Pascal Bruckner, Jahrgang 1948, ist einer der weltweit erfolgreichsten französischen Schriftsteller. Seine Bücher erscheinen in 30 Ländern, erhielten viele Preise und wurden unter anderem von Roman Polanski verfilmt. Bruckner studierte bei Roland Barthes, zählte in der siebziger Jahren zu den "Neuen Philosophen" und engagiert sich bis heute für ein stärkeres Selbstbewusstsein der Europäer. Sein letztes Werk beschäftigt sich mit seinem Vater, der ein Nazi-Verehrer war. Bruckner empfängt uns unter dem freigelegten Balkenwerk seiner Pariser Dachwohnung im Marais .

DIE ZEIT: Nicht weit von Ihrer Haustür auf dem Pariser Platz der Republik wird seit Wochen jede Nacht protestiert. Gehen Sie gelegentlich hin?

Pascal Bruckner: Ich war gucken. Der Protest ähnelt einem Basar, es herrscht ein nettes Chaos, die Leute wollen die Welt neu erfinden. Am Ende kommt vielleicht ein Videospiel dabei heraus. Denn in Wirklichkeit sind die Proteste Teil der großen französischen Depression. Von Aufbruch keine Spur. Da draußen ist eine Jugend, sympathisch und süß, der es an Arbeit fehlt, die aber Reformen ablehnt. Sie spricht die Sprache der Revolution, aber merkt nicht, wie konservativ diese Sprache heute wirkt, welchen Stillstand sie verkörpert.

ZEIT: Früher kämpften Parade-Intellektuelle wie Sie für die Aufnahme vietnamesischer Bootsflüchtlinge. Heute dagegen schweigen Frankreichs Intellektuelle zur Flüchtlingskrise. Färbt die Depression auch auf Sie ab?

Bruckner: Die Zeiten haben sich geändert. Noch im Jahr 1979, als Sartre und Aron ihren berühmten Flüchtlingsaufruf zeichneten, begründete die islamische Revolution in Teheran eine historische Zäsur. Später folgte der 11. September, der Terrorismus kam hinzu. Aus alldem leitet sich heute das Gefühl ab, dass wir Europäer nicht für den Krieg in Syrien verantwortlich sind.

ZEIT: Haben wir etwa keine universelle Verantwortung für die Flüchtlinge? Die Genfer Flüchtlingskonvention verpflichtet auch uns zur Hilfe, nicht nur die Kriegsschuldigen.

Bruckner: Man darf die Schuldigen nicht aus ihrer Pflicht entlassen. Deshalb sollten die Länder, die den Krieg verursacht haben, auch diejenigen sein, die die Flüchtlinge aufnehmen, allen voran Saudi-Arabien.

ZEIT: Aber Frankreich etwa nicht?

Bruckner: Nein, ich sehe uns moralisch nicht in der Verantwortung. Die europäische Intelligenzija teilt weit und breit meine Meinung.

ZEIT: In Deutschland nicht!

Bruckner: Aber sehen Sie nicht, dass die Deutschen mit ihrer Haltung völlig allein dastehen? Deutschland will mit vorbildhaftem Betragen die schlechten Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg korrigieren.

ZEIT: Wieso hätten wir das noch nötig?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 14.4.2016.

Bruckner: Warum fühlen sich die Deutschen so viel mehr als andere verantwortlich für das Böse in der Welt? Die deutsche Moral sucht das reine, unschuldige Opfer. Noch im vergangenen Juni war Bundeskanzlerin Angela Merkel geradezu unversöhnlich gegenüber den Griechen, aber schon im August war sie ausgesprochen wohlwollend gegenüber den Syrern. Was bewies, dass Deutschlands Humanität einer sehr eigenen Logik der Bevorzugung folgt: Griechen gelten als Schmarotzer, sie sind der deutschen Güte unwürdig. Dagegen entsprechen die kriegsgebeutelten Syrer schon eher der Vorstellung des makellosen Opfers, an dem man Wiedergutmachung für die eigenen Verbrechen betreiben kann.

ZEIT: Ist das syrische Drama denn nicht auch unvergleichbar mit dem griechischen? Haben die Deutschen nicht Europas Ehre gerettet?

Bruckner: Frau Merkel erscheint mir manchmal wie eine geizige Oma, die auf ihrem Stuhl die Knie zusammenpresst und sich an ihre Handtasche klammert. Sie ist sparsam, vorsichtig, dafür wird sie von den Deutschen geliebt. Aber wie alle sehr vorsichtigen Menschen überkommt sie manchmal der Teufel der Impulsivität. Ein Beispiel dafür war Fukushima: Sie stellte die deutschen Atomkraftwerke ab, nur um ganz Europa mit deutschen Kohleabgasen zu verschmutzen. Die Katastrophe in Fukushima hätte sich besser, rationaler verarbeiten lassen. Ebenso uneingeschränkt und impulsiv war die Reaktion der Kanzlerin auf die Flüchtlinge: eine Million willkommen heißen, jetzt, sofort! Ohne Absprache mit uns anderen Europäern.

ZEIT: Hat Sie der Empfang der vielen Flüchtlinge in Deutschland nicht auch bewegt?