In einem Café in Istanbul sitzt ein Journalist, der daran gewöhnt ist, Terrorist genannt zu werden. Ein Journalist, der nach dem Geschmack einiger zu viel darüber berichtete, dass die Jugend im Gezi-Park demonstrierte und die Mächtigen korrupte Geschäfte machten. Ein Journalist, der Drohungen erhielt und von seinem Boss hörte, zwei Minister hätten sich beschwert und gefordert: "Feuer ihn!" Der Journalist hat nicht gezögert, zu diesem Treffen zu kommen. Auf die erste Frage, warum er nicht gezögert habe, guckt er ungläubig. Er treffe gerne andere Journalisten. Angst? Nein. Sicherheitsrisiko? Ja. "Wir sind daran gewöhnt, ein Ziel zu sein und beschuldigt zu werden. Was wird noch passieren? Werden sie uns töten? Wenn etwas passieren soll, dann passiert es."

Der Journalist trägt ein Jeanshemd, bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt, die krausen dunklen Haare zusammengebunden, ein gespanntes, kein angespanntes Lächeln. Mit diesem Lächeln sagt er nun: "Es ist die beste Zeit für Journalismus." Ja, richtig, er meint sein Land! Die Türkei, ausgerechnet! Das Land, in dem Polizisten Redaktionen stürmen, in dem der Staat gerade große Zeitungen und Sender unter seine Aufsicht stellt, in dem Hunderte von Journalisten entlassen werden; das Land, dessen Präsident Recep Tayyip Erdoğan sagt, es habe die freieste Presse der Welt, und das in der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen auf Platz 149 von 180 steht. Gerade deshalb sei es die beste Zeit, findet der Journalist, es gebe keine größere Motivation, was solle er denn als Journalist in Schweden oder Finnland? Er meint tatsächlich ernst, was er sagt. Wieso man darauf kommt, die Ernsthaftigkeit dieser Aussage infrage zu stellen? Nun: Der Journalist arbeitet nicht mehr als Journalist.

Ein paar Fakten zu ihm. Name: Bülent Mumay. Alter: 38. Letzter Arbeitgeber: Hürriyet, seit 1997, mit vier Jahren Unterbrechung. Gefeuert: am 26.11.2015.

Man muss nicht auf Bülent Mumays Seite stehen, um zu sagen, dass er sehr erfolgreich war in dem, was er tat, als er noch Chef von Hurriyet.com.tr war, einer Nachrichtenseite mit der größten Reichweite des Landes. Weil Mumay von Anfang an auch sehr forsch war im Vergleich zu seinen Kollegen und über die Gezi-Proteste berichtete, während andere Medien schwiegen und Pinguine über die Bildschirme wackelten, bekam er immer mehr Drohungen. Mit ihnen wuchs eine Gewissheit, für die sich jeder entscheidet, der in der Türkei Journalist wird, Mumay beschreibt sie so: "Jeden Morgen wachte ich auf und dachte: Das, was ich heute entscheide zu veröffentlichen, kann mein Leben kürzer oder länger machen, das ist Journalismus, das ist die Türkei! Hier kannst du schnell tot sein."

DIE ZEIT: Sind Journalisten und Regierung in einem Kampf?

Bülent Mumay: Das hier ist kein Kampf, es ist ein Massaker. Sie nutzen jedes Werkzeug, um dich aus dem Journalismus auszuschließen und sogar aus deinem Leben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 14.4.2016.

Mumay nimmt eine aufrechte Haltung ein, seine Sätze sagt er wahnsinnig schnell, währenddessen dreht er eine Serviette, die auf dem Tisch liegt, von der eine Seite auf die andere. Wenn er einen Satz losgeworden ist, streicht er sie glatt. Es ist ein aufreibendes Thema für ihn, eines, das nur zwei Seiten hat: Freund und Feind. Mumays Sätze beginnen immer mit "sie". Oder mit "wir". Wir: die Journalisten. Sie: die Mächtigen.

Die Sie-Sätze:

Sie bringen deinen Chef dazu, dich zu feuern.

Sie verbreiten schlimme Gerüchte über dich, dass du nicht mehr auf die Straße gehen kannst.

Sie schaffen es auch, dass der neue Chef dich feuert, wenn du einen anderen Job findest.

Sie, die big guys, mögen keine Kritik, gar keine.

Die Wir-Sätze:

Wir fühlen uns manchmal wie die Juden damals in Deutschland, ich meine nicht die Gaskammern, und es ist nicht das Gleiche, aber auf gewisse Weise tragen wir Journalisten Sterne hier.

Wir sind keine oppositionelle Partei, wir versuchen nicht, die Regierung zu stürzen.

Wir machen nur unseren Job: Wir finden eine Geschichte, und wenn wir Details haben, berichten wir.