DIE ZEIT: Herr Gauland, Sie waren 40 Jahre lang in der CDU, in einem respektierten konservativen Umfeld, jetzt stehen Sie am Rand des politischen Spektrums. Wie haben Sie sich radikalisiert?

Alexander Gauland: Was ich heute sage, habe ich auch schon früher vertreten. Ich stehe weiterhin in der Mitte, anders als die heutige CDU.

ZEIT: Damals waren Sie ein Intellektueller in einer liberal-konservativen Partei, heute sind Sie Politiker in einer radikalen Partei. Deswegen wirken die Sätze aus Ihrem Buch Anleitung zum Konservativsein aus dem Jahre 2002 jetzt anders, etwa die Forderung, "das Sittengesetz eines Volkes" müsse verteidigt werden. Was bitte soll das bedeuten?

Gauland: Das ist das, woraus sich ein Volk entwickelt hat, aus Geschichte, Tradition, aus Umbrüchen. Sie können die Formulierung auch durch das Wort "Identität" ersetzen, und diese Identität verteidigen andere Völker sehr viel stärker. Das hat natürlich mit Auschwitz zu tun. Ich war kürzlich das erste Mal in Auschwitz, wobei ich festgestellt habe, dass es mich nicht mehr ergriffen hat, anders als bei meinem Besuch in Buchenwald. Es ist wie gefrorener Schrecken. Wenn man die vielen Haare und Pinsel und Koffer sieht, hat man plötzlich das Gefühl, das ist versteinert, das spricht nicht mehr. Ich glaube, dass Auschwitz, auch als Symbol, viel in uns zerstört hat.

ZEIT: Waren es nicht wir, die da etwas zerstört haben?

Gauland: Richtig, aber es ist dabei sehr viel mehr kaputtgegangen. Die Nazis haben viele Dinge berührt, die durch diese Berührung plötzlich nicht mehr sagbar wurden. Der Nationalstolz, den jeder Engländer, jeder Franzose empfindet, ist doch bei uns enorm hinterfragt, nach dem Motto: Dürfen wir das eigentlich noch sagen?

ZEIT: Es hat außerhalb der deutschen Geschichte eben kein Verbrechen wie Auschwitz gegeben.

Gauland: Ja. Hitler hat sehr viel mehr zerstört als die Städte und die Menschen, er hat den Deutschen das Rückgrat gebrochen, weitgehend.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 14.4.2016.

ZEIT: Jetzt sind wir schon nach fünf Minuten bei unserer größten Differenz. Im Gegensatz zu Ihnen schätzen wir gerade das Deutschland, das sich in Negation zum Nationalsozialismus entwickelt hat. Es ist heute sehr erfolgreich und auf positive Weise mächtig. Es genießt großes Ansehen und hat eine prosperierende Wirtschaft. Das hat sicher auch mit den sogenannten deutschen Tugenden zu tun, Pünktlichkeit, Fleiß, Genauigkeit – aber noch mehr mit einer neuen Post-Auschwitz-Haltung. Deutschland ist ökologischer, weiblicher, offener, föderaler, weniger militärisch. Das macht uns so erfolgreich. Können Sie sich darüber nicht freuen?

Gauland: Gegen diesen Teil der Identität habe ich gar nichts. Ich bestreite auch nicht, dass wir im Moment erfolgreich sind. Ich bezweifle aber, dass wir Krisensituationen bewältigen können ohne Rückbezug auf unsere Tradition. Schauen Sie sich mal ein Land wie Großbritannien an, das nach dem Zweiten Weltkrieg sehr krisenhafte Zeiten durchgestanden hat. Trotzdem hat die englische Nation immer zusammengehalten, und sie hält zusammen, weil es Traditionen gibt, die wir zum Teil seltsam finden, diese Verehrung der Queen, dass da auf jeder Teetasse das 75. Jubiläum gefeiert wird. All das hat aber offensichtlich eine stabilisierende Wirkung.

ZEIT: Haben denn die Briten größere Krisen durchlebt als wir nach dem Krieg?

Gauland: Die Auflösung des Empires. Da hat sich England völlig verändert.

ZEIT: Aber Deutschland nach 1945, waren das weniger schwere Zeiten?