DIE ZEIT: Herr Gauland, Sie waren 40 Jahre lang in der CDU, in einem respektierten konservativen Umfeld, jetzt stehen Sie am Rand des politischen Spektrums. Wie haben Sie sich radikalisiert?

Alexander Gauland: Was ich heute sage, habe ich auch schon früher vertreten. Ich stehe weiterhin in der Mitte, anders als die heutige CDU.

ZEIT: Damals waren Sie ein Intellektueller in einer liberal-konservativen Partei, heute sind Sie Politiker in einer radikalen Partei. Deswegen wirken die Sätze aus Ihrem Buch Anleitung zum Konservativsein aus dem Jahre 2002 jetzt anders, etwa die Forderung, "das Sittengesetz eines Volkes" müsse verteidigt werden. Was bitte soll das bedeuten?

Gauland: Das ist das, woraus sich ein Volk entwickelt hat, aus Geschichte, Tradition, aus Umbrüchen. Sie können die Formulierung auch durch das Wort "Identität" ersetzen, und diese Identität verteidigen andere Völker sehr viel stärker. Das hat natürlich mit Auschwitz zu tun. Ich war kürzlich das erste Mal in Auschwitz, wobei ich festgestellt habe, dass es mich nicht mehr ergriffen hat, anders als bei meinem Besuch in Buchenwald. Es ist wie gefrorener Schrecken. Wenn man die vielen Haare und Pinsel und Koffer sieht, hat man plötzlich das Gefühl, das ist versteinert, das spricht nicht mehr. Ich glaube, dass Auschwitz, auch als Symbol, viel in uns zerstört hat.

ZEIT: Waren es nicht wir, die da etwas zerstört haben?

Gauland: Richtig, aber es ist dabei sehr viel mehr kaputtgegangen. Die Nazis haben viele Dinge berührt, die durch diese Berührung plötzlich nicht mehr sagbar wurden. Der Nationalstolz, den jeder Engländer, jeder Franzose empfindet, ist doch bei uns enorm hinterfragt, nach dem Motto: Dürfen wir das eigentlich noch sagen?

ZEIT: Es hat außerhalb der deutschen Geschichte eben kein Verbrechen wie Auschwitz gegeben.

Gauland: Ja. Hitler hat sehr viel mehr zerstört als die Städte und die Menschen, er hat den Deutschen das Rückgrat gebrochen, weitgehend.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 14.4.2016.

ZEIT: Jetzt sind wir schon nach fünf Minuten bei unserer größten Differenz. Im Gegensatz zu Ihnen schätzen wir gerade das Deutschland, das sich in Negation zum Nationalsozialismus entwickelt hat. Es ist heute sehr erfolgreich und auf positive Weise mächtig. Es genießt großes Ansehen und hat eine prosperierende Wirtschaft. Das hat sicher auch mit den sogenannten deutschen Tugenden zu tun, Pünktlichkeit, Fleiß, Genauigkeit – aber noch mehr mit einer neuen Post-Auschwitz-Haltung. Deutschland ist ökologischer, weiblicher, offener, föderaler, weniger militärisch. Das macht uns so erfolgreich. Können Sie sich darüber nicht freuen?

Gauland: Gegen diesen Teil der Identität habe ich gar nichts. Ich bestreite auch nicht, dass wir im Moment erfolgreich sind. Ich bezweifle aber, dass wir Krisensituationen bewältigen können ohne Rückbezug auf unsere Tradition. Schauen Sie sich mal ein Land wie Großbritannien an, das nach dem Zweiten Weltkrieg sehr krisenhafte Zeiten durchgestanden hat. Trotzdem hat die englische Nation immer zusammengehalten, und sie hält zusammen, weil es Traditionen gibt, die wir zum Teil seltsam finden, diese Verehrung der Queen, dass da auf jeder Teetasse das 75. Jubiläum gefeiert wird. All das hat aber offensichtlich eine stabilisierende Wirkung.

ZEIT: Haben denn die Briten größere Krisen durchlebt als wir nach dem Krieg?

Gauland: Die Auflösung des Empires. Da hat sich England völlig verändert.

