Ulrich Nußbaum kennt die Mechanismen der Macht – in der Wirtschaft und der Politik. Als Gesellschafter eines Fischverarbeitungsunternehmens hat er ein Millionenvermögen gemacht, bevor er parteiloser Finanzsenator in Bremen und später in Berlin wurde. Der 58-Jährige redet ganz offen über seine Erfahrungen: Warum Ehrlichkeit in Parteien wenig zählt. Was ihn trotzdem am Regieren reizt. Und was er von Lobbyisten hält. Denn das ist er heute: Präsident des Deutschen Verkehrsforums und damit einer der wichtigsten Interessenvertreter im Land. Weil er so ungewöhnlich ist, haben wir uns an einem ungewöhnlichen Gespräch versucht – und Nußbaum gebeten, folgende Sätze zu vervollständigen:

DIE ZEIT: Bevor ich Lobbyist wurde, dachte ich über Lobbyisten ...

Ulrich Nußbaum: ... bleibt mir vom Hals.

ZEIT: Bevor ich Politiker wurde, dachte ich über Politiker ...

Nußbaum: ... nicht groß nach.

ZEIT: Ich bin dann aber dennoch in die Politik gegangen, weil ...

Nußbaum: … ich von einem sehr interessanten Politiker geholt wurde: Henning Scherf, damals Bürgermeister von Bremen. Er hat mich zum parteilosen Finanzsenator gemacht. An Scherf mochte ich, dass er in diesem privat so reichen und öffentlich so armen Bremen immer versucht hat, die gesellschaftlichen Schichten miteinander zu versöhnen. Er wollte die wohlhabenden Bürgerlichen und die ärmeren Leute zueinander bringen. Das hat mir imponiert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 7.4.2016.

ZEIT: Als ich in Berlin Finanzsenator wurde, traf ich auf Klaus Wowereit, der ...

Nußbaum: ... mir auf eine andere Art imponierte als Henning Scherf. Bei Wowereit lernte ich etwas kennen, das mir vorher nicht bewusst gewesen war: Es gibt tatsächlich so etwas wie ein Politiker-Gen. Und Wowereit hat es. Der war nach einem langen Arbeitstag und vielen Terminen so richtig aufgeladen, der Tag hatte ihm fortwährend Energie zugeführt. Mich dagegen konnten sie fast auswringen. Ich glaube, das ist etwas, was Manager oder Unternehmer von Politikern unterscheidet: Als Unternehmer habe ich jeden Tag sehr lange gearbeitet, und am Ende des Tages musste ich schauen, dass ich meine sechs, sieben Stunden Schlaf bekam, um die Akkus wieder aufzuladen. Wowereit lud seine Akkus während des Tages auf, bei jedem Termin, fast wie bei einem Schauspieler, der vom Beifall lebt.

ZEIT: Die Politik hat mich verändert, sie hat mich ...

Nußbaum: ... sehr vorsichtig gemacht. Die Öffentlichkeit will zwar, dass man ehrlich ist. Vielleicht war ich deswegen in Berlin am Ende der beliebteste Politiker. Aber das politische System honoriert Unabhängigkeit und Ehrlichkeit nicht richtig. Sie stecken da in einem komplexen Beziehungsgeflecht. Um in der Karriere weiterzukommen, müssen Sie von der Partei in Ämter gewählt werden. Und wenn Sie jemandem in der Sache auf die Füße treten, dann bekommen Sie dessen Stimme bei der nächsten Wahl nicht. Als Unternehmer kann mir Beliebtheit egal sein, als Politiker nicht. Wobei es bei einem Finanzsenator manchmal auch zum Job gehören kann, sich unbeliebt zu machen.

ZEIT: Die SPD hat mit Parteilosen in ihren Reihen ein Problem, weil ...

Nußbaum: ... die als politisch unzuverlässig gelten. Leute wie ich sind zu unabhängig, die müssen sich nicht immer an die Parteilinie halten, um weiter einen Job zu haben. Das wirkt unberechenbar. Ich habe spät begriffen, dass das ein Grundproblem ist. Wenn Sie in der SPD sind, erwarten die Genossen schon, dass Sie in den Basisfragen zu einem der parteiinternen Lager gehören. Loyalität alleine zählt nicht. Das gilt übrigens für alle Parteien.