Ja, weil sie die Eliten bedrohen und erstmals der große Bruder China mitmacht

Von Angela Köckritz

Anders als uns die politische Popkultur glauben lassen möchte, wird Nordkorea nicht von Irren regiert. Im Gegenteil. Es sind Großmeister macchiavellistischer Machtspiele, denen das eigentlich Unmögliche gelungen ist: ein Regime, das wirtschaftlich und politisch seit Jahrzehnten am Ende ist, künstlich am Leben zu erhalten. Davon profitiert eine winzige Elite und leiden zwanzig Millionen Nordkoreaner – nicht nur jene Hunderttausenden, die in Arbeitslagern darben, sondern auch ganz normale Bürger. Sie leben in einem Willkürstaat, ihnen bleibt der Aufstieg verwehrt, den die ostasiatischen Nachbarländer erlebten.

Der Kim-Clan vermag sich an der Macht zu halten, weil er die geostrategische Lage des Landes zu nutzen weiß. Vor allem aber: weil er die politische Erpressung zur Strategie erkoren hat. Sei unberechenbar, sei laut und bedrohlich – das ist nicht Irrsinn, sondern politisches Kalkül.

Schon Großvater Kim Il Sung verstand es, die verfeindeten Bruderländer Sowjetunion und China gegeneinander auszuspielen. Vater Kim Jong Il kassierte Zuwendungen von Südkorea, den USA und Japan – bis diese, ermattet von falschen Versprechungen und Drohungen, ihre Unterstützung einstellten. Kim Jong Un kann sich nur dank chinesischer Hilfe halten, zeigt den Chinesen aber trotz aller Abhängigkeit: Ihr könnt mich mal. Stetig entwickelt er sein Atomprogramm weiter.

Bislang hat er gut damit gelebt. Ja, es gab Sanktionen, doch haben sie nie den Kern der nordkoreanischen Wirtschaft berührt – den Export von Kohle, Mineralien, seltenen Erden. Das ändert sich jetzt. Die neuesten Sanktionen, einstimmig vom Sicherheitsrat verabschiedet, sind mit jenen vergleichbar, die 2010 über den Iran verhängt wurden. Zum ersten Mal zieht jetzt China mit, auch aufgrund amerikanischen Drucks. Bislang hat es die Blockade stets gebrochen – weniger aus ideologischer Verbundenheit, denn aus Kalkül. Peking sieht in Nordkorea einen Pufferstaat zu dem mit den USA verbündeten Südkorea. Zudem sorgt man sich vor Flüchtlingsströmen und politischem Chaos, die ein kollabierendes Nordkorea nach China tragen könnte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 14.4.2016.

Dass es die neuen Sanktionen gibt, ist gut. Die gelisteten Güter unterliegen dem Handelsmonopol des Militärs, die Auswirkungen auf die Bevölkerung werden sehr gering sein. Sie richten sich gegen die Elite. Und aus welchem Grund sollte man ein zynisches und dysfunktionales Regime künstlich am Leben erhalten? Wie soll sich dort je etwas ändern, solange man den Machthabern stets signalisiert: Ihr kommt mit allem durch?

Die Sanktionen werden Kim nicht dazu bringen, sein Atomprogramm einzustellen – in ihm sieht er die Überlebensgarantie seines Regimes. Auch wäre Nordkorea ohne Atomprogramm nur ein armes Land unter vielen, die ausländische Hilfe gegen Erfüllung bestimmter Konditionen erhalten. Genau das will das Regime vermeiden. Als die Sowjetunion kollabierte und in den neunziger Jahren die Unterstützung einstellte, brach das nordkoreanische Lebensmittelverteilungssystem zusammen. 500.000 bis eine Millionen Menschen starben, was den Kim-Clan nicht davon abhielt, weiterhin einem ausschweifenden Lebensstil zu frönen. Kader und Militärs erhielten nach wie vor ihre Lebensmittelrationen direkt aus den Vorräten der ausländischen Hilfslieferungen, die für die darbende Bevölkerung gedacht waren.

Vom Staat im Stich gelassen, begannen die Menschen, sich selbst zu helfen. Ein lebhafter Schwarzmarkt entstand, eine halb offizielle Wirtschaft. Männer, die für den Staat arbeiten müssen, tragen so wenig zum Haushaltseinkommen bei, dass sie in Nordkorea "Glühbirnen am hellichten Tag" genannt werden. Das Geld verdienen die Hausfrauen auf dem Schwarzmarkt. Das Land hat sich verändert. Doch das Regime verweigert Reformen. Es wird nicht ewig währen, das fühlen auch die Eliten. Einige setzen sich ab, andere schaffen ihr Geld außer Landes. Sanktionen können den Wandel beschleunigen, vor allem dann, wenn sie mit Austausch kombiniert werden. Alles, was hilft, dieses Land zu öffnen, ist gut.