ZEIT: Aber Deutschland nach 1945, waren das weniger schwere Zeiten?

"Ich will nicht, dass der Islam in Deutschland ist"

Gauland: Wir haben es zumindest in einer Frage schwerer: Die Engländer müssen sich nicht mit Auschwitz herumschlagen. Die zwölf Jahre sind für die Briten eine heroische Zeit.

ZEIT: Sie sind fixiert auf diese zwölf Jahre. Uns erstaunt, dass Sie mit den Lernprozessen der Deutschen nach 1945 gar nichts anfangen können: Westbindung, NS-Aufarbeitung, Weizsäcker-Rede. Dass ein Volk in der Lage ist, Schlüsse aus seiner Vergangenheit zu ziehen und dadurch ein besseres Volk zu werden, ist doch etwas Großartiges.

Gauland: Aber Entschuldigung, wir sind doch kein besseres Volk geworden! Wir sind wirtschaftlich sehr erfolgreich, deshalb brauchen wir nicht, was andere Völker als inneres Rückgrat für den nationalen Zusammenhalt haben. Aber das reicht nicht aus. Die Frage ist doch: Können diese Deutschen eine Krise überstehen, so wie Sie sie jetzt schildern, so ökologisch, feminin und weiß der Teufel was, all diese Dinge, die mir nicht so sympathisch sind ...

ZEIT: Warum eigentlich nicht?

Gauland: Weil sie mir nicht so viel bedeuten. Was ist ökologisch? Entschuldigung, ökologisch hat nichts mit der nationalen Identität zu tun.

ZEIT: Das Feminine, die Emanzipation auch nicht? Ist das nicht etwas, was wir beispielsweise den islamischen Ländern voraushaben? Es gibt eine sehr apologetische Bemerkung von Ihnen zum Thema Islam, da heißt es: "Mit dem Islam steht uns nach der Säkularisierung des Westens und dem Untergang des Kommunismus die letzte große geschlossene geistige Kraft gegenüber, die wir in ihrem Eigenwert respektieren und der wir ein Recht auf autonome Gestaltung ihres Andersseins zugestehen müssen." Das klingt ziemlich unkritisch. Der Islam hat ein Problem mit Frauen.

Gauland: Aber das ist doch nicht mein Problem. Ich will ja nicht, dass der Islam in Europa ist. Deshalb muss ich mich auch nicht mit der Frauenproblematik des Islams auseinandersetzen.

ZEIT: Sie akzeptieren also den Islam in seiner frauenfeindlichen Form ...

Gauland: Nein, ich akzeptiere das nicht, aber ich muss damit leben.

ZEIT: Aber Sie sind schon stolz darauf, dass die Frauen in Deutschland ihr Potenzial mehr ausleben können als vor 30, 40 Jahren?

Gauland: Es ist richtig, dass wir die Gleichberechtigung haben. Ich weiß aber nicht, warum ich auf etwas stolz sein soll, was ich nicht bewirkt habe.

ZEIT: Sie sind ja auch stolz auf Bismarck.

Gauland: Ich bin nicht stolz auf Bismarck, ich benutze ihn nur manchmal als Argument.

ZEIT: Dann lassen Sie uns zum Thema Militarismus kommen. Den haben die Deutschen wie den Nationalismus ja leidlich überwunden ...

Gauland: Seien Sie mir nicht böse, Sie nehmen eine Phrase und sagen, Militarismus und Nationalismus, davon sind die Deutschen weg. Da will ich erst mal fragen: Was meinen Sie denn mit Militarismus? Mein Vater war im Ersten Weltkrieg, der hat seine Soldaten vier Jahre im Dreck in Frankreich geführt und hat sie dann ordnungsgemäß wieder in die Heimat gebracht. Wenn Sie das Militarismus nennen, da kann ich nur sagen: Auf die Leistung meines Vaters bin ich stolz.

ZEIT: Was bedeutet Ihnen der Satz: "Nicht durch Reden werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut"?

Gauland: Das ist ein Zitat von Bismarck.

