Als der Schriftsteller Roger Willemsen ein Jahr lang jede Sitzungswoche im Bundestag verfolgt und ein Buch darüber geschrieben hatte, schickte er genau einer Abgeordneten eine Lobes-Mail. Auch öffentlich erwähnte er die Frau immer wieder. "Die braucht keine Polemik", sagte er. "Die erspart sich Scharmützel. Die hat das, was man im Bundestag immer sucht, aber so häufig nicht findet. Das ist Haltung."

Die Frau, von der Willemsen so schwärmte, war damals noch Hinterbänklerin der Linken im Bundestag: Diana Golze, 40, in Schwedt geboren. Inzwischen ist die studierte Sozialpädagogin Brandenburgs Sozialministerin. Man könnte auch sagen: Diana Golze ist Sozialpädagogin eines ganzen Bundeslands geworden.

Wer mit ihr spricht, merkt schnell, was dem inzwischen verstorbenen Willemsen an ihr so gefallen haben muss. "Ich will Respekt haben vor dem politischen Gegner", sagt Golze. "Ich will nicht mit Beleidigungen arbeiten, sondern versuchen, Leute zu gewinnen. Deswegen fiel ich im Bundestag wohl auf – ich gehörte dort, was den Stil anbelangt, zu einer Minderheit."

Golze zeichnet aus, was sie nicht ist: nicht egozentrisch, nicht dickköpfig, nicht hinterhältig. Sie pflegt ihre Andersartigkeit. Politische Talkshows guckt sie sich nie an: "Ich ertrage das nicht." Die Inszenierung von Streit ist ihr fremd. Sie hat es damit weit gebracht.

Schon kurz nach der Regierungsbildung wurde Diana Golze einer Umfrage zufolge zweitbeliebteste Politikerin im Land. Auch die politischen Gegner reden anerkennend über sie. Steeven Bretz, Generalsekretär von Brandenburgs CDU, sagt etwa: Golze sei ein "auffallender Gegenentwurf zum Machogehabe des linken Landesvorsitzenden. Sie macht einen bodenständigen und jovialen Eindruck." Ursula Nonnemacher, Grünen-Abgeordnete, sagt: "Diana Golze ist der Shootingstar in der Regierung, Everybody’s Darling. Sie kommt sehr gut rüber bei Freund und Feind." Linken-Fraktionschef Ralf Christoffers, Golzes interner Konkurrent, der für sie auf sein Ministeramt verzichten musste, sagt: "Diana ist eines der wenigen großen Talente, die wir in der Linken haben."

Nett finden Diana Golze alle. Nur: Ist das ein gutes Zeichen für eine Politikerin? Oder heißt das, dass alle einen harmlos finden, im Zweifel schwach, leicht zu steuern, ungefährlich? Und wieso schaffte sie es überhaupt, sich durchzusetzen – wo doch eigentlich dafür das nötig ist, was sie so verachtet: Tricks und ein gewisses Maß an Egozentrik?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 17 vom 14.4.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

An einem Mittwochmorgen um kurz nach zehn Uhr setzt sich Diana Golze, randlose Brille und blaues Kleid, auf ein Noppenkissen aus Gummi. Golze ist zu Besuch in einem Seniorenbegegnungszentrum in Falkenberg/Elster, und wo sie einmal da ist, macht sie gleich beim Morgenprogramm mit: singt Volkslieder, Hoch auf dem gelben Wagen, wirft Gummibälle. Schwer zu erklären, warum – aber sie kann so etwas tun, ohne dass es peinlich wirkt. Als gehöre sie dazu. Auf einem Folgetermin, im Frauenladen Beeskow, schreibt sie ununterbrochen mit Füller in ihr Notizbuch, fein säuberlich in kleinen Buchstaben. Hin und wieder klebt sie sich orangefarbene Punkte ein. "Das mache ich, wenn ich eine Hausaufgabe zu erledigen habe", sagt sie später im Auto. Sie überprüft im Buch, wer ihr wann was gesagt hat. Golze hat Sachen gern im Griff.

Sie ist so nahbar, dass sich sogar die Abgeordneten des Sozialausschusses im Landtag wundern. Bei jeder Sitzung dürfen ihr, der Ministerin, ohne Vorankündigung aktuelle Fragen gestellt werden. Und sie sei fast immer auskunftsfähig, hört man.

