Langweilig ist es in Sumte, diesem 102-Einwohner-Dorf im Nordosten Niedersachsens, trist und still. Pferde wiehern, und Schafe blöken, Hühner gackern über einen Hof, der Wind bläst über die Wiesen, vorn und hinten, links und rechts, überall Wiese, überall Wind, kein Mensch ist auf der Straße. 35 Kilometer bis Lüneburg, 90 Kilometer bis Hamburg, die Zeit steht. Besser hätte es gar nicht laufen können.

Die Stille und auch die Trostlosigkeit sind Ausdruck des Erfolgs. Der Erfolg eines Experiments, das im vergangenen November begann und Sumte zum Symbol der deutschen Flüchtlingspolitik machte, zum Gradmesser der Willkommenskultur. In einer Notunterkunft sollten 750 Flüchtlinge untergebracht werden, auf dem früheren Gelände eines Inkassounternehmens, in einem Areal mit leer stehenden kleinen Bürogebäuden am Ortseingang dieses 102-Einwohner-Dorfs.

Sieben Flüchtlinge auf jeden Bewohner, das hatte Sumte im Winter 2015 berühmt gemacht, im Winter nach dem Willkommenssommer. Al-Dschasira und die New York Times schickten Reporter, TV-Sender aus China und Russland kamen; die ganze Welt schaute zu, wie in diesem kleinen niedersächsischen Dorf versucht wurde, die Flüchtlingskrise zu organisieren. Auch die ZEIT berichtete (Nr. 46/15).

Und nun, ein knappes halbes Jahr später, scheint es, als sei das Sumte-Experiment wirklich gelungen: Eine Frau jätet Unkraut in ihrem Gemüsegarten, ein Mann führt seine Pferde von der Koppel in den Stall. Sie grüßt, moin, er grüßt, nickt mit dem Kopf, moin, die Pferdehufe klackern über den Asphalt. Sumte, das ist wie Ferien auf dem Bauernhof.

Natürlich war der Anspruch nicht übermäßig hoch, hier geht es ja nicht um Integration, sondern um einen Zwischenaufenthalt von ungefähr drei Monaten in einer Notunterkunft, die in der Einwanderungsbiografie der Flüchtlinge noch vor der Zentralen Erstaufnahme kommt. Dennoch ist es nicht selbstverständlich, dass eine kleine Dorfgemeinschaft mit Hunderten von Fremden zurechtkommt, zumal in einer dünn besiedelten Region auf dem platten Land.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 16 vom 7. April 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Vier Kilometer entfernt von Sumte liegt die Gemeinde Amt Neuhaus. Sumte und sechs weitere Ortschaften werden von hier aus verwaltet. Das Leben in der Unterkunft in Sumte organisiert der Arbeiter-Samariter-Bund, der Betreiber der Einrichtung. Das Leben mit der Einrichtung wird in Amt Neuhaus organisiert.

In einem Fachwerkhaus hinterm Busbahnhof hat Grit Richter ihr Büro. Sie ist seit fünf Jahren die Bürgermeisterin in Amt Neuhaus, 53 Jahre alt, parteilos. Die Menschen hätten Bedenken, keine Erfahrung mit so einer Situation, sagte sie im vergangenen November im Gespräch mit der ZEIT. Das sei alles unverhältnismäßig, so viele Flüchtlinge. "Aber das darf doch noch lange kein Grund sein, zu sagen, dass das nicht geht. Wir wissen doch gar nicht, ob es nicht doch geht", sagte Grit Richter damals.

Das Problem mit dem Ladendiebstahl wurde elektronisch gelöst

Und heute, hat sich das Leben verändert? "Nicht wirklich", sagt die Bürgermeisterin, "es ist einfach gelaufen." Selbst im Dezember und Januar ist es einfach gelaufen, als die Menschen kamen und kamen und kamen, manche direkt an der deutschen Grenze eingesammelt und nach Sumte gebracht, und als die Transfers in die Folgeunterkünfte stockten. Bis zu 706 Menschen lebten zeitweise in der Unterkunft, aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Flüchtlinge aus 27 Nationen, mehr als 200 von ihnen Kinder. "Aber die Menschen in Neuhaus haben gesehen, dass man mindestens nebeneinander gut leben kann in dieser Situation mit der Notunterkunft", sagt Grit Richter.

Hinter dem Gemeindeamt haben sie vor Jahren einen kleinen Spielplatz gebaut, drumherum Bänke aufgestellt. "Na klar, dort sitzen auch schon mal Menschen, die dort früher nicht gesessen haben", sagt Grit Richter. "Und wir stellen da jetzt noch eine Sitzgruppe hin, dass auch alle Platz haben." Ganz pragmatisch, ganz einfach.