ZEIT: Wie kann "Eisen und Blut" ein sinnvolles Motto sein für ein Deutschland von heute?

Gauland: Es ist völlig klar, dass das hier und heute nicht funktioniert. Aber es kann Zeiten geben, und es hat Zeiten gegeben, da war dieses Motto sinnvoll und richtig. In bestimmten historischen Situationen kann man es so sehen, wie Bismarck das gesehen hat. Sie wollen im Grunde genommen die Vergangenheit völlig ... das Wort "liquidieren" ist falsch, aber so ähnlich meinen Sie es. Nehmen Sie Hindenburg. Die Leute kommen auf den Veranstaltungen auf mich zu und fragen, warum jetzt wieder eine Kaserne umbenannt wird, warum Hindenburg plötzlich auch nicht mehr geht, obwohl er ja 1914 etwas geleistet hat.

ZEIT: Was sagen Sie denn dann? Was hat Hindenburg 1914 geleistet?

Gauland: Tannenberg.

ZEIT: Mit einem Sieg über Russland stillen Sie das Traditionsbedürfnis der AfD-Anhänger?

Gauland: Zum Beispiel. Sagen Sie mir, warum eine Kaserne nicht nach Hindenburg benannt werden kann?

ZEIT: Hindenburg hat mit Ludendorff den Ersten Weltkrieg verlängert, das war verbrecherisch.

Gauland: Das war militärisch und politisch falsch, aber nicht verbrecherisch.

ZEIT: Herr Gauland, reden wir über das Heute: Die AfD fordert in ihrem Programmentwurf mehr Geld für das Militär. Wie stellen Sie sich ein Szenario vor, in dem deutsches Militär sinnvoll eingesetzt werden kann?

Gauland: Die Bundeswehr ist aus meiner Sicht dafür da, die Grenzen Deutschlands zu verteidigen. Und solange wir Teil der Nato sind, muss Deutschland auch die Grenzen der Nato-Verbündeten verteidigen. Schluss. Aus. Ich bin gegen jede Intervention in Übersee, gegen all diese Interventionen in Afghanistan, in Somalia, wo auch immer.

ZEIT: Dann bleibt doch als Unsicherheitsfaktor nur Russland, gegen das Sie aufrüsten wollen.

Gauland: Heute ist Deutschland von Freunden umgeben, dazu rechne ich auch Russland. Aber politische und militärische Situationen können sich ändern. Das Militär ist nicht dafür da, nur für eine bestimmte Situation gut ausgerüstet zu sein, es muss auf den Krieg vorbereitet sein, um den Frieden zu erhalten.

ZEIT: Sie misstrauen den Russen?

Gauland: Ich glaube, ich misstraue den Russen weniger als Sie. Für Sie ist Putin doch so etwas wie das autokratische Gegengewicht zum demokratischen Deutschland mit all dem, was Sie so gelobt haben, vom Femininen bis zum Ökologischen.

ZEIT: Nein, wir machen uns nur Sorgen, dass sich die Russen durch ihre Härte und ihren Machismo selbst schwächen und sich dann kompensatorisch in Abenteuer stürzen.

Gauland: Ich kann nur sagen, Russland ist anders, Russland ist eine andere Welt, es hat andere historische Traditionen, und die respektiere ich.

ZEIT: Wir haben ein Zitat von Ihnen gefunden über den Osten als Haltung oder als Ideologie: "Der alte Stechlin blickte nach Osten, nach Russland, nicht nach Westen, ganz anders der Düsseldorfer Jude Heine." Was bedeutet das? Was ist so schlecht daran, dass der Düsseldorfer Jude Heine sich nach Westen orientiert?

Gauland: Gar nichts, das ist eine schlichte Beschreibung.

"Wenn Frau Merkel tot umfällt, gibt’s die CDU nicht mehr"

ZEIT: Gehört die Westbindung, die ja auch eine indirekte Folge von Auschwitz ist, zum positiven Traditionsbestand der Deutschen?

