Nun geht die katholische Kirche in Polen in die Offensive. Am vergangenen Sonntag wurde in allen Gemeinden des Landes eine Stellungnahme verlesen, in der der polnische Episkopat ein völliges Verbot der Abtreibung fordert. Schon das bisherige Gesetz gehört zu den restriktivsten in der EU. Nun sollen die verbliebenen Ausnahmen gestrichen werden. Dann wären Abtreibungen künftig auch nach Vergewaltigungen sowie bei schweren Missbildungen des Fötus untersagt.

Mit ihrem Vorstoß müsste die Kirche bei der in Warschau regierenden nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) offene Türen einrennen. Diese hatte noch 2015 einen entsprechenden Gesetzesvorstoß unterstützt. Nun, da sie an der Regierung ist, kann die Forderung der Bischöfe der PiS Probleme bereiten. Denn sie hat in den ersten Regierungsmonaten das Land in eine Verfassungskrise gestürzt. Nun will sie keine weitere Front aufmachen. Ein völliges Abtreibungsverbot könnte die Krise noch verschärfen.

Premierministerin Beata Szydło sagte zwar vergangene Woche, sie unterstütze ein absolutes Abtreibungsverbot, doch es gebe in dieser Frage keinen Fraktionszwang. Zugleich versucht sie, eine Gesetzesinitiative von Abtreibungsgegnern aufzuschieben. Das wiederum droht den Unmut der Kirche zu befördern.

Es wäre das erste Zerwürfnis zwischen Kirche und PiS. Ansonsten sind beide auf einer Linie. Schon vor dem Machtwechsel im Oktober hatte die Amtskirche ihre Sympathien klar verteilt. Zwar hielt sie sich mit einer Wahlempfehlung zurück, doch in Stellungnahmen oder den sonntäglichen Messen war der Wink mit dem Zaunpfahl überdeutlich: Die PiS sei die legitime Macht im Christenland Polen.

Die Bischöfe dürften mit etlichen bisherigen Maßnahmen zufrieden sein. So will die PiS die Rolle der Katholiken in der Öffentlichkeit verstärken und das Fach Religion an Schulen weiter aufwerten. Auch hat sie schon Zuschüsse für die künstliche Befruchtung gestrichen. Diese waren erst 2015 gegen den heftigen Widerstand der Kirche eingeführt worden.

Der nächste Schulterschluss steht bevor. Regierung und Kirchenführung dürften gleich zwei Ereignisse zu einer Demonstration der Einheit von Staat und Kirche nutzen: den Weltjugendtag in Krakau Ende Juli, dessen Zuschüsse bereits aufgestockt wurden, sowie am 15. April die Jubiläumsfeiern zum 1050. Jahrestag der Taufe und Staatsgründung Polens im Jahr 966. "Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten wir es noch nie mit einer derartigen Übereinstimmung des Denkens über den Staat und die Kirche zu tun", sagte Erzbischof Stanisław Gądecki, der Vorsitzender polnischen Bischofskonferenz, über die bevorstehende Feier. Im Februar hatten die polnischen Bischöfe bei Europe Infos, dem Magazin der katholischen Bischofskonferenzen der EU, interveniert – mit Erfolg: ein PiS-kritischer Beitrag wurde von der Internetseite entfernt.

Partei und Kirche sehen Polen als urkatholisches Land, als Heimat des "Jahrtausendpapstes" Johannes Paul II., als "Bollwerk des Christentums" – mit der katholischen Kirche als Identitätsstifterin. Die Bollwerk-Idee vom "Polen als Christus der Völker" wurde im 19. Jahrhundert durch den polnischen Nationaldichter Adam Mickiewicz entwickelt. Sie stammt also aus der Romantik. Die vermeintlichen Angreifer, die es abzuwehren gelte, sind diffus und austauschbar. Einst war der angeblich barbarische Osten mit dem orthodoxen Russland der Gegner. Heute sind es die liberalen, säkularen Strömungen des Westens und der Islam – auch hier sind sich die PiS und die Kirchenführung großenteils einig. So sah der polnische Episkopat etwa das Treffen von Papst Franziskus mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill im Februar auf Kuba vor allem durch die weltweite "Verstärkung des aggressiven Säkularismus und Liberalismus" motiviert.

