Manchmal, wenn die Zeit gekommen ist, sucht Markus Zabel nach DDR-Blut. Entweder im Internet. Oder mit dem Auto. Dann fährt er Hunderte Kilometer, bis an die polnische Grenze. Er scheut keine Mühen, niemals. So kostbar ist das, was er sucht, für ihn.

Markus Zabel züchtet Hunde. Doch sein Streben richtet sich nicht auf irgendein Tier. Es geht ihm um den reinen, wahren DDR-Schäferhund. Dieser hat einen geraden Rücken und massigen Kopf. Und ist begehrt in Ländern wie China, Kanada oder Saudi-Arabien. "Es gibt keinen Kontinent, auf dem kein DDR-Schäferhund lebt", sagt Zabel. Dennoch ist die Rasse auch etwas bedroht. Aber dazu später.

Der ostdeutsche Schäferhund? Was um alles in der Welt soll das sein? Nun: Diese Geschichte beginnt 1961. Bis dahin besaßen die Menschen überall in Deutschland ähnliche Schäferhunde. Doch nach dem Mauerbau verloren ost- und westdeutsche Züchter den Kontakt zueinander.

Und die Ansprüche veränderten sich.

Im kapitalistischen Westen sollte der Schäferhund vor allem schön sein und einen abfallenden Rücken haben. Mit einzelnen Hochzucht-Exemplaren ließ sich viel Geld verdienen, ähnlich wie mit Zuchtpferden. Im Westen züchtete man den Schäferhund, wegen ästhetischer Vorlieben, mit immer weiter abgesenktem Heck. Wie ein tiefergelegtes Auto.

Der sozialistische Schäferhund hatte dieselben Vorfahren. Doch Schönheit spielte für seine Züchter keine Rolle: Er musste funktionieren, auch als Wachhund, auch an der Mauer. Sein Hinterteil blieb oben, der Rücken sollte gerade sein, er sollte nicht anfällig sein für Hüftleiden. Heutige Züchter, die den Osthund schätzen, betrachten es als ihr großes Glück, dass die DDR-Züchter von allen Westmoden abgeschnitten waren. Es geht ihnen, wenn sie den Hund heute züchten, nicht um Ostalgie, nicht um eine politische Einstellung, wie sie beteuern. Sie wollen die Linie bewahren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 17 vom 14.4.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Sehen Sie, wie imposant er dasteht?", fragt Markus Zabel und tippt auf ein Foto.

Zabel ist fünf Jahre nach dem Mauerbau geboren, 1966. Er wuchs an der Mecklenburgischen Seenplatte auf. Als er neun oder zehn Jahre alt war, sah er den Film Der Moorhund. Dieser handelt von der DDR-Grenzpolizei, einem Hund und einem Geheimagenten. Doch es war nicht die Story, die den Jungen faszinierte, sondern die Farbe des Schäferhundes. Ein sattes Grau. So ein Tier wollte der Junge auch besitzen. Aber seine Eltern wollten keinen kaufen. Als er 15 Jahre alt war, machte er kurzen Prozess. Er fuhr mit dem Moped zum Züchter, stopfte den Welpen in seinen Rucksack. Sein Vater war außer sich.

Am nächsten Morgen aber, sagt Zabel, sei er raus zum Hund gegangen – und habe seinen Vater gesehen, wie er vor dem Welpen kniete. "Lass uns noch einen dazuholen", habe der Vater gesagt.

Seither ist Markus Zabels Leben verbunden mit dem DDR-Schäferhund. Seither hat er Bücher gewälzt, Stunde um Stunde auf Hundesportplätzen verbracht. Nach dem Mauerfall zog er in die Nähe von Hannover. Aber seine Tiere hat er mitgenommen. 1991 begann er mit der Hobbyzucht "Zwinger vom Rosenhof".