Gauland: Da müssen wir definieren, was Westbindung ist. Ich will nicht hinter die westliche Demokratie zurück, keiner von uns in der AfD will das. Wenn die Westbindung allerdings bedeutet, dass wir auf Dauer an amerikanische Interessen gebunden sind, wenn Sie Westbindung als eine militärische Ewigkeitsbindung an die USA sehen, dann habe ich damit große Schwierigkeiten.

ZEIT: Die Westbindung ist also eine Entwicklung, die aus dem historischen Bruch entstanden ist, die Sie aber dennoch für richtig halten?

Gauland: Ja, es hat uns sehr genützt, aber deswegen muss ich noch nicht alles gut finden, was die Amerikaner bei uns gemacht haben.

ZEIT: Selbst wo Sie es richtig finden, schwingt noch ein Vorbehalt mit.

Gauland: Es wäre mir lieber gewesen, wir hätten es aus eigener Kraft vollbracht, aber so war es eben nicht. Auch da sind wir wieder bei Auschwitz.

ZEIT: Sie haben vorhin gesagt: "solange wir noch in der Nato sind". Heißt das, Sie wollen die Bindung an die Amerikaner verringern und die Bindung innerhalb der EU abschwächen?

Gauland: Wir wollen zurück zum Europa der Vaterländer, wir wollen keinen europäischen Gesamtstaat. Bei der Nato würde ich mir wünschen, dass wir eine Ordnung bekommen, in die wir Russland einbeziehen können.

ZEIT: Die Amerikaner weg, die Nationalstaaten wieder da – bekommen Sie da als Historiker nicht Angst? Wird Deutschland dann nicht wieder zu groß, um sich einzuordnen, und zu klein, um zu führen?

Gauland: Natürlich ist das eine Gefahr. Es käme dann auf eine sehr kluge Politik der Deutschen an. Wie das genau aussieht, kann ich Ihnen nicht sagen. Sie, Herr Ulrich, haben mich vor vielen Jahren mal als einen Bismarckschen Buchsbaumkonservativen bezeichnet...

ZEIT: ... das könnte stimmen.

Gauland: Ich glaube schon, dass vieles von der Konstellation Bismarck-Deutschlands wiederkommt, natürlich abgeschwächt.

ZEIT: Aber warum wollen Sie dann die EU schwächen, in die Deutschland eingebunden ist?

Gauland: Wir wollen ja nicht aus der EU raus, sondern aus dem Euro, weil der wirtschaftlicher Blödsinn ist. Die EU als Ordnungsfaktor wollen wir beibehalten.

ZEIT: In der AfD ist der sogenannte Genderwahn ein großes Thema. Im Kern scheint Ihre Partei auf lupenreine Heterosexualität fixiert zu sein. Dabei hatten doch gerade die deutschen Konservativen eine recht affektive Beziehung zum Homosexuellen, sei es Stefan George oder Thomas Mann. Oder denken Sie an die unterschwellige Homoerotik des deutschen Soldatentums. Warum hat die AfD Probleme mit Homosexualität?

Gauland: Ich habe da keine Probleme, nur mit der Brüsseler Genderbürokratie, das ist doch durchgeknallt. Aber mit der normalen Homosexualität habe ich überhaupt kein Problem, warum sollte ich?

ZEIT: Was genau ist der Unterschied zwischen normaler und unnormaler Homosexualität?

Gauland: Also, ich habe mit Homosexualität kein Problem, ich habe allerdings ein Problem damit, dass mir vorgeschrieben werden soll, wie ich mich künftig zu verhalten habe, etwa gegenüber Transsexuellen.

ZEIT: Die AfD ist ja sehr kritisch gegenüber Muslimen, dabei ist doch gerade das Gesellschafts- und Familienbild der AfD, wenn überhaupt, nur noch unter den Einwanderern mehrheitsfähig.

Gauland: Sie meinen, unser Gesellschaftsbild ist nur bei Einwanderern mehrheitsfähig? Und deswegen sollen wir für Einwanderung sein?

ZEIT: Sie sind gegen Einwanderung, obwohl viele Einwanderer ein ähnlich konservatives Familienverständnis haben wie Sie. Ein Widerspruch?

