Es sind düstere Reliefs, die der Stuttgarter Bildhauer Erik Sturm mit seiner selbst gemachten Farbe herstellt, "Neckartorschwarz" nennt er die Spezialmischung. Vier Kilo Feinstaub hat der Künstler dafür persönlich mit Staubmaske und Schutzhandschuhen von den Fensterbänken des Stuttgarter Amtsgerichts gekratzt. Das Gebäude steht direkt am Neckartor, Deutschlands dreckigster Straße. Auf sechs Spuren donnert der Verkehr vorbei, 200 Meter weiter gähnt das Loch der Großbaustelle Stuttgart 21.

"Der Staub ist extrem fein", sagt Sturm, "Eins-a-Qualität". Die Zusammensetzung hat er im Labor untersuchen lassen. Unter dem Rasterelektronenmikroskop zeigten sich verklebte Rußpartikel, Reifen- und Bremsabrieb, Sandkörnchen, Pollen, Mikroplastik, Salzkristalle, Glasstaub, ein typisches urbanes Dreckgemisch. Seit 2005 muss sein Anteil an der Luft europaweit gemessen werden. Und seither sorgt die Messstation am Stuttgarter Neckartor in steter Regelmäßigkeit für den deutschen Rekord – die gemessenen Werte liegen weit oberhalb des zulässigen Grenzwerts.

Bis vor wenigen Jahren galt Feinstaub als größte Gesundheitsgefahr in der Stadtluft. Er dringt bis in die Bronchien und Lungenbläschen vor; ultrafeine Partikel schaffen es sogar in den Blutkreislauf. Die Folgen reichen von Atemwegsentzündungen über Thrombosen bis hin zu Lungenkrebs. In den vergangenen Jahren sind Stickoxide auf Platz eins der Gefahrenliste vorgerückt, auch sie greifen die Atemwege an, verursachen Schlaganfälle und machen vor allem Asthmatikern zu schaffen. Feinstaub steht jetzt auf Platz zwei.

Zusammen sorgen die beiden Schadstoffe nach Schätzungen des Umweltbundesamtes allein in Deutschland für weit mehr als 50.000 vorzeitige Todesfälle im Jahr. Autos haben einen großen Anteil daran. An der vom Straßenverkehr verpesteten Luft sterben in Deutschland rund doppelt so viele Menschen wie bei Verkehrsunfällen (wo es ungefähr 3.500 sind). Ob der Feinstaub oder die Stickoxide dabei überwiegen, das hängt direkt mit der Motortechnik zusammen: Steigt der eine Wert, sinkt der andere. Und umgekehrt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 14.4.2016.

Am Neckartor wird die Zusammensetzung der Dreckluft genau untersucht. Aus dem Dach des kleinen grün-weißen Messcontainers ragen ein halbes Dutzend Ansaugstutzen für die Probennahme. Im Inneren surren die Analysegeräte, die Messwerte gehen per Datenleitung direkt an die zuständige Landesanstalt für Umwelt – und wenig später auch ins Internet. Entscheidend für die Feinstaub-Berichterstattung an die EU sind jedoch die runden Glasfaserfilter in den Messcontainern. Wenn diese automatisch in den Luftstrom geschoben werden, sind sie noch schneeweiß. Nach 24 Stunden kommen sie grauschwarz wieder heraus und landen in einem Magazin. Alle 14 Tage werden sie abgeholt und im Labor analysiert. Endgültige Messwerte gibt es deshalb immer erst mit einer Verzögerung von rund drei Wochen.

Der meiste Feinstaub entsteht durch Abrieb von Kupplungen, Bremsbelägen und Reifen

Dieses Detail ist wichtig. Denn seit Anfang 2016 ruft Stuttgart regelmäßig Feinstaubalarm aus: in diesem Jahr bereits an 22 Tagen. Nicht die aktuellen Messwerte sind die Grundlage dafür, sondern die Vorhersage der Wetterlage für den Stuttgarter Kessel. Sobald durch fehlenden Niederschlag und zu wenig Wind eine starke Reduzierung des Luftaustauschs droht, löst der zuständige Experte Ulrich Reuter Alarm aus.