Schulterschluss im Kampf gegen das Fremde

Polens Kirche und die Nationalkonservativen sind durch den Gedanken geeint, dass sie stets fremde, nicht polnische Elemente abzuwehren hätten. Zu diesem Denkmuster trägt ein weiterer Mythos bei: die Verteidigung Wiens gegen den Angriff der Osmanen im Jahr 1683, an der Polens König Johann III. Sobieski samt Reiterheer beteiligt war. An der Weichsel wirkt der damalige Sieg des christlichen Abendlandes über den islamischen Orient im Kollektivbewusstsein bis heute nach, ebenso wie die Überzeugung von der symbiotischen Verschmelzung von Kirche und Nation. Pole und Katholik zu sein ist demnach dasselbe.

"Die Kirche in Polen hat innerhalb der letzten zwei Jahrhunderte auch eine Ersatzrolle für die fehlende staatliche Existenz und Unabhängigkeit gespielt, zuletzt im Kommunismus", sagt Zbigniew Nosowski. Der 55-Jährige ist Vizevorsitzender des Polnischen Rats der Christen und Juden und zugleich Chefredakteur der renommierten katholischen Zeitschrift Więź. Die Publikation vertritt einen progressiven Katholizismus. Anders als viele polnische Bischöfe begrüßt sie den neuen Kurs von Papst Franziskus.

Nosowski sagt: "Die katholische Kultur in Deutschland ist viel näher am deutschen Protestantismus als am polnischen Katholizismus." In Polen, so der Publizist, sei der Katholizimsus stärker klerikal geprägt. Bischöfe versuchten, religiösen und nicht nur sozialen Einfluss auf Politik und Staat zu nehmen. "In der polnischen Kirche lebt offenbar der Drang zu engen Beziehungen mit der staatlichen Macht wieder auf", schreibt Nosowski in seinem jüngsten Beitrag. "Erneut kommt die Sehnsucht nach einer Situation auf, in der ein einziges politisches Programm als gesellschaftliche Widerspiegelung des Evangeliums angesehen wird."

Wohl auch deshalb stört viele Bischöfe ausländische Kritik an der polnischen Regierung. "Aus dem Mund einiger westeuropäischer Politiker sind Vorwürfe an die Adresse unseres Landes zu hören", sagte Erzbischof Marek Jędraszewski, der Vizevorsitzende der Bischofskonferenz, missbilligend im Januar. Erzbischof Józef Michalik verstärkte das zu Ostern: Kräfte im Land "beschuldigen Polen und mobilisieren fremde Nationen zum Hass gegenüber polnischen Bürgern", die den Mut gehabt hätten, einen Regierungswechsel herbeizuführen. Worte wie diese haben Gewicht in Polen. 92 Prozent der Polen bekennen sich zum Katholizismus – der weltweit höchste Bevölkerungsanteil. Zwar geht die Religiosität tendenziell zurück. Doch immer noch besucht jeder zweite Pole regelmäßig die Sonntagsmesse. Neun von zehn Schülern sitzen im freiwilligen Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Die jährliche Erstkommunion im Mai ist ein landesweites Großereignis. Der Handel freut sich über einen zweiten Weihnachtsumsatz. Vor allem aber besitzen katholische Geistliche, Theologen und Publizisten – auch der vielen fundamentalistischen Zeitschriften – Einfluss auf einen großen Teil der Gesellschaft.

Die Kirche kämpft gegen Gender-Mainstreaming und Säkularisierung. Selbst progressive Kunst kann sie mitunter verhindern. So protestierten Bischöfe und Laien gegen ein als blasphemisch gescholtenes Theaterstück des Argentiniers Rodrigo García mit dem Titel "Golgota Picnic". Als das Stück 2012 im Hamburger Thalia-Theater aufgeführt worden war, demonstrierten nur ein paar erzkonservative Piusbrüder im Nieselregen. In Polen wurde das Drama auf Druck der Bischöfe 2014 kurzfristig abgesagt.

Doch schleichen sich zwischen Regierung und Kirche auch Dissonanzen ein. In der Frage, wie man mit den Flüchtlingen umgehen sollte, ist die Bischofskonferenz gespalten. Die einen warnen vor einer islamischen Gefahr, die anderen fordern mehr christliche Solidarität auch mit muslimischen Schutzsuchenden. Der für Flüchtlinge zuständige Bischof Krzysztof Zadarko sagte jetzt: "Der Unwille vieler Polen gegen Flüchtlinge kann daher rühren, dass sie einfach nicht vielen Menschen begegnen konnten, die vor dem Tod und dem Krieg fliehen." Zadarko lehnt ein zur Debatte stehendes Referendum über die Aufnahme von Asylsuchenden ab. Er plädiert stattdessen für einen Wettbewerb um das beste Integrationsprogramm für Menschen, die nach Polen kommen. Freunde macht er sich mit solchen Forderungen bei der Regierung wenig.