Gauland: Natürlich. Aber ich will nicht in einer muslimischen Gesellschaft leben, dafür haben wir schließlich 1683 die Türken vor Wien aufgehalten ... Ja, da lachen Sie.

ZEIT: Wir finden das "wir" hier etwas übertrieben.

Gauland: Ich glaube einfach, dass der Islam in seiner heutigen Form nicht integrierbar ist in eine westliche Gesellschaft, viele Einzelne schon, der Islam nicht.

ZEIT: Okay. Bleiben wir noch etwas bei den skurrileren Sachen. In Ihrem Programmentwurf steht, dass der Klimawandel nicht menschengemacht sei.

Gauland: Ich hab’s nicht reingeschrieben.

ZEIT: Wollen Sie es raushaben?

Gauland: Ich kenne in der Partei beide Gruppen, die einen sagen, der Klimawandel ist Unsinn, die anderen sagen, wir müssen etwas dagegen tun. Ich habe mich damit nicht wirklich befasst.

ZEIT: Aber Sie wissen, was mit Ihrer geliebten deutschen Landschaft passiert, wenn es so weitergeht mit dem Klima?

Gauland: Das wird von vielen Leuten bestritten. Ich weiß es nicht.

ZEIT: Sind Sie eigentlich Christ?

Gauland: Ich bin in der evangelischen Kirche, und meine Tochter ist Pfarrerin, jetzt müssen Sie mich nur noch fragen, ob ich glaube.

ZEIT: Glauben Sie?

Gauland: Das weiß ich selbst nicht genau. Es gibt ja schließlich Dinge in der Seele, die sind unaufgeräumt, und da gibt es eine Ecke, mit der ich mich wahrscheinlich kurz vor meinem Tode werde befassen müssen.

ZEIT: Zum Christentum gehört die Barmherzigkeit, aber Sie appellieren in der Flüchtlingskrise an die Deutschen, sie sollten sich nicht von Kinderaugen erpressen lassen. Haben Sie kein Mitleid mit den Flüchtlingen?

Gauland: Mit einzelnen bestimmt, aber nicht mit einer ganzen Völkerwanderung. Es kann doch nicht sein, dass wir falsche Entscheidungen für dieses Land treffen, weil Kinderaugen im Fernsehen uns anschauen und sagen: Helft uns! Mitleid ist etwas, was Sie den Menschen gegenüber empfinden. Aber es kann kein Maßstab sein für Entscheidungen über Millionen.

ZEIT: Sie fordern die Deutschen auf, die grausamen Bilder zu ertragen, die eine harte Politik gegenüber den Flüchtlingen hervorbringt. Ihre Partei polemisiert gegen die "Willkommensdiktatur". Ist das ein Aufruf zur Unbarmherzigkeit?

Gauland: Ich habe gesagt, wir werden die grausamen Bilder ertragen müssen, das stimmt.

ZEIT: Sie vergleichen die Flüchtlingskrise mit den Barbarenstürmen der Vergangenheit und fordern, wir müssten wie die Römer einen Limes gegen die Eindringlinge bauen.

Gauland: Der Limes hat lange gehalten.

ZEIT: Wo steht Ihr Limes heute?

Gauland: Der Limes ist erst mal an jeder nationalen Staatsgrenze. Und wie schnell so etwas funktioniert, können Sie an der Balkanroute sehen. Dass das kleine Österreich zusammen mit einigen anderen Ländern in der Lage war, die Balkanroute zu schließen, habe ich für eine große Tat gehalten. Ich weiß, Sie nicht.

ZEIT: Sie hat bewirkt, dass die Flüchtlinge in Griechenland festsitzen. Wo ist da der Vorteil?

Gauland: Dass sie nicht in Deutschland sind. Und nicht in Österreich.

ZEIT: Herr Gauland, ein Satz aus einem Ihrer Bücher liest sich heute aktueller und radikaler als früher. Sie beklagen da die Herrschaft des Ökonomischen, und dann heißt es: "Erst wenn sich gesellschaftliche Verwerfungen in atavistischen Handlungen Bahn brechen, die in ihrer Irrationalität den Standort Deutschland gefährden, wird darüber nachgedacht, wie man das Wirtschaftssubjekt Mensch seelisch entlasten kann." Wir glauben, dass Sie mit der Art, wie Sie heute reden, diese atavistischen Handlungen, rechte Gewalt, Anschläge auf Asylbewerberunterkünfte, mit herbeireden.

