Zürich, Seefeld-Quartier, Mitte März. Trotz grauen Himmels, grauen Sees und einer grau verhangenen Bergwelt riecht es nach Frühling. Im nahe gelegenen Chinagarten (einem Geschenk der chinesischen Partnerstadt Kunming) wird gebohrt und gehämmert, und die öffentlichen Toiletten an der Seepromenade glänzen so sauber, als widersetzten sie sich jeder Benutzung. Cecilia Bartoli ist mit dem Schweizer Bariton Oliver Widmer verheiratet, das Zürcher Opernhaus war in ihrer Karriere immer eine wichtige Station. Gerade hat sie mit Bellinis Norma – einer Produktion der von ihr geleiteten Salzburger Pfingstfestspiele – in Monte Carlo gastiert. Bartolis Büro liegt in einem schmucken Zürcher Stadthaus, wir treffen uns buchstäblich vor der Tür, sie strahlt und sprudelt schon im Hochgehen los.

Cecilia Bartoli: Ah, come sta? Wie geht es Ihnen? Ist es tatsächlich schon wieder drei Jahre her, dass wir uns in Salzburg gesehen haben?

DIE ZEIT: 2013 war das, kurz vor Ihrer Norma-Premiere.

Bartoli: Hätten Sie damals geglaubt, dass das so ein Erfolg wird? Ich nicht! Diese Norma war ein großes Risiko. Belcanto auf historischen Instrumenten, italienische Oper nach kritischem Quellenstudium – wie anstrengend! Das war nicht Bellini, wie das Publikum ihn kannte und liebte ...

ZEIT: ... vor allem durch Maria Callas’ legendäre Darstellung der Norma in den fünfziger Jahren. Sie haben gezeigt, wie lax man damals mit Partituren wie dieser umgegangen ist. Kein Tempo stimmte, keine Verzierung, selbst die Stimmfächer wurden nach alter Virtuosen-Manier den Interpreten angepasst – und nicht umgekehrt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 21.4.2016.

Bartoli: Genau, das auch noch: Wir haben Maria Callas, die Primadonna assoluta des 20. Jahrhunderts, ein bisschen vom Sockel geholt, also noch mehr Risiko! Und heute? Alle wollen unsere Norma sehen und hören, unsere Vision von diesem Stück, incredibile! Salzburg, Zürich, Monte Carlo, Edinburgh – und mit Baden-Baden, Paris, New York und Japan bin ich gerade in Verhandlungen. So ein Echo habe ich in meiner ganzen Karriere noch nicht erlebt. Als hätten wir eine Art Gegentradition begründet, nach der es die Bellini-Liebhaber in der ganzen Welt dürstet. Und wissen Sie, wessen Erbe und Verdienst das ist?

ZEIT: Lassen Sie mich raten ...

Bartoli: Genau: Es ist Nikolaus Harnoncourts Verdienst. Ohne ihn, ohne diesen großen Dirigenten, der jetzt leider gestorben ist, würden wir in der Musik nicht so denken, wie wir denken. Wir hätten keine Ahnung von Aufführungspraxis und historischen Instrumenten und wüssten nichts über musikalische Rhetorik. Für mich waren seine Interpretationen, die Art, wie er Musik empfunden hat, eine Offenbarung.

ZEIT: Sie haben hier in Zürich zum ersten Mal mit ihm gearbeitet.

Bartoli: Bei meinem ersten Cherubino in Mozarts Nozze di Figaro, ja! Harnoncourt stand am Pult, und der Regisseur war Jean-Pierre Ponnelle. Zwei Giganten! Ich war damals sehr jung, fast so jung wie Cherubino bei Mozart, und fand die Proben, nun ja, gewöhnungsbedürftig. Ich weiß noch, wie ich meine Mutter anrief und ihr erzählte, dieser Dirigent hat riesige Augen und macht sooolche Gesten, er steckt voller Energie und voller Ideen – wie soll ich das alles verdauen? Meine Mutter sagte nur, keine Sorge, du wirst es verdauen. Und so war es. Wenn ich ehrlich bin, dauert dieser Verdauungsprozess immer noch an ...

ZEIT: Das historisch informierte Musizieren, wie man heute korrekterweise sagt, war für Sie nicht bloß eine Mode oder Phase.

Bartoli: Absolut nicht! Ich kenne in der Musik nichts Aufregenderes. Vor allem auch die Recherche, die Arbeit in Archiven und Bibliotheken, das Aufstöbern verschollener Stücke, ja ganzer Repertoires! Durch Harnoncourt habe ich zum Beispiel Haydn als Opernkomponisten kennengelernt. Wer hatte jemals etwas von L’anima del filosofo gehört oder von Armida? Wer kannte Antonio Vivaldi jenseits der Vier Jahreszeiten? Niemand! Die Musikgeschichte ist extrem vergesslich. Denken wir daran, dass selbst die Wiener und die Berliner Philharmoniker bis ins 20. Jahrhundert hinein auf Darmsaiten gespielt haben und was das für die musikalische Ästhetik bedeutete? Für die Dynamik? Nein, natürlich nicht. Wir tun so, als hätte es immer so geklungen, wie es heute klingt. Wie langweilig.

ZEIT: Das einzige Instrument, das mit der modernen Entwicklung nicht recht Schritt halten konnte, ist die menschliche Stimme.

Bartoli: Physiologisch gesehen, hat sich die Stimme kaum verändert, das stimmt. Im Vergleich zu den Menschen vor 100 oder 200 Jahren sind wir heute größer, wir essen mehr Vitamine und haben bessere Ärzte. Das hat Auswirkungen auf die Stimme, aber nur in homöopathischen Dosen. Was ich sagen will: Heute wird oft gegen die Stimme musiziert, wir leben in einer lauten Welt, also ist auch auf der Bühne alles riesig und laut, und wollen sie sich dagegen durchsetzen, bleibt den Sängern nichts anderes übrig, als zu brüllen. Komponisten wie Bellini oder auch Richard Wagner aber hatten das genaue Gegenteil im Sinn: Sie schrieben Musik für die Stimme. Warum hat der Orchestergraben in Bayreuth einen Deckel, warum ist das Festspielhaus so intim? All diese Fragen und Gedanken habe ich Nikolaus Harnoncourt zu verdanken. (sie hält kurz inne, ihre Augen füllen sich mit Tränen) Ohne ihn wäre ich niemals die Sängerin geworden, die ich bin.

ZEIT: Als wir 2013 über Norma sprachen, die Frau, die sich um der Liebe willen opfert, und darüber, was diese Geschichte mit uns modernen Menschen zu tun hat, sagten Sie, wir alle müssten unser Leben ändern. Rückblickend sind das prophetische Worte, denn in Europa hat sich sehr vieles, wenn nicht alles verändert. Hatten Sie das damals im Gespür?

"Die Musik kann helfen, unseren Planeten zu retten. Daran glaube ich"

Bartoli: Als Festspielleiterin denke ich in erster Linie künstlerisch, ich scanne nicht die politische Entwicklung, um mir dann zu überlegen, welche Oper am besten dazu passt. Aber ich glaube daran, dass die Musik helfen kann, unseren Planeten zu retten. Es heißt doch immer, wir müssten lernen zu teilen. In der Musik geht es auf einer abstrakten Ebene um nichts anderes. Denken Sie an El Sistema in Venezuela.

ZEIT: Das legendäre Education-Programm