Gut zwei Jahrzehnte drehte sich Hamburgs erste Windkraftanlage über dem südlichen Eingang zur Stadt – ein ökologisches Wahrzeichen auf dem Gipfel der stillgelegten Mülldeponie Georgswerder, das den Hafen um 100 Meter überragte. Seine Leistung freilich war für heutige Maßstäbe eher gering. Deshalb musste es 2013 einer modernen Anlage mit doppelt so hohem Turm und mehr als zwanzigfacher Leistung weichen. Zum alten Eisen wurde die Anlage dennoch nicht: Sie bekam ein zweites Leben in Afrika. Heute dreht sich das Windrad in Gambia und versorgt dort einen Funkturm des ländlichen Handynetzes mit Strom.

Der neue Standort mag ungewöhnlich erscheinen. Doch es ist keine Ausnahme, dass ausgediente deutsche Windräder im Ausland weitergenutzt werden. 80 bis 90 Prozent aller hierzulande stillgelegten Windkraftanlagen werden zur Secondhand-Ware. Ihr zweites Leben im Dienst der erneuerbaren Energie treten sie vor allem in Osteuropa, in Russland, Kasachstan und anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion an.

Dabei steigt die Zahl der Windräder, die hierzulande ausgedient haben, von Jahr zu Jahr, denn die ersten größeren deutschen Windparks erreichen jetzt ihr wirtschaftliches Rentenalter: Nach 20 Betriebsjahren endet die Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, dann lohnt sich der Weiterbetrieb in Deutschland meist nicht mehr. Der Ersatz der alten durch leistungsfähigere neue Windräder (das "Repowering") ist dann lukrativer. Jedes fünfte neu installierte Windrad in den vergangenen beiden Jahren gehörte zu dieser Kategorie. Dafür wurden über 500 Altanlagen demontiert – wobei die meisten noch technisch fit und voll funktionsfähig sind und waren.

Schließlich wurde die erste Windradgeneration mangels Erfahrung mit großen Sicherheitsreserven gebaut. "Da ist viel Angst eingeflossen", sagt Björn Schäfer. Der blonde Husumer mit der Surfer-Statur ist ein Urgestein der Branche. Seit einigen Jahren verdient er sein Geld vor allem mit Altanlagen, der Export des Hamburger Wahrzeichens nach Gambia war eines seiner Projekte. Er verkauft die Windräder nicht nur, sondern baut sie selbst ab – und am neuen Standort auch wieder auf, mit entsprechenden Anpassungen. Ein Windrad wurde zum Beispiel nach Kasachstan geliefert und musste dem dortigen Winter standhalten. "Da waren 40 Grad minus", erinnert sich Schäfer, "alle beweglichen Teile, Öle und Fette haben wir mit Temperaturschlangen und Lüftern geheizt – und dann lief die Mühle."

Auch auf einer abgelegenen Farm in Kanada oder auf dem Wochenendsitz des kongolesischen Präsidenten hat Schäfer schon ausgemusterte deutsche Windräder installiert, sein nächstes Projekt ist im Süden Chiles. Ersatzteillager und Wartungsfirmen gibt es dort nicht. Doch die robuste Technik der Altanlagen kommt ohne Spezialisten aus, ein guter Mechaniker reicht. "Gerade in Afrika ist die Improvisationskunst faszinierend", sagt Schäfer, "ob Ventil oder Getriebe – alles wird dort repariert."

Im Lichte einer nachhaltigen Ressourcennutzung sind Reparatur und Weiterbetrieb natürlich die beste Option für alternde Windkraftwerke. Auch für die Inhaber der in die Jahre gekommenen Windparks ist das zweite Leben ihrer Anlagen eine schöne Überraschung. Per Gesetz sind sie verpflichtet, Rücklagen für die komplette Demontage zu bilden. Doch die werden bisher so gut wie nie gebraucht. Im Gegenteil: Für wiederverwendete Altanlagen fließt sogar noch ein sechsstelliger Euro-Betrag aufs Konto.

