Nur ein deutscher Rekrut hat "Selbstmordattentäter" angekreuzt – ein Hamburger, der sich "Abu Hamsa" nennt. Ein Frankfurter mit Kampfnamen "Abu Dschum’a" gibt an, in der Bundeswehr gedient zu haben.

Von den erfassten Deutschen sind 43 im Jahr 2014 beim IS angekommen, dem Jahr, bis zu dem die vorliegenden Bögen zurückreichen. Die übrigen 2013, einer schon 2012. Die meisten stammen aus Hamburg (11), gefolgt von Frankfurt am Main (7), Wolfsburg (5), Kassel und Lübeck (je 4). Bei einem Viertel ist der Herkunftsort unklar. Ob alle der erfassten Deutschen den Behörden bekannt sind, ließ sich nicht klären. Denkbar, dass bislang unbekannte IS-Kämpfer dabei sind.

Besonders brisant erscheint der Bogen eines 1985 geborenen Mannes, der Adressen in Tunis und München angibt. In der Spalte zum Bildungsgrad ist ein Master in Chemie-Ingenieurwesen verzeichnet. Für den IS war das von Interesse, denn in der letzten der 23 Spalten, die für "Anmerkungen" reserviert ist, notierte der Sachbearbeiter der Terrorgruppe: "Wichtig ** hat chemische Expertise". Vielleicht plante der IS, den Mann für die Ölraffinierung einzuspannen; vielleicht sollte er chemische Kampfstoffe entwickeln, deren Einsatz dem IS vorgeworfen wird.

Die "Anmerkungen" lesen sich mitunter wie Kurzgeschichten. Da ist zum Beispiel Akram, ein 27-jähriger Libyer, der sich als Selbstmordattentäter beworben hat. "Die Eltern sollen von seinem Tod unterrichtet werden, ohne zu erwähnen, dass es ein Selbstmordanschlag war", notierte der IS-Bürokrat. Ein anderer Libyer bittet: "Sagt meinem Vater und meiner Mutter, sie mögen mir verzeihen!" Er will als Inghimasi sterben. Bei einem Saudi-Araber steht: "Zu ›Selbstmordattentäter‹ gewechselt." Bei einem Landsmann heißt es: "Seine Sicherheiten sollen nach seinem Selbstmordanschlag ein Geschenk für die Mudschahedin sein." Es geht um zwei Mobiltelefone und Devisen im Wert von 4.000 Euro.

In den Dokumenten wechseln sich Banales und Erschreckendes ab. Einer möchte unbedingt seinen Kampfnamen ändern. Ein Fall von Eitelkeit? Sodann stößt man auf einen kuwaitischen Ex-Soldaten, der mutmaßlich eine echte Verstärkung für den IS sein könnte. Bei einem Saudi-Araber wird festgehalten, dass er sich mit Radarsystemen auskenne. Und bei einem Landsmann: "War fünf Jahre lang bei Al-Kaida in Afghanistan."

Einige Männer, die sich als Selbstmordattentäter zur Verfügung gestellt haben, lassen derweil wissen: "Habe nichts dagegen, wenn bis zur Operation etwas Zeit vergeht."

Ein französischer Dschihadist hat Kenntnisse als Hacker und "wird in Frankreich gesucht". Bei einem Tunesier heißt es: "Seine Ehefrau möchte hier bleiben, wenn ihrem Mann die Ehre des Märtyrertums zuteil wird, um die muslimischen Mädchen in den religiösen Wissenschaften zu unterrichten." Beim nächsten dann: "Hat als Schlepper in Libyen und Algerien gearbeitet."

Und so geht es weiter: "Hat vor seiner Ausreise 400 marokkanische Dirham (ca. 37 Euro, Anm. d. Red.) vergraben"; "war vorher bei Dschabhat al-Nusra"; "wird vom Geheimdienst gesucht"; "war fünf Jahre im Gefängnis, ist vor 50 Tagen freigekommen"; "kann bei Nacht gut sehen"; "hat sich am Flughafen spontan angeschlossen"; "hat Erfahrung mit Homöopathie"; "ist an der Kanone ausgebildet".

Hartgesottene Kaliber neben unbedarften Existenzen; Veteranen neben Anfängern; Todessehnsüchtige neben Ängstlichen: Das Bild ist alles andere als einheitlich. Und doch ist dieses Kaleidoskop die bisher aufschlussreichste Annäherung an die Armee des IS. In Gerichtsverfahren könnten die Daten die Mitgliedschaft beim IS belegen. Den Nachrichtendiensten helfen sie, die Struktur der Gruppe zu verstehen.

Dass nicht alle IS-Rekruten im Dschihad finden, was sie sich versprochen haben, wissen wir von Kreshnik B., der sich ein Leben in einem wahrhaft islamischen Staat ausgemalt hatte, und von weiteren IS-Kämpfern, die der Gruppe desillusioniert den Rücken gekehrt haben. Einige, die sich absetzen wollten, hat der IS offenbar sogar hingerichtet. Manche Rekruten aber sind zu allem bereit, wie die Attentate von Paris und Brüssel belegen. "Die Akten zeigen, dass der IS bei Rekruten nach Fertigkeiten sucht, die sich für Anschläge nutzen lassen", sagt Thomas Hegghammer, Terrorexperte der Universität Oslo. Wenn Sicherheitsbehörden die Anschlagsgefahr in Deutschland heute als "ernst" einstufen, dann, weil sie fürchten: Deutsche IS-Kämpfer könnten mit Bombenplänen zurückkehren, um es ihren belgischen und französischen Gesinnungsgenossen gleichzutun.

Der IS hat ausweislich der Einreisepapiere alle Freiwilligen aufgenommen. Nur bei einem Mann notierte die "Grenzverwaltung": "Ist ein Problemmacher. Er ist in sein Land zurückgekehrt und hier nicht mehr willkommen." Niemand weiß, ob der Mann diese Zurückweisung heute als sein Glück empfindet – oder ob sie ihn weiter fanatisiert hat.

Mitarbeit: Mohamed Amjahid und Sebastian Mondial