Ähnlich ging es Bischof Tadeusz Pieronek. Der verteidigte den früheren Präsidenten Lech Wałęsa, die lebende Ikone der Solidarność-Gewerkschaftsbewegung, als belastende Unterlagen über Wałęsas Vergangenheit als Inoffizieller Mitarbeiter der polnischen Stasi auftauchten. Überhaupt fürchtet die Kirche, dass die von der PiS betriebene Politik der Aufarbeitung der Zeit der Volksrepublik auch die Zusammenarbeit einiger Bischöfe mit dem kommunistischen Geheimdienst ans Licht bringen könnte – so wie schon in der ersten PiS-Regierungszeit von 2005 bis 2007.

Jesus wird als "König Polens" proklamiert

Zudem ist die PiS von Parteichef Jarosław Kaczyński ideologisch mitunter näher am einflussreichen Pater Tadeusz Rydzyk, der den nationakonservativen Radiosender Maryja und den TV-Kanal Trwam ("ich halte durch") betreibt, denn an der Amtskirche. "Wer auch immer seine Hand gegen die Kirche hebt, hebt seine Hand gegen Polen. Ohne Sie, Herr Direktor, hätten wir diesen Wahlsieg nicht", sagte Kaczyński bei einer großen Jubiläumsfeier des Senders Radio Maryja im Dezember 2015. Mehrere Mitglieder der Regierung waren ebenfalls auf der Feier und umschmeichelten den umtriebigen Geistlichen.

Zwar wurde ein Plan zur millionenschwere staatliche Förderung für Rydzyks Privathochschule in Thorn nach massiven Proteste der Opposition aufgegeben. Doch die Regierung hat das Projekt noch längst nicht begraben. Der Kulturminister in Warschau sieht an Rydzyks Hochschule "die Zukunft Polens" in der Ausbildung. Der 71-jährige Senderchef Rydzyk ist dabei nicht nur für die liberale Opposition im Land ein Albtraum. Auch vielen Erzbischöfen war der Geistliche, der seinen Anhängern ultrakonservative Meinungen serviert und zugleich geistige Linderung für ihre meist schwierige soziale Lage bietet, lange ein Dorn im Auge. Denn er untersteht ihnen nicht und agiert weitgehend autonom. Doch die Konservativen haben sich inzwischen mit Rydzyk abgefunden. Der Krakauer Erzbischof Stanisław Dziwisz, einst die rechte Hand von Papst Johannes Paul II., hat vor gut einem Jahr das Werk Rydzyks öffentlich gewürdigt – und zugleich die Spaltung der polnischen Kirche in die liberale Łagiewnicki- und die konservative Thorner Fraktion für beendet erklärt.

Die liberalen Bischöfe bilden innerhalb des Episkopats eine Minderheit. Das dürfte sich so bald nicht ändern – zumal nach der nationalkatholischen Wende in Parlament und Präsidentenpalast.

Der Theologe und Jesuit Stanisław Obirek zählte bereits vor dem Machtwechsel zu den führenden Kritikern der katholischen Kirche Polens. Seine Schelte am Kult rund um Johannes Paul II. machte ihn landesweit bekannt. "Die aktuelle Regierung", so Obirek, "hat sich unkritisch mit dem schädlichsten und geradezu destruktiven Katholizismus vereinigt. Dieser lehnt nicht nur die vor 50 Jahren beim Zweiten Vatikanischen Konzil durchgesetzten Reformen ab, sondern erklärte diese Demontage seiner Grundlagen zu seinem Programm."

Was das bedeutet, wird auch an einem anderen Ereignis offenbar. Im November soll Christus in einem feierlichen Akt als "König Polens" proklamiert werden. Fundamentalistische Gruppen haben das Projekt aufgebracht. Lange standen die Bischöfe der Proklamation skeptisch gegenüber. Doch sie beugten sich der Basis. Jetzt sagte Bischof Andrzej Czaja, dieser Akt werde "nicht das Ende, sondern der Beginn des Werkes der Inthronisierung Jesu Christi in Polen und in der polnischen Nation sein".

Die kirchentreue PiS dürfte die Königserhebung ebenfalls unterstützen. Ihr Abgeordneter Artur Górski sagte kurz vor seinem Tod am 1. April: "Die Idee der Königsherrschaft Jesu Christi lebt wieder auf! Herrsche über uns, Christus!"