Nein, über Henry Kissinger ist nicht schon seit Langem alles bekannt, auch wenn Bücher über sein Leben, seine Politik die Bibliotheken füllen; darunter wichtige Werke wie William Shawcross’ Schattenkrieg (1980), Seymour Hershs The Price of Power (1983), Walter Isaacsons Kissinger. Eine Biographie (1993). Auch liegen seit Langem Kissingers Memoiren vor über seine Zeit als Sicherheitsberater und Außenminister der US-Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford.

Aber als seien dies erst Appetitanreger gewesen, kommt nun Niall Fergusons Monumentalbiografie hinzu. Zehn Jahre hat der in Harvard lehrende britische Historiker allein am ersten Band gearbeitet, der diese Woche auf Deutsch erscheint. Kissinger: Der Idealist ist 1120 Seiten dick und umfasst die erste Lebenshälfte, die Jahre 1923 bis 1968. Und wahrhaftig, es gibt viel Neues zu entdecken!

Kissinger selbst hat diese Forschungsarbeit angeregt. Er hat Ferguson seine privaten Dokumente zur Verfügung gestellt und ihm bei seiner Arbeit jede Unterstützung gewährt. Ferguson, kein Zweifel, ist Kissinger wohlgesinnt. Aber das schmälert seine Leistung nicht. Er hat Material aus 111 Archiven gesichtet. "Das Leben eines solchen Mannes erfordert eine weltumspannende Biographie", schreibt Ferguson im Vorwort. Diesen Anspruch löst er tatsächlich ein. Und weil er ein glänzender Autor ist, liest sich sein Werk leicht, trotz des einschüchternden Umfangs. Das Buch ist eine Fundgrube, auch für jene, die Kissinger zu kennen meinen.

Niall Ferguson hat sich nicht weniger vorgenommen, als das Bild Kissingers vom Kopf auf die Füße zu stellen. Der Gralshüter des politischen Realismus, so seine These, sei in Wahrheit ein von Kant geprägter "Idealist". Wobei zu fragen ist, ob Kissingers Idealismus, seine Forderung nach einer moralischen Außenpolitik, nicht eher ein vom Kalten Krieg geprägtes ideologisches Denken ist, das nur ein Ziel kennt, nämlich den Kommunismus einzudämmen, und das bereit ist, dafür gewaltige Risiken auf sich zu nehmen – bis hin zum "begrenzten Nuklearkrieg".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 14.4.2016.

Wie weit Kissinger zu gehen bereit war, zeigte sich in der Kuba-Krise. Kissinger, damals Professor in Harvard, gehörte zum weiteren Kreis der Berater John F. Kennedys. Der Grundtenor aller seiner Memoranden an das Weiße Haus: Gegenüber Moskau Härte zeigen! Das wollte auch Kennedy, aber im Hintergrund ließ er seinen Bruder Bobby nach einer friedlichen Lösung suchen.

Auch beim Bau der Berliner Mauer sieht Ferguson das gleiche Spannungsverhältnis zwischen dem "Realisten" Kennedy ("Eine Mauer ist verdammt noch mal besser als ein Krieg") und dem "Idealisten" Kissinger. Kennedy fürchtete um den Frieden, Kissinger pochte auf das Selbstbestimmungsrecht der Ostdeutschen. Allerdings muss Ferguson einräumen: "Im Nachhinein können wir dem Schicksal danken, dass damals im Situation Room der Pragmatismus und nicht der Idealismus den Sieg davontrug. Es bestehen kaum Zweifel, dass Kissinger eher als Kennedy willens gewesen wäre, wegen Berlin einen Krieg in Erwägung zu ziehen, um eine Mauer durch diese Stadt zu verhindern."

Kissinger hielt es von jungen Jahren an für die Pflicht des Intellektuellen, "kühn" zu denken. Er gehörte zu jenen "Besten und Klügsten" der akademischen Ostküsten-Elite, denen die Hörsäle und Seminarräume ihrer Universitäten zu eng wurden, die es an die Schaltstellen der Macht in Washington drängte. Sie strebten nach Anerkennung und Ruhm, suchten die Nähe der Macht. In ihrer Professoren-Eitelkeit lieferten sie sich groteske Hahnenkämpfe. Nichtbeachtung war ihre größte Kränkung.

Der Ehrgeizigste und Empfindlichste von allen war Henry Kissinger. Mitte der fünfziger Jahre schon glänzte sein Stern als einer der Hohepriester der Nuklearstrategie. In seinen Essays und Büchern durchdachte er die apokalyptischen Kriegsszenarios des Atomzeitalters. Kein Präsident wollte auf seinen Rat verzichten. Dass es schließlich Richard Nixon war, der ihn ins Weiße Haus holte, war eher Zufall. Kissinger hätte lieber dem liberalen Republikaner Nelson Rockefeller gedient, dessen Berater er lange war.

Für Ferguson war die erste Hälfte des Lebenswegs von Henry Kissinger "ein echter Bildungsroman", von der Kindheit in einer jüdischen Fürther Familie über die Flucht vor Hitler nach Amerika und die Rückkehr als GI nach Deutschland bis ins Zentrum der Weltpolitik. "Am Ende kam die Macht zu Kissinger", schreibt Ferguson im Epilog seines Buches. "Der krumme Pfad der Geschichte führte den Zauberlehrling Henry Kissinger" auf den Posten des Sicherheitsberaters Richard Nixons, jenes Mannes, der sich wie kein amerikanischer Präsident vor und nach ihm von der Macht korrumpieren ließ.

"Konnte der Idealist in der realen Welt der Macht leben, ohne seine Ideale zu verraten?" Mit dieser Frage entlässt Ferguson nach den gut tausend Seiten seinen Leser. Der kennt die Antwort seit Langem: natürlich nicht! Vielleicht werden wir wieder zehn Jahre warten müssen, bis Niall Ferguson im zweiten Band beschreibt, wie sich der Idealist zum Realisten wandelte.

Ganz erschlagen legt man sein Buch zur Seite. Kissinger: Der Idealist geht weit über eine übliche Biografie hinaus. Das Buch ist ein großes Werk der Zeitgeschichte. Es glänzt mit zahllosen Skizzen persönlicher Wegbegleiter Kissingers, schildert mit gleicher Sorgfalt Wendepunkte der internationalen Politik wie Wegmarken der Familiengeschichte.