrichtet werden, ohne zu erwähnen, dass es ein Selbstmordanschlag war", notierte der IS-Bürokrat. Ein anderer Libyer bittet: "Sagt meinem Vater und meiner Mutter, sie mögen mir verzeihen!" Er will als Inghimasi sterben. Bei einem Saudi-Araber steht: "Zu ›Selbstmordattentäter‹ gewechselt." Bei einem Landsmann heißt es: "Seine Sicherheiten sollen nach seinem Selbstmordanschlag ein Geschenk für die Mudschahedin sein." Es geht um zwei Mobiltelefone und Devisen im Wert von 4.000 Euro.

In den Dokumenten wechseln sich Banales und Erschreckendes ab. Einer möchte unbedingt seinen Kampfnamen ändern. Ein Fall von Eitelkeit? Sodann stößt man auf einen kuwaitischen Ex-Soldaten, der mutmaßlich eine echte Verstärkung für den IS sein könnte. Bei einem Saudi-Araber wird festgehalten, dass er sich mit Radarsystemen auskenne. Und bei einem Landsmann: "War fünf Jahre lang bei Al-Kaida in Afghanistan."

Einige Männer, die sich als Selbstmordattentäter zur Verfügung gestellt haben, lassen derweil wissen: "Habe nichts dagegen, wenn bis zur Operation etwas Zeit vergeht."

Ein französischer Dschihadist hat Kenntnisse als Hacker und "wird in Frankreich gesucht". Bei einem Tunesier heißt es: "Seine Ehefrau möchte hier bleiben, wenn ihrem Mann die Ehre des Märtyrertums zuteil wird, um die muslimischen Mädchen in den religiösen Wissenschaften zu unterrichten." Beim nächsten dann: "Hat als Schlepper in Libyen und Algerien gearbeitet."

Und so geht es weiter: "Hat vor seiner Ausreise 400 marokkanische Dirham (ca. 37 Euro, Anm. d. Red.) vergraben"; "war vorher bei Dschabhat al-Nusra"; "wird vom Geheimdienst gesucht"; "war fünf Jahre im Gefängnis, ist vor 50 Tagen freigekommen"; "kann bei Nacht gut sehen"; "hat sich am Flughafen spontan angeschlossen"; "hat Erfahrung mit Homöopathie"; "ist an der Kanone ausgebildet".

Hartgesottene Kaliber neben unbedarften Existenzen; Veteranen neben Anfängern; Todessehnsüchtige neben Ängstlichen: Das Bild ist alles andere als einheitlich. Und doch ist dieses Kaleidoskop die bisher aufschlussreichste Annäherung an die Armee des IS. In Gerichtsverfahren könnten die Daten die Mitgliedschaft beim IS belegen. Den Nachrichtendiensten helfen sie, die Struktur der Gruppe zu verstehen.

Dass nicht alle IS-Rekruten im Dschihad finden, was sie sich versprochen haben, wissen wir von Kreshnik B., der sich ein Leben in einem wahrhaft islamischen Staat ausgemalt hatte, und von weiteren IS-Kämpfern, die der Gruppe desillusioniert den Rücken gekehrt haben. Einige, die sich absetzen wollten, hat der IS offenbar sogar hingerichtet. Manche Rekruten aber sind zu allem bereit, wie die Attentate von Paris und Brüssel belegen. "Die Akten zeigen, dass der IS bei Rekruten nach Fertigkeiten sucht, die sich für Anschläge nutzen lassen", sagt Thomas Hegghammer, Terrorexperte der Universität Oslo. Wenn Sicherheitsbehörden die Anschlagsgefahr in Deutschland heute als "ernst" einstufen, dann, weil sie fürchten: Deutsche IS-Kämpfer könnten mit Bombenplänen zurückkehren, um es ihren belgischen und französischen Gesinnungsgenossen gleichzutun.

Der IS hat ausweislich der Einreisepapiere alle Freiwilligen aufgenommen. Nur bei einem Mann notierte die "Grenzverwaltung": "Ist ein Problemmacher. Er ist in sein Land zurückgekehrt und hier nicht mehr willkommen." Niemand weiß, ob der Mann diese Zurückweisung heute als sein Glück empfindet – oder ob sie ihn weiter fanatisiert hat.

Mitarbeit: Mohamed Amjahid und Sebastian Mondial