Es war einmal eine Zeit, da wurden Männer zu Frauendieben. Der Grund waren Brüste und Beine, sehr große Brüste und sehr lange Beine. Sie gehörten Anna Nicole Smith, die sich 1993 auf Werbeplakaten für H&M räkelte, mit dem Finger an ihrem Mund rumspielte, ganz und gar im Nimm-mich-Gestus. Das taten dann auch Männer überall in Europa: Sie klauten die Plakate. In Norwegen ordnete das Parlament sogar an, Anna Nicole Smith zu überkleben. Na klar, wegen der sexistischen Darstellung, denkt der Aufschrei-erfahrene Mensch des Jahres 2016. Für die Parlamentarier von 1993 spielte Sexismus allerdings keine Rolle, sondern nur die Verkehrssicherheit: Wegen zahlreicher Auffahrunfälle erklärten sie das Plakat zum "verkehrsgefährdenden Objekt".

In den vergangenen 23 Jahren hat sich etwas in der öffentlichen Wahrnehmung grundlegend verändert. Zwar sind die Nackten geblieben, unser Blick auf sie aber ist ein anderer geworden. Damals, als sich Anna Nicole räkelte, spielte Sexismus keine Rolle, weil die breite Öffentlichkeit dafür kein Bewusstsein hatte. Heute gibt es dieses Bewusstsein: Wir sind eine sensibilisierte Gesellschaft. Deshalb arbeitet Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) jetzt an einem Gesetzentwurf, der Werbung verbieten soll, die Personen auf ihre Sexualität reduziert, Nacktheit übertrieben herausstellt oder keinen sozial akzeptablen Zusammenhang darstellt zwischen Präsentation und Produkt. Ähnliches hatte das antisexistische Bündnis Pinkstinks schon vor Längerem in einer Petition an den Minister gefordert. In der geht es vornehmlich um die Darstellung von Frauen: stark sexualisiert, für den Haushalt zuständig, als bloße Dekoration. Das verfestige bestehende Vorurteile und schade dem weiblichen Selbstwertgefühl.

Pinkstinks zeichnet hier das Bild der Frau als Opfer. Die Opferrolle macht klein und hilflos. Doch das hat mit der Wirklichkeit von 2016 nichts mehr zu tun. Frauen sind nicht klein. Frauen sind nicht hilflos. Und vor allem sind sie selbstbewusst genug, in sexualisierter Werbung das zu sehen, was sie ist: Brüste, Hintern und nackte Haut. Was sie dabei zu denken haben, können sie selbst entscheiden. Wie Männer übrigens auch.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 14.4.2016.

Dann aber kam die Silvesternacht von Köln. Sie hat der Sexismus-Debatte in Deutschland eine neue Qualität gegeben. Plötzlich ging es nicht mehr nur um die Übergriffigkeiten des Kapitalismus, sondern um Übergriffe von Ausländern. Und sogleich sah die SPD Diskussionsbedarf über das Geschlechterverhältnis, aber ganz allgemein. Denn sexuelle Gewalt gebe es nicht nur von Ausländern, "sondern in allen Teilen unserer Gesellschaft". Mitte Januar verabschiedete sie auf ihrer Bundesvorstandsklausur einen Beschluss, in dem sie 2016 zum "Jahr für die Frauen" erklärte und als eine von vielen Maßnahmen das Verbot diskriminierender Werbung forderte. Also das, was Maas nun vorhat.

Im SPD-geführten Bundesjustizministerium heißt es allerdings, an dem Gesetzentwurf sei bereits vor der Silvesternacht gearbeitet worden. Aber in Wahrheit kann Maas' Vorhaben ohne diese Nacht nicht mehr gedacht werden. Denn Köln hat das Gefühl mit sich gebracht, die Werte dieser Gesellschaft müssten verteidigt werden. Und körperliche Freizügigkeit ist einer dieser Werte. Generationen von Frauen haben dafür gekämpft und gar nicht so wenige Männer auch.

So gesehen, sind die Pläne aus dem Justizministerium nicht nur Ausdruck eines Purismus, der sich als modernes Geschlechterverständnis tarnt. Sie sind auch und vor allem eine Diskursmanipulation. Es wirkt fast, als solle der Sexismus in Deutschland kollektiviert werden, um den Schock von Köln kleinzuarbeiten. Als versuchten die Sozialdemokraten, in einer ohnehin durch die Flüchtlingskrise aufgeheizten Stimmung, den Fokus von den ausländischen Tätern zu nehmen.

Wenn es tatsächlich so wäre, dann wäre das ein gleich doppelter Angriff auf die Freizügigkeit. Auf die Freizügigkeit der Körper und Bilder. Und auf die Freizügigkeit der Gedanken: Der Staat hat den Bürgern nicht vorzuschreiben, was sie zu denken haben, wenn sie nackte Brüste sehen. Und auch nicht, was sie zu denken haben, wenn es um Straftaten, Straftäter und deren Motive geht. Erst recht nicht im Namen der Frauen.