Gauland: Natürlich tun wir das in keiner Weise. Wir haben damit überhaupt nichts zu tun. Es kann doch nicht sein, dass wir sozusagen zu Tätern solcher Anschläge erklärt werden, nur weil wir Kritik üben.

ZEIT: Sie können gepflegt diskutieren, aber auf den Kundgebungen Ihrer Partei erlebt man Sie anders, demagogisch. Sie warnen davor, dass "ganze Völkerschaften von unserem Land Besitz ergreifen" wollen. Sie prophezeien den "Zusammenbruch der Gesellschaft", und Sie empfehlen die AfD als Partei derer, "die keine Asylunterkunft in ihrer Nachbarschaft haben wollen". In eine aufgeheizte Menge hineingesprochen, sind das Sätze, die wie der verbale Vorgriff auf rechte Gewalttaten klingen.

Gauland: Nein, tut mir leid. Ich bin nicht bereit, diesen Zusammenhang zu akzeptieren. Wir vertreten eine bestimmte Politik, die in der Tat scharf und klar formuliert ist. Aber Sie können nicht Menschen, die eine politische Diskussion führen ...

ZEIT: ... Sie führen auf Ihren Kundgebungen keine Diskussionen, Sie heizen die Stimmung an.

Gauland: Aber es gibt keine Aufforderung zu Gewalt. Wir machen keine Politik vor Flüchtlingsheimen, wir sagen ganz deutlich: keine Gewalt und keine Verbrechen. Und dann sagen wir genauso deutlich, wir wollen diese Flüchtlinge hier nicht haben. Das muss erlaubt sein. Es ist eine klare politische Aussage. Ich sage nie: Schafft sie weg, oder zündet Heime an.

ZEIT: Wir behaupten nicht, dass Sie bewusst zu Gewalttaten aufrufen. Aber um den Verdacht zu zerstreuen, es gebe einen Zusammenhang zwischen Ihren scharfen Reden und den Anschlägen, müssten Sie auf den Kundgebungen vorsichtiger formulieren.

Gauland: Wenn ich auf Veranstaltungen rede, dann ist das kein Seminar, dann ist das natürlich nicht differenziert, das bestreite ich überhaupt nicht. Sie können mit einer großen Menschenmenge keine Diskussion führen. Was Sie wollen, ist etwas ganz anderes, Sie wollen, dass wir unsere Kritik nicht mehr äußern. Aber Sie säßen gar nicht mit mir hier zusammen, wenn wir nicht durch diese Reden Wirkung entfaltet hätten.

ZEIT: Sie vergiften das politische Klima, und Sie haben Erfolg damit. Deshalb müssen wir uns mit Ihnen auseinandersetzen.

Gauland: Ich glaube nicht, dass ich das politische Klima vergifte.

ZEIT: Sie warnen davor, das Land könne unter dem "Asyl-Wahn" zusammenbrechen, und zugleich bezeichnen Sie diese Entwicklung als ein "Geschenk" für die AfD, weil sie Ihrer Partei viel Zulauf gebracht hat. Erklären Sie uns diesen Widerspruch.

Gauland: Da ist nicht viel zu erklären. Ich habe gesagt, diese falsche Asylpolitik ist ein Geschenk, ich habe nicht gesagt, dass diese Menschen das Geschenk sind.

ZEIT: Sie haben das Erfolgsgeheimnis Ihrer Partei ausgeplaudert. Selbst Frauke Petry haben Sie damit irritiert. Sie sagt, "man kann sich doch nicht über eine Entwicklung freuen, die dem Land schadet". Wollen Sie Frau Petry stürzen?

