Die Diskussion ist schon in vollem Gange, als Gero Tuttlewski in den Saal hastet. Er lässt sich auf einen der hinteren Stühle im Plenum fallen und hört der Debatte zu. Es ist eine Tagung von Hamburger Architekten, Männer in eng geschnittenen Anzügen und Frauen in farblich abgestimmten Kostümen sprechen über Visionen der Flüchtlingsunterbringung. Schöne Bilder, smarte Sätze.

Dann steht Tuttlewski auf, zieht sein kariertes Hemd zurecht, während ihm das Mikrofon gereicht wird. "Guten Tag", sagt er, "Tuttlewski, ich bin Anwalt." Er habe gerade einen Eilantrag am Gericht abgegeben, um den Bau einer Flüchtlingsunterkunft zu verhindern. Nun wolle er mal die Sicht der Anwohner, seiner Mandanten, schildern.

"Die Leute fühlen sich überrollt", sagt der 43-Jährige. Eine Unterkunft für 3400 Flüchtlinge in einem Stadtteil mit 1300 Bewohnern: "Das kann doch nicht gut gehen." Es gehe nicht um Fremdenfeindlichkeit oder Ressentiments, es gehe um Verhältnismäßigkeit und Integration. So viele Flüchtlinge auf so engem Raum, wie solle das funktionieren? Dann setzt er sich wieder hin.

Tuttlewski tritt nicht mehr häufig öffentlich auf, zu viel zu tun. Aber wenn, dann sagt er eigentlich immer das Gleiche. Und entweder applaudieren die Leute wie verrückt – oder gar nicht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 14.4.2016.

Heute klatscht niemand. Es ist keine Feindseligkeit, die ihm entgegenschlägt, eher Distanz. Architekten sind hier, Städteplaner, und die meisten haben in anderen Worten formuliert, was Tuttlewski eben gesagt hat. Aber ihm zustimmen? Will niemand so richtig. Später, in der Mittagspause, wird der Anwalt am Rand stehen, gemeinsam mit zwei älteren Herren, die Bürgerinitiativen gegründet haben, um die ihrer Meinung nach überdimensionierten Flüchtlingsunterkünfte zu verhindern. Wäre die Veranstaltungshalle ein Schulhof, es wäre nicht schwer, die Außenseiter zu erkennen.

Gero Tuttlewski hat einen Ruf, der wie ein Parteiabzeichen an ihm klebt. Das ist der Mann, steht auf diesem Abzeichen, der die Flüchtlingsunterkünfte verhindert. Der Mann, der die Stadt verklagt titelte das Hamburger Abendblatt. Es gibt in Hamburg kaum einen Bezirk, in dem Anwohner nicht rechtlich gegen ein Bauprojekt für Flüchtlinge vorgehen – und fast überall ist Tuttlewskis Kanzlei Klemm & Partner involviert. Elf Klagen gegen Flüchtlingsunterkünfte betreuen die Anwälte zurzeit in der Stadt, 15 weitere im ganzen Land sind in Vorbereitung. Und fragt man ihn, wo das hinführe, sagt er: "Ich fange ja gerade mal an."

Dabei wird der Konflikt schon jetzt heftig geführt. Es ist ein Streit um Paragrafen und um Werte. Darüber, wie flexibel ein Rechtsstaat sein muss, und darüber, wann er überdehnt wird und seine eigenen Maßstäbe verletzt. Es ist eine Auseinandersetzung, in der es darum geht, wie Flüchtlinge in Großstädten untergebracht werden sollen, darum, wie viele Zugeständnisse nötig sein werden.

Hamburg-Bergedorf, ein geräumiges Eckbüro am Stadtrand, das aber eng wirkt, wenn Tuttlewski darin steht. Der Anwalt ist rund zwei Meter groß, massig und zugleich weich im Ton, man hört ihm gern zu. Zum Fremdenfeind taugt er so wenig, dass man sich fast schämt, darüber nur nachgedacht zu haben. Er sei ein "kleiner Provinzanwalt", sagt Tuttlewski. Seit 13 Jahren mache er den Job nun, 13 Jahre Baurecht. Elf Jahre lang bestand sein Alltag vor allem daraus, Abstandsflächen zu berechnen. Die Frage zu erörtern, wie viel Lärmbelästigung vertretbar ist. Oder zu kämpfen, dass aus einem Geschäft eine Spielhalle werden darf.

Provinzanwalt, das stimmte wohl mal, seit rund zwei Jahren aber ist es Koketterie. Mit seinen Klagen treibt der Anwalt die Hamburger Stadtverwaltung vor sich her. Tuttlewskis Verwandlung vom Provinzanwalt zum "Mann, der die Stadt verklagt", ist eine Reise über die Etappen der vergangenen beiden Flüchtlingsjahre – und sie beginnt mit einem Anruf aus dem Hamburger Nobelviertel Harvestehude.