Im Süden Londons, in Kennington, stehen wie aufgefädelt winzige Reihenhäuschen aus Ziegelstein. Hier wohnt der Publizist Paul Mason, Postkapitalismus heißt sein jüngstes Buch, es erscheint jetzt bei Suhrkamp. Drinnen lehnt Masons Fahrrad am Kamin, wie hat es nur durch den Flur gepasst? Hinter dem Rad ein Keyboard und eine Leinwand, auf der, impressionistisch getupft, eine Küstenlandschaft in Blauweiß entsteht, daneben ein wuchtiger Holztisch, auf dem nun Kuchen vom Bäcker wartet. Paul Mason, 56, freundlicher Handschlag, kräftige Stimme, brüht Kaffee auf. Der Mann hat etwas Barockes. Ein Kind der Arbeiterklasse, wie es sie seit Thatchers Kahlschlägen nicht mehr gibt. Enger kann es kaum sein als hier. Gemütlicher auch nicht.

DIE ZEIT: Sie haben gerade Ihren journalistischen Job beim Sender Channel 4 quittiert. Warum?

Paul Mason: Ich war gern bei Channel 4, aber ich wollte mich aus den Regeln der Unparteilichkeit des Fernsehens befreien. Jetzt kann ich mich um die postkapitalistische Agenda des Buchs kümmern.

ZEIT: Sie waren Musiker, Trotzkist und Journalist. Jetzt sind Sie Postkapitalist. Erklären Sie, wie das geht.

Mason: Ich habe Musik studiert, habe komponiert. Aber diese Liebe hat mich nicht satt gemacht. Also habe ich eines Tages die Posaune verkauft und wurde Journalist. Der Bergarbeiterstreik von 1984 hat mich zum linken Aktivisten gemacht. Damals hat der neoliberale Thatcherismus in wenigen Jahren die proletarische Arbeiterkultur, aus der ich komme, für immer sinnlos zerstört.

ZEIT: Nun sagen Sie in Ihrem Buch: Es ist Schluss. Arbeit im klassischen Sinne wird unser Denken nicht mehr bestimmen. Auch die Zeit des Wachstums ist bald vorbei. Die kapitalistische Wirtschaft stagniert. Diese Auffassung teilen Sie mit der OECD, aber auch mit Spitzenökonomen wie Summers, Gordon und Rogoff. Doch Sie gelangen über die Geschichte des marxistischen Denkens zu Ihrer Diagnose.

Mason: Geschichtliche Kenntnisse sind hilfreich. Der Kapitalismus hat vor Jahrhunderten im Niedergang des Feudalismus seinen Anfang genommen, es ist also nicht überraschend, wenn er eines Tages auch ein Ende hat. Heute hat er in der entwickelten Welt seine beste Zeit hinter sich, in der übrigen Welt wird sie noch zu unseren Lebzeiten vorbei sein. Die Epoche, in der sich neue Märkte erschließen lassen, geht zu Ende. Es ist ja längst alles käuflich. Nur ein paar Küsse sind noch umsonst.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 7.4.2016.

ZEIT: Erschreckt Sie das?

Mason: Anders als viele Ökonomen finde ich die Perspektive der Stagnation nicht schlimm. Es ist heute kein utopischer Traum mehr, den Kapitalismus zu ersetzen.

ZEIT: Die Panama-Leaks zeigen aber, dass jedenfalls das Kapital noch quicklebendig ist, oder?

Mason: Diese Enthüllungen zeigen, wie sehr der wahre Kapitalismus zu einer Untergrundwelt geworden ist. So wie die Banken in der Dämmerung des Systems am Rand der Rechtmäßigkeit gearbeitet haben, entziehen große Teile der kapitalistischen Elite ihr Vermögen den offiziellen Bahnen. Würden diese Abermilliarden ins System zurückfließen und versteuert, käme das der Wirkung einer Geldschöpfung gleich.