Wir kamen aus der Steppe. Der Wind, der dort wehte, trug Sand. Über den Häusern lag der schwarze Staub der Kohlegruben. Über dem Land lag der Staub des Sowjetsystems, das gerade zerfiel. Wir kamen aus Karaganda in Kasachstan. Dort hatten wir alles verkauft und verschenkt, die Bücher, das Hochzeitskleid meiner Mutter, die Datscha. Es war der Sommer 1990, und wir wollten weg.

Ich war zwei Jahre alt. Mein Vater, meine Mutter, meine beiden großen Brüder und ich stiegen zum ersten Mal in unserem Leben in ein Flugzeug. Von oben sahen wir grüne Ordnung, der Wald drückte sich brav in Rechtecke. Wir landeten in Düsseldorf. Diese Luft. Das war das Erste, was uns auffiel. Wer diese Luft atmet, kann gar nicht unglücklich werden, sagte meine Mutter. Meine Eltern hatten uns Kinder aus dem Sand der Steppe gehoben und wollten uns hier wieder einpflanzen. Und auch sich selbst, so gut das eben ging.

Heute, 25 Jahre später, werden wir als Teil einer gelungenen Integration gesehen, als Erfolgsgeschichte. Etwa drei Millionen Aussiedler kamen zwischen 1987 und 2005 aus der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa. Heute sagen die Statistiken: Wir Russlanddeutschen sind nicht häufiger arbeitslos als die anderen Deutschen und auch nicht viel öfter kriminell. Der größte Schlagerstar des Landes ist eine mit altertümlichem Namen, wie nur wir sie haben oder Kinder vom Prenzlauer Berg: Helene. Manchmal singt sie ein russisches Medley und tanzt den Kosakentanz.

Woran liegt es, dass alles so gut lief?, frage ich mich jetzt manchmal. Jetzt, wo wieder Millionen kommen.

Anders als die sind wir nicht gegangen, weil wir es schlecht hatten. Meine Eltern hatten Arbeit und eine schöne Wohnung. Wir sind gegangen, weil wir Deutsche sind, Russlanddeutsche, keine Russen. Meine Großeltern wurden nach Zentralasien verschleppt, nachdem das deutsche Reich die Sowjetunion 1941 angegriffen hatte. Sie mussten in Lagern arbeiten, wurden als Feinde gesehen, als Faschisten. Auch später durften Russlanddeutsche kein Deutsch sprechen, schafften es wegen einer Quotenregelung kaum in die Hochschulen, ihre Religion war verboten.

Unsere Ausreise im Sommer 1990 lief offiziell unter dem schönen Wort "Heimkehr". Die CDU und vor allem Helmut Kohl hatten sich für uns starkgemacht, was seiner Partei Millionen dankbarer Wähler brachte. Gorbatschow ließ uns irgendwann gehen. Heimkehren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 7.4.2016.

Meine Großeltern sprachen fließend Deutsch, einen altertümlichen Dialekt, aber immerhin. Meine Eltern verstanden vieles, konnten sich aber nicht ausdrücken. Meine Brüder und ich sprachen nur Russisch.

Wann ist man in einem anderen Land angekommen? Wenn man arbeiten und wählen geht? Ein Haus gebaut hat? Wenn man jedem Substantiv den korrekten Artikel zuweist?

Russlanddeutsche sagen zu solchen Fragen in der Regel nicht viel mehr als: "Keine Probleme, Gott sei Dank." Vielleicht fällt es schwer, eine Antwort zu finden, weil das Ankommen dauert und man nicht merkt, wie es passiert, obwohl es doch so anstrengend ist. Vielleicht fällt es auch schwer, weil man dann spürt, wie fremd man geblieben ist.

Ich beginne bei meinen Eltern. Ich rufe noch öfter an als sonst, dann fahre ich zu ihnen in ihren kleinen bayerischen Ort in der Nähe von Augsburg und kündige an, für unbegrenzte Zeit zu bleiben.

Warum hat das bei euch geklappt?

"Unser einziges Problem war die Sprache", antwortet meine Mutter. Lass gut sein, Kind, so klingt das. Ich hole die alten Fotoalben. Wir setzen uns ins Wohnzimmer, die Folie knistert beim Umblättern. So schnell gebe ich nicht auf.

Irgendwann stehe ich dann mit meiner Mutter im Hauseingang des Wohnheims, in dem wir die ersten zwei Jahre gelebt haben. Wir teilten uns ein Zimmer in einer Dreizimmerwohnung, in den beiden anderen Räumen lebten andere Familien. Ich will sehen, wer heute hier wohnt und ob ich Erinnerungen an diesen Ort habe. Deshalb habe ich meine Mutter auf einem Spaziergang unauffällig hergelotst.

Die meisten nannten uns anfangs einfach Russen. "Russe", dieses Wort wurde nicht gesprochen, sondern gespuckt. Viele glaubten zu wissen: Uns werde alles bezahlt, Häuser, Autos, Urlaube. 50.000 Mark pro Person. Es war auch damals eine Zeit, in der Asylbewerberheime brannten. In unserem Wohnheim sahen meine Eltern die Bilder aus Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen im Fernsehen. Die brennenden Heime unterbrachen Sendungen wie Tuttifrutti oder Liebesgrüße aus der Lederhose. Meine Eltern hatten Angst, sie fragten sich bei dem Fernsehprogramm aber auch, ob die Deutschen nicht vollkommen bekloppt waren.