Jedoch muss man wissen, dass Bienenfleiß und Freundlichkeiten allein auch Diana Golze nicht gereicht haben, um in ihrer Partei aufzusteigen. Dass sie sich heute von den Trickreichen so abhebt, liegt vielleicht auch daran, dass sie einen der Trickreichsten umfangreich studieren konnte. Diana Golze hat einen Mentor. Heinz Vietze, 68, langjähriger parlamentarischer Geschäftsführer der PDS in Brandenburg. Er galt als rechte Hand des ehemaligen PDS-Chefs Lothar Bisky, ließ sich immer gern "Strippenzieher" nennen. "Bei Heinz habe ich gelernt, wie der Politikbetrieb abläuft, dass ganz vieles im Hintergrund stattfindet. Ich war unheimlich stolz, für ihn zu arbeiten, ich hatte einen Heidenrespekt vor ihm." Wer Vietze heute auf Golze anspricht, erlebt ihn freudig. "Meine liebe Diana" nennt er sie. Zu ihrem 40. Geburtstag hielt er die Festrede. Golze ist gewissermaßen sein größter Erfolg als Personalentwickler.

Golze, Tochter einer alleinerziehenden Mutter, jobbte als Studentin an der Supermarktkasse, als Vietze sie in sein Team holte. Er verlangte von ihr, dass sie sich in der Kommunalpolitik engagiert, half ihr später, in den Landesvorstand und den Bundestag zu kommen. Golze habe von ihm gelernt, sagt er, "dass das politische Geschäft bedeutend härter ist, als viele denken." Vietzes Büro im Landtag hatte eine gepolsterte Tür. Dahinter fanden seine intern berühmten "charakterbildenden Maßnahmen" statt. Auch Golze habe eine solche mal erfahren, erzählt er. Es ging um Privates. Selbst da mischte Vietze sich ein.

Nur hat Golze aus all dem ihre eigenen Schlüsse gezogen. Sie kopiert den Mentor nicht. Sie macht vieles sogar besser als er. Ihre Strategie: gnadenlose Ehrlichkeit, gnadenloses Offenlegen dessen, was sie moralisch fragwürdig findet. Bei einer ihrer ersten Reden im Bundestag zum Beispiel, so erzählt es Golze, sei sie von einer Kollegin der Grünen permanent mit Zwischenrufen und Zwischenfragen gestört worden. Dabei habe sie die Kollegin gut gekannt und sehr geschätzt. Warum hast du mich so angegriffen?, habe sie, Golze, die Kollegin deshalb danach gefragt.

Das sei doch nur Show gewesen, habe die Kollegin geantwortet. "Ich konnte das nicht fassen", sagt Golze. "Ich kann mich nicht vor die Kamera stellen, jemanden persönlich zur Schnecke machen, weil das die Zuschauer angeblich erwarten – und später gemeinsam ein Bier trinken gehen! Das funktioniert nicht."

Im Grunde kritisiert Golze an ihren Kollegen, was Bürger häufig an Politikern stört: Unaufrichtigkeit. Sie ist eigentlich so, wie sich mancher politisch nicht festgelegte Wutbürger Politiker wünscht. Der Nachteil dieser Methode könnte sein, dass ihr die Härte fehlt. "Zuletzt hat sie sich unterbuttern lassen", sagt etwa Steeven Bretz von der CDU: Golzes Ministerium arbeitete an einem Gesetz, das festlegen sollte, dass Asylbewerber künftig nicht mehr länger als ein Jahr in Gemeinschaftsunterkünften leben müssen. SPD-Landräte rebellierten. Nun wurde das Gesetz nur in einer Light-Version verabschiedet.

Vielleicht funktioniert Golzes Strategie auch deshalb, weil sie als Politikerin bisher noch kaum ihre Macht verteidigen musste. Weil sie in der Opposition saß. Aber die Oppositionsarbeit, die reichte ihr bald nicht mehr. "Ich saß neun Jahre lang im Bundestag", sagt Golze. "Ich habe Anträge geschrieben, kluge Gedanken formuliert – aus denen nichts, aber auch gar nichts wurde."

Einen großen Erfolg landete sie im Bundestag aber doch. Einen, der seinen Ursprung ganz im Privaten hat. Sie, verheiratet und Mutter zweier Kinder, stellte eines Tages fest, dass Abgeordnete nicht – wie Angestellte – daheimbleiben dürfen, wenn ihre Kinder krank sind. Golze beschwerte sich darüber, sie stritt mit dem Ältestenrat: So eine ungerechte Behandlung sehe sie überhaupt nicht ein. Inzwischen ist die Regel tatsächlich verändert worden, wegen Golze. Wie sie das geschafft hat? "Ich habe damit gedroht, den Fall öffentlich zu machen", sagt sie.

2019 wählt Brandenburg einen neuen Landtag. Schon heute erzählen einflussreiche Linken-Politiker im Hintergrund, dass sie sich Diana Golze als kommende Landeschefin und Spitzenkandidatin wünschen würden. Golze selbst sagt: "Darüber denke ich gar nicht nach." Die typische Floskel, die Politiker eben so von sich geben, wenn sie nicht über ihre Ambitionen sprechen wollen. Man hört das und merkt erst gar nicht, dass man sie da doch einmal beim Taktieren erwischt hat.