Nehmen wir beispielsweise den Bürgerwindpark Nordahl neben dem kleinen Örtchen Oster-Ohrstedt in der Nähe der schleswig-holsteinischen Nordseeküste. Neun Windräder haben dort 13 Jahre lang gutes Geld gebracht, Mitte 2015 beschlossen die 50 Eigner, sie noch vor Ablauf der Förderperiode gegen neue Anlagen auszutauschen. Damit wollten sie einer Gesetzesänderung zuvorkommen, die Investitionen in Windenergie seit Beginn dieses Jahres schwerer kalkulierbar macht. "Außerdem haben wir für die gut gewarteten Altanlagen noch ordentliches Geld bekommen", sagt Nordahl-Geschäftsführer Michael Petersen, "wer weiß, wie das in einigen Jahren wäre."

Zwei der alten Windräder wurden von der Nord- an die Ostsee verpflanzt, ins polnische Lędziny. Gerade rechtzeitig, denn seit diesem Jahr zahlt Polen die lukrative Einspeisevergütung nur noch für den Strom neuer Windräder. Auch in anderen osteuropäischen EU-Staaten schrumpft der Secondhand-Markt. "Dort wurden die ersten Erfahrungen mit Altanlagen gesammelt", sagt Schäfer, "doch nach einigen Jahren Bedenkzeit wird jetzt in neue Anlagen investiert."

Der Bundesverband Windenergie geht davon aus, dass sich in den nächsten Jahren östlich der EU noch neue Absatzmärkte für gebrauchte Windräder auftun werden. Spätestens ab 2020 aber werden auch diese Märkte enger, und eine immer größere Zahl an Windradrentnern wird wohl keine Abnehmer mehr finden. Denn dann wird die zweite Anlagengeneration ihre Altersgrenze erreichen. Und deren komplexere elektronische Steuerung und die kleineren Sicherheitsmargen in der Konstruktion machen einen Weiterbetrieb teurer und risikoreicher.

Deshalb wird inzwischen verstärkt über das Windrad-Recycling nachgedacht. Erste Erfahrungen gibt es mit stark beschädigten Altanlagen, bei denen sich eine aufwendige Demontage nicht lohnt. Solche Windräder werden oft einfach umgerissen – zum Beispiel mit Stahlseilen, die von einem Traktor gezogen werden. Fehlt dafür der nötige Platz, wird auch schon mal der Sprengmeister gerufen. Nach der Sprengung landet auf dem Acker dann eine bunte Mischung aus Stahl und Elektroschrott, die im Altmetallhandel zu Geld gemacht werden kann. Und die zerstoßenen Betonfundamente lassen sich im Straßenbau wiederverwenden.

Probleme machen dagegen die mächtigen, bis zu 75 Meter langen und viele Tonnen schweren Rotorblätter. Bisher ist die Verbrennung in einem Zementwerk die einzige erprobte Entsorgungsmöglichkeit. An der Rückgewinnung der dick mit Kunstharz verklebten Glasfaserschichten wird zwar gearbeitet, eine brauchbare Methode dafür gibt es bisher aber nicht.

Besonders schade ist es um das im Inneren verbaute Balsaholz. Die verleimten Sperrholzstückchen des wertvollen Tropenbaums formen – ähnlich wie bei einer aufwendigen Intarsienarbeit – die tragende Schale der Rotorblätter. Da kommen schnell einige Hundert Quadratmeter zusammen. Wie ließe sich der wertvolle natürliche Rohstoff zurückgewinnen?

