Auf den soliden Geschmack des Bürgertums konnte man sich am Hamburger Mittelweg jahrelang verlassen. "Buy British" hieß es nicht nur im Fall von Regenmänteln und Pfeifentabak, sondern auch für den Stil der Einrichtung. Mahagoni war en vogue, für Esstische, Sekretäre wie Kommoden. Wer heute das Auktionshaus Rotherbaum am Mittelweg aufsucht, stellt fest, dass Mahagoni zum Restposten und Ladenhüter geworden ist – ebenso wie Stilmöbel der Epochen Barock, Rokoko und Biedermeier.

Früher war die Welt der Antiquitäten noch in Ordnung. Sie gehörten zum guten Ton einer stilbewussten Einrichtung, für deren Anschaffung die Wiederaufbaugeneration bereit war, fünf bis sechsstellige Summen auszugeben. Schließlich galten Tischlerkunst, aber auch Porzellane, altmeisterliche Gemälde und Teppiche als sichere Wertanlage, die den eigenen Kindern zugutekommen sollte oder der privaten Altersvorsorge. Der Wunsch, sich mit repräsentativen Möbeln zu umgeben und daheim ein Stück nobler Vergangenheit aufleben zu lassen, gipfelte häufig darin, gleich ein ganzes Zimmer im Stil einer Epoche einzurichten – mit Schränken und Kommoden, Stühlen und Tischen aus Barock, Rokoko oder Biedermeier. Für die es heute kaum noch Käufer gibt.

Dass die Begeisterung nachlässt, ist kein Zufall. Immer klarer zeichnet sich auf dem Möbelmarkt ein Geschmackswandel ab: Die Generation der heute 30- bis 55-Jährigen verschmäht antike Möbel, so scheint es, und entdeckt stattdessen eine Vorliebe für das elegant-leichte Mid-Century-Design der fünfziger und sechziger Jahre, für Möbel von Charles und Ray Eames, Paul Evans und auch Jean-Michel Frank, deren Preise sich in den vergangenen zehn Jahren nahezu vervierfacht haben.

Die Entwicklung führt weg von bauchigen Barockkommoden und goldgefassten Rokoko-Tischchen, hin zu einem zeitlos modischen Interieur, das gerade Formen, strenge Linien wie sparsame Dekoration auszeichnet. Hinzu kommt, dass in einer Zeit, in der unsere Gesellschaft sich grundlegend verändert, in der Flexibilität und Mobilität gefordert werden, variable und transportable Möbel bei den Jungen gefragter sind als Tabernakel-Sekretäre oder Dielenschränke, lauter voluminöse Schwergewichte, die eine Generation früher noch Paradestücke des Wohnzimmers waren.

Das schwindende Interesse der Erbengeneration, die in solch gediegenem Ambiente groß geworden ist, den Geschmack ihrer Eltern aber nicht teilt und schnell verkaufen möchte, führt zu einem Überangebot und zu einem Preisverfall auf dem Markt, besonders im Bereich des mittleren Preissegments. Betroffen sind jene teuer bezahlten Möbel, die sich einst die bürgerliche Mittelschicht für ihr Zuhause leistete.

Auch Möbel des Biedermeier sind längst nicht mehr so beliebt wie vor zwanzig oder dreißig Jahren. Damals erzielten sie noch Rekordpreise. Heute werden sie weit unter Wert verkauft, angesichts ihrer hochwertigen Herstellung, bedauert Christoph Bouillon vom Kölner Auktionshaus Van Ham. Eine Biedermeierkommode, in bestem Zustand, kann heute schon für 5.000 bis 6.000 Euro ersteigert werden, oftmals sogar für noch weniger – ein Bruchteil dessen, was noch in den achtziger Jahren gezahlt wurde.

Kaufen? Nie als Geldanlage, nur "was gefällt"

Die Zeiten sind günstig für Möbel aus Barock, Rokoko und Biedermeier, seit der Boom vorbei ist. Eine Gelegenheit, jetzt, gegen den Zeitgeschmack, ein paar Antiquitäten zu kaufen? Aber nur "was gefällt", empfiehlt das Auktionshaus Nagel. Die Kaufentscheidung sollte nicht unter dem Aspekt der Geldanlage getroffen werden. Auch wenn das niedrige Preisniveau nicht immer anhalten wird – das Wiener Dorotheum konnte in seiner Märzauktion für Möbel und Dekorative Kunst eine leichte Preissteigerung verbuchen –, möchte kaum ein Händler oder Auktionator Prognosen abgeben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 14.4.2016.

