Guido Fluri empfängt in Cham. Er bittet an einen langen Holztisch in seinem großen Büro und tut, was er in den letzten beiden Jahren unaufhörlich getan hat: Er redet. Und redet. Sein Schreibtisch steht verlassen in einer Ecke, den Bürostuhl hat ein dicker, grauer Kater eingenommen. Kein Wunder, der Multimillionär hat kaum Zeit, sich um seine Geschäfte zu kümmern. Das tun seine CEOs in den verschiedenen Firmen. Sie bewirtschaften Immobilien, kümmern sich um Modelabels, die Miss-Schweiz-Wahlen und vieles mehr, was zum Imperium des 49-Jährigen gehört. Er aber widmet sich einer anderen, viel wichtigeren Sache: der Wiedergutmachung. Mit einer Volksinitiative will er den Opfern fürsorgerischer Zwangsmaßnahmen zu ihrem Recht verhelfen: mit wissenschaftlicher Aufarbeitung und Geld; einer symbolischen Summe als Anerkennung für das Leid, das ihnen bis in die 1980er Jahre angetan wurde.

Das Engagement, zu dem auch gehört, dass er eine Gedenkstätte errichten ließ und Betroffenen unkompliziert mit Geld aushilft, kostet ihn seit zwei Jahren 60 Prozent seiner Zeit. Und viel Geld. "Schreiben Sie 'mehrere Millionen', dann liegen Sie nicht falsch."

Am 26. April entscheidet sich, ob sich der Aufwand gelohnt hat. Dann behandelt der Nationalrat die Wiedergutmachungsinitiative – zusammen mit dem indirekten Gegenvorschlag des Bundesrats, der sich nur vermeintlich von der Initiative unterscheidet, im Kern aber dasselbe will: im Schnitt 25.000 Franken für jedes Opfer. Dass die Initiative 500 Millionen Franken fordert, der Bundesrat aber nur 300 Millionen, ergibt sich allein daraus, dass Fluri und seine Mitstreiter großzügig rechneten und von 20.000 Betroffenen ausgingen, die Bundesbeamten aber nur von 12.000 bis 15.000.

Es sieht gut aus für den Gegenvorschlag. Doch Fluri sagt: "Man darf sich nie sicher sein." Zu viele Politiker seien "in parteipolitischen Zwängen gefangen". Und zu oft habe er den Satz gehört, der für ihn nichts als "ein Schutzargument" ist: "Leid kann man nicht gegen Geld aufwiegen."

Jahrelang hat dieser Satz die politische Debatte geprägt. Auch dann noch, als längst klar war, dass die Opfer fürsorgerischer Zwangsmaßnahmen rehabilitiert werden sollen. Der Prozess wurde 2011 durch eine parlamentarische Initiative des damaligen SP-Nationalrats Paul Rechsteiner angestoßen. Eine unabhängige Expertenkommission ist inzwischen daran, einen Teil dieser Geschichte wissenschaftlich aufzuarbeiten. Im Frühling 2013 entschuldigte sich Simonetta Sommaruga im Namen des Bundesrates für das große Leid, das in der Vergangenheit Tausenden angetan wurde.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 16 vom 7.4.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Aber Geld? "Eine Wiedergutmachung finanzieller Art (...) lehnt die Kommission hingegen ab", schreibt noch im September 2013 die Rechtskommission des Nationalrates.

Für den Solothurner FDP-Politiker Kurt Fluri gilt im Prinzip noch immer: Geld ist bei diesem Thema fehl am Platz. "Juristisch gesehen wäre die Sache eigentlich klar: Die Initiative ist unhaltbar, genauso wie der Gegenvorschlag", sagt er. Juristisch korrekt müsste in jedem einzelnen Fall bewiesen werden können, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Unrecht, das einem Menschen in der Vergangenheit angetan wurde, und dem Schaden, den er daraus erlitten hat. "Das aber ist unmöglich. Nicht nur, weil die meisten Fälle verjährt sind, sondern auch, weil vieles nach damaligem Recht korrekt war", sagt Nationalrat Kurt Fluri.

Dieses Argument und die Angst von Politikern, mit einer finanziellen Entschädigung ein Präjudiz zu schaffen, das andere Opfergruppen auf den Plan rufen könnte, brachten Guido Fluri im Herbst 2013 dazu, selber aktiv zu werden. "Der Entscheid fiel in einer Nachtübung, morgens um drei, ich stand auf, weil ich nicht mehr schlafen konnte. Und ich sagte mir: So geht es nicht!"

Zu gut konnte er sich in die Menschen einfühlen, die als Kinder auf Bauernhöfe verdingt wurden, zwangssterilisiert, in der Psychiatrie versorgt oder in Heime abgeschoben. So wie er selber.

In Olten geboren als uneheliches Kind einer 17-Jährigen, wurde Guido Fluri, wann, weiß er bis heute nicht, nach Mümliswil in ein Kinderheim gebracht. Dort hat er seine Kindheit verbracht und drei Dörfer weiter in Matzendorf die Schule besucht. "Da hast du dich geschämt und einen roten Kopf gekriegt, wenn du in der Schule beim Einschreiben wieder gefragt wurdest: Wie heißt der Vater – und man keine Antwort hatte." Erzählt er von damals, geht ihm kein "ich" über die Lippen. Er scheint erst zu existieren, wenn er von seinem Aufstieg berichtet, von Selbstreflexion, Therapie und seinem Erfolg als Geschäftsmann und Investor.

Pickelhart sei es gewesen, die Politiker zu überzeugen

Eigentlich spricht alles gegen die Initiative. Die Menschen, die von ihr profitieren werden, sind politisch ungefährlich, sie haben weder Macht noch Einfluss. Lange sah es danach aus, als würde sich das Problem eines Tages von selber lösen, wenn das letzte Opfer aus dieser Zeit gestorben ist.

Trotzdem: Ende Monat dürfte der Nationalrat und im Sommer der Ständerat das Wunder der Wiedergutmachung perfekt machen. Wie wurde das möglich?