Dieser Frage widmet sich der Physiker Peter Meinlschmidt am Braunschweiger Fraunhofer Institut für Holzforschung. Wie bei jedem Recycling ist der erste Schritt eine möglichst saubere Trennung der Materialien. Die beginnt schon beim Umlegen des Windrads. Die großen Teile, in die die Rotorblätter dabei zerbrechen, werden gleich auf dem Acker zerfahren, zersägt oder kontrolliert gesprengt. Dann kommt das Materialgemisch in eine sogenannte Prallmühle und wird in daumengroße Stückchen geschreddert. "Die Fasern und der Kleber lösen sich dabei meistens gut vom Holz", hat Meinlschmidt festgestellt. Für den Bau neuer Rotorblätter seien die kleinen Balsaholzstückchen dann zwar nicht mehr zu gebrauchen, "man kann aber sehr hochwertige Dämmstoffplatten daraus herstellen", sagt der Physiker. Schließlich hat Balsa von allen Plantagenhölzern die mit Abstand geringste Dichte. "Mit den Dämmstoffen aus der Erdölindustrie kann es ohne Weiteres mithalten."

Eine noch lukrativere Verwendungsmöglichkeit demonstriert Meinlschmidt im Nachbargebäude seines Labors. Hier wird mit Holzschaum experimentiert. Der entsteht, wenn angefeuchtete Holzstückchen zu einem Schleim vermahlen werden. Auch Balsa ist dafür geeignet. Hefe oder Backpulver lassen die Masse aufschäumen, chemische Zusätze sind nicht nötig. Getrocknet ist der Naturstoff dann ein vollwertiger Ersatz für Montageschaum, der normalerweise aus Polyurethan besteht. Ein Verfahren für die industrielle Herstellung fehlt allerdings noch.

Fast 700.000 Tonnen Stahl stecken jedes Jahr in neu aufgerichteten deutschen Windrädern, außerdem große Mengen Kupfer und Seltene Erden für Blitzableiter, Elektronik und Generatoren. Dazu kommen viel Beton für die Fundamente und einen Teil der Türme sowie bis zu 40.000 Tonnen Rotorblätter.

"Für die Recycling-Wirtschaft sind diese Mengen durchaus interessant", sagt Fraunhofer-Forscher Meinlschmidt. Doch welche Materialien ein Windrad in welcher Menge und Zusammensetzung enthält, betrachteten die Hersteller bisher noch als Geschäftsgeheimnis. Meinlschmidt und seine Kollegen haben deshalb ein Verfahren entwickelt, die Sache transparent zu machen: Noch vor der Demontage können die Rotorblätter – ähnlich wie bei einer Röntgenaufnahme – mit einem Infrarotstrahler und einer Wärmebildkamera durchleuchtet werden. Die Ergebnisse sollen Schritt für Schritt in eine europaweite Datenbank fließen, damit sie in einigen Jahren für jeden Anlagentyp abrufbar sind.

Noch besser wäre es, wenn schon bei der Konstruktion neuer Windräder auf eine möglichst einfache Entsorgungsmöglichkeit geachtet würde. Tatsächlich wird bereits in verschiedenen Projekten an solch einem design for recycling geforscht. Auch dabei stehen die Rotorblätter im Mittelpunkt. Den radikalsten Vorschlag hat das Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik in Chemnitz gemacht, zusammen mit der Universität Brüssel: Rotorblätter aus Stahlblech.

Ein kleiner Prototyp wurde an der belgischen Küste erfolgreich getestet.* Sein Gewicht ist zwar deutlich höher als bei dem üblichen Verbund aus Kunststoff, Glasfaser und Balsaholz, doch die Herstellung ist wesentlich schneller, billiger und äußerst passgenau. Und um das Recycling muss man sich wohl keine Sorgen machen. Die Erfindung hat bereits einen Wettbewerb gewonnen: den mit 7.000 Euro dotierten Innovationspreis der deutschen Stahlindustrie in der Kategorie Klimaschutz – unter anderem wegen der "optimalen Recycling-Eigenschaften".

* Anm. d. Red.: Diese Stelle wurde nachträglich geändert.