So viel steht fest: Um den Verkauf im mittelpreisigen Segment des schwächelnden Möbelmarkts anzukurbeln, sind die Preise nach wie vor "niedrig anzusetzen", sagt Christoph Bouillon. Dieser Devise folgen mehrere Auktionshäuser, wie ein Blick in die aktuellen Kataloge zeigt: Ein Louis-XVI-Sekretär aus Nussbaum wird auf einen Preis von 300 Euro, ein runder Mahagoni-Esstisch auf nur 30 Euro geschätzt (beide Auktionshaus Nagel, Stuttgart), und das Münchner Auktionshaus Hampel ruft eine Vitrine im klassizistischen Stil für 250 bis 350 Euro auf, einen Armlehnstuhl im Louis-XVI-Stil für 250 bis 350 Euro sowie einen Barockschrank, über 200 Jahre alt, für 600 bis 800 Euro – um nur einige Beispiele zu nennen.

Spitzenpreise erzielen noch immer die musealen Stücke aus prominenter Herkunft

Eine Erklärung für die geringe Nachfrage ist auch die fehlende Bereitschaft, sich mit antiker Möbelkunst auseinanderzusetzen, etwa der von André-Charles Boulle (1642 bis 1732) oder David Roentgen (1743 bis 1807), zwei herausragenden Meistern klassizistischer Möbelkunst. Kaum jemand kennt noch ihre historische Bedeutung und ihren Wert, klagt der Handel. Wer heutzutage Eindruck machen möchte, kauft für die eigenen vier Wände zeitgenössische Kunst und setzt auf deren Wiedererkennungswert.

Dass der Antiquitätenmarkt, trotz der wenig optimistischen Aussichten, nicht völlig am Boden liegt und immer noch stattliche Preise erzielt, ist einem kleinen Kreis von Sammlern zu verdanken, der sich für die Crème de la Crème interessiert, also für die "ausgefallenen und musealen Stücke mit besonderen Provenienzen", erklärt das Haus Van Ham. Dazu zählen auch Kommoden, Sekretäre und Verwandlungstische des Kunstschreiners David Roentgen. Von ihm verkaufte Christie’s auf seiner Herbstauktion in Paris einen Zeichentisch für 193.500 Euro an einen Privatsammler. Ein raffinierter Schreibschrank, ebenfalls von Roentgen, brachte unlängst im Wiener Auktionshaus Dorotheum 149.400 Euro. Eine Kommode im Stil Louis XV, einst im Besitz des berühmten Polospielers Winston Guest, erzielte im New Yorker Auktionshaus Doyle 100.000 Dollar und überstieg den Schätzpreis um das Fünffache. Ein holzgeschnitzter, vergoldeter Sessel, auf dem schon Frankreichs prunksüchtige Königin Marie Antoinette im Schloss Belvedere saß, wurde bei Christie’s im vergangenen Sommer für 1.762 500 Pfund verkauft. Es ist die Kombination aus handwerklicher Qualität, Erhaltungszustand und prominenter Herkunft, die das Begehren der Käufer weckt und Spitzenpreise erzielt.

Der schwache Möbelmarkt hat Auswirkungen auf den Kunsthandel in ganz Europa: Renommierte Händler schließen ihre Geschäfte in Toplagen, auch das traditionsreiche Pariser Louvre des Antiquaires steht kurz vor dem Aus.

Wie ist diesem Trend zu begegnen? Auktionshäuser wie Christie’s und Sotheby’s haben mehrere Strategien, um neue Käuferschichten für das mittlere Preissegment zu gewinnen: Die Online-Aktivitäten sollen ausgebaut werden. Daneben wird auf namhafte Inneneinrichter gesetzt, die in den Kategorien Alt und Neu mischen – ein antiker Esstisch ergänzt sich mit Design-Stühlen, eine Barockkommode findet ihren Platz unter einem modernen Gemälde. Wer Kontraste wagt und mutig ist, stellt fest, dass sich gute Stücke, die handwerklich brillant, streng in der Form und weit davon entfernt sind, altbacken zu sein, mühelos in fast jedes moderne Interieur einfügen lassen. Dann darf es auch wieder das verschmähte Tropenholz sein, dachte sich jüngst ein Käufer bei Christie’s und ersteigerte nach kurzem Bietgefecht einen eleganten Esstisch, 200 Jahre alt, ausziehbar und aus Mahagoni, für 18.750 Pfund – das Vierfache des Schätzpreises.