Es ist eine gut gepflegte Tradition im österreichischen Tourismus: Jährlich begleitet den Beginn der Wintersaison großes Schlossgeheul über den ausbleibenden Schnee und die Angst vor leer stehenden Zimmern. Neigt sich das Treiben auf den Pisten dem Ende zu, wird eine Kennziffer hervorgekramt, mit der eine positive Bilanz, wenn nicht gleich ein neuer Rekord vorgerechnet werden kann. So auch dieses Jahr. Die Zahl der Wahl: Die Ankünfte und Nächtigungen. "Neue Höchstwerte", jubelte das Wirtschaftsministerium vergangene Woche über den vermeintlichen "Rekord". Der Boulevard frohlockt. Dem Wirtschaftsstandort gehe es gut, ist die Botschaft, Begehrlichkeiten aufmüpfiger Unternehmer werden damit gleich abgewürgt. Doch sagen die Zahlen tatsächlich etwas über den Zustand des österreichischen Tourismus aus? Macht es Sinn, aus ihnen Rekorde herauszulesen?

"So ein Schwachsinn", murrt Alfons Parth, Hotelier und Obmann des Tourismusverbandes in Ischgl. Im Tiroler Paznaun hat man an und für sich kein Problem mit großen Ziffern und Rekorden. Doch der jährliche Zahlenspuk geht selbst den Tourismusunternehmern in der Tiroler Bergwelt zusehend auf die Nerven. "Den Erfolg misst man nicht mit Nächtigungen und Ankünften. Jedes Jahr sucht man irgendeine Statistik, die ein Plus hergibt und verkündet die groß. Das ist eine politische Philosophie. Das sind beratungsresistente Büroattentäter. Denn über die Wertschöpfung sagen die Zahlen gar nichts aus, und um die steht es nicht gut."

Jammern gehört für Touristiker einfach dazu. Mittlerweile geben ihnen sogar Experten recht

Die Rahmenbedingungen für den Tourismus haben sich in den vergangenen Jahren rasant geändert. Während Gäste immer kürzer bleiben, ist das Marketing, um sie anzulocken, komplizierter und teurer geworden. Genügte es einst, in einer Handvoll Fremdenverkehrskatalogen aufzuscheinen, müssen nun unzählige Kanäle bespielt werden. Viele Betriebe haben die Werbung längst an Agenturen ausgelagert, die Kosten sind gestiegen – und Tourismusbetriebe sind bekannt dafür, am betriebswirtschaftlichen Limit zu agieren.

"Es ist eine sehr kapitalintensive Branche, die den Einsatz von viel Geld braucht", sagt Franz Hartl, Geschäftsführer der österreichischen Hotel- und Tourismusbank. Ein durchschnittlicher Viersternebetrieb habe 4,7 Millionen Euro Aktiva im Jahr und sei zu 3,2 Millionen Euro von Banken finanziert. Diese Kredite müssen bedient werden. "Mit dem derzeit niedrigen Zinssatz geht sich das im wirtschaftlichen Ergebnis gerade noch aus, aber die Frage ist, was passiert, wenn sich die Zinsen massiv erhöhen", sagt Hartl.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 16 vom 7.4.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Zinsentwicklung ist vorläufig noch ein Damoklesschwert, das über dem Tourismus schwebt. Ein anderer Schadensfall ist bereits eingetreten: Die Umsatzsteuer für Beherbergungsleistungen wird im Zuge der Steuerreform auf 13 Prozent angehoben. "Dabei hat das EU-Parlament bereits 1997 empfohlen, diese Steuer einheitlich auf 5,5 Prozent zu reduzieren", sagt Thomas Reisenzahn von der Prodinger Tourismusberatung. "23 EU-Staaten sind derzeit unter unserem Satz, das ist ein massiver Ertragsnachteil."

Das Jammern über die politischen Rahmenbedingungen gehört für Touristiker seit Jahrzehnten zum Lebensgefühl. Egal mit wem man spricht, von kleinen Familienbetrieben, die sanften Tourismus forcieren, über Wissenschaftler bis hin zu Skigebietsbetreibern, die vor allem mit Größenwahn von sich reden machen – alle beklagen, dass das derzeit noch hohe Niveau langsam erodiert. Sie fühlen sich im Stich gelassen.

Das Schaltjahr wurde in den Jubelstatistiken einfach nicht berücksichtigt

Wer einen genaueren Blick auf andere Zahlen riskiert, merkt rasch, dass der Tourismus zwar nach wie vor gut läuft, von einem Höhenflug kann aber keine Rede sein. Und das nicht nur, weil die schöngerechneten Meldungen, die auf Daten der Statistik Austria beruhen, handwerkliche Schwächen beinhalten: Es wurden die Nächtigungs- und Ankunftszahlen von 2015 mit den aktuellen verglichen, allerdings dabei das Schaltjahr nicht berücksichtigt. Doch einen 29. Februar gibt es eben nur alle vier Jahre ein Mal.

Die Zahl der Betten steigt, die Preise sinken, und die Einnahmen pro Zimmer erhöhen sich lediglich um die Inflationsrate: Laut Erhebungen der Tourismusbank von 8700 Euro im Jahr 2010 auf derzeit 9600 Euro im Jahr.

Und die realen Umsätze lagen in diesem Jahr nach Berechnungen des Wirtschaftsforschungsinstitus (Wifo) bislang nicht einmal um einen Prozent über dem Vorjahr. Der Spielraum für neue Projekte wird enger.

"Bei vielen großen Investitionen wie den Zusammenschlüssen von Skigebieten ist schon die Frage zu stellen, ob es noch gerechtfertigt ist, dafür öffentliche Gelder zu verwenden", sagt Oliver Fritz vom Wifo. Längerfristig müsse es das Ziel sein, mehr Gäste in den Sommer zu bringen. Dafür könnten auch Teile der Winterinfrastruktur benutzt werden. "Doch Anpassungsstrategien sind schwierig, und deshalb reagieren viele fast aggressiv auf Fragen nach der Zukunft des Wintertourismus und das Wort Klimawandel."

Auch der Nationalratsabgeordnete der Neos und Hotelier Sepp Schellhorn kennt diese Debatten. "Wir brauchen einen Masterplan für den Tourismus in den nächsten Jahrzehnten, aber der wird durch Jubelmeldungen verhindert", sagt der frühere Präsident der Österreichischen Hoteliervereinigung. "Wir müssen für die Bewerbung länderübergreifende Konzepte entwickeln, der Tourismus macht nicht an den Staatsgrenzen halt."

Immer höher, immer weiter. Wer hat die meisten Pistenkilometer, die höchstgelegenen Konzerte, das lauteste Spektakel, die größten Aussichtsplattformen oder die längsten Seilbahnen – der österreichische Wintertourismus operiert mit Superlativen. Jeder will den anderen im Nachbartal übertrumpfen, alle igeln sich auf ihrem Berg ein und schauen neidisch auf den Gipfel nebenan. Vielleicht wird sich das bald ändern. Denn die Zeiten des rasanten Wachstums sind vorbei.