Gauland: Nein, wie kommen Sie darauf? Ich bin anderer Meinung in manchen Dingen, von daher gibt’s immer wieder Differenzen, die sind aber harmlos. Ich wüsste nicht, wer an ihre Stelle treten sollte. Wir wollen sie nicht stürzen.

ZEIT: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Petrys Position an der Spitze nicht mehr stabil erscheint? Und warum die Partei immer mit ihrer Führung hadert?

Gauland: Ob sie immer hadert? Wir hatten ja nur zwei Führungen, erst Lucke und jetzt Petry.

ZEIT: Seit es Ihre Partei gibt, ist sie mit der Führung unzufrieden.

Gauland: Ja, schon richtig, aber das hat natürlich mit der Art der Partei zu tun.

ZEIT: Eine Partei, die Aufruhr schafft, ist auch immer in Aufruhr, kann man das sagen?

Gauland: So ähnlich können Sie das ausdrücken. Die Partei ist im permanenten Zustand des Umbruchs und der Selbstvergewisserung.

ZEIT: Wie lange brauchen Sie bis zur Regierungsfähigkeit?

Gauland: Da will ich gar nicht hin.

ZEIT: Sie wollen nicht regieren?

Gauland: Nein, wenn wir das jetzt anstreben, werden wir genauso geschluckt wie die kleinen Parteien der alten Bundesrepublik, BHE, DP, FVP, von der CDU geschluckt wurden. Um Gottes willen, wir sind die Opposition, wir bewirken doch nur durch diese Opposition etwas, wir wollen nicht irgendeine Verantwortung.

ZEIT: Sie müssen doch als Konservativer das Wohlergehen des Landes im Kopf haben.

Gauland: Irgendwann wird man diese Frage beantworten müssen. Aber im Moment sehe ich das nicht.

ZEIT: Sie haben nach Ihrem Wahlsieg in Brandenburg gesagt, die Partei wird nicht für ihr Programm gewählt, sondern aus Protest.

Gauland: Natürlich sind wir Ausdruck des Protests. Wir wollen Druck auf die anderen Parteien ausüben, wir wollen sie zwingen, ihre Politik zu ändern. Es gibt deutliche Entwicklungen, dass die Basis aus der CDU zum Teil ausbricht. Machen wir uns doch nichts vor: Diese Flüchtlingspolitik ist mit der CDU trotz ihrer Entleerung und Entkernung eigentlich nicht zu machen.

ZEIT: Dass die CDU an ihrer Entleerung zugrunde geht, das ist eine Vorstellung, die Sie bereits vor 20 Jahren gepflegt haben.

Gauland: Ist ja auch so. Da ist doch nichts mehr.

ZEIT: Sie hat 41 Prozent bekommen bei der letzten Bundestagswahl.

Gauland: Die Leute wählen natürlich eine Kanzlerin, von der sie glauben, so ganz schlecht macht sie’s nicht. Das reicht ja für eine Wahl. Aber wenn Frau Merkel morgen tot umfällt, gibt’s die CDU nicht mehr.

ZEIT: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Ihnen und Sahra Wagenknecht?

Gauland: Ich schätze Frau Wagenknecht persönlich sehr.

ZEIT: Nennen Sie mal ein wichtiges politisches Thema, bei dem Sie nicht übereinstimmen?

Gauland: Wahrscheinlich schon in der Eigentumsordnung, ich habe mit Frau Wagenknecht nie ausführlich diskutiert ...

ZEIT: Sie sind doch beide gegen das Finanzkapital?

Gauland: Also, ja, Frau Wagenknecht ist mir von der ganzen Linken die Sympathischste, weil sie auch abweicht von ihrer Partei. Das finde ich mutig.

ZEIT: Wagenknecht hat sich, sagen wir mal vorsichtig, kritisch gegenüber Migration und Einwanderung geäußert, sie ist weniger kritisch gegenüber Russland, sie ist hochgradig kritisch gegenüber Amerika, sie ist hochgradig kritisch gegenüber dem ökonomischen Imperativ, und sie hasst die Systemparteien. Insofern fragen wir uns, was ist der Unterschied zwischen Ihnen und Wagenknecht?

Gauland: Dass sie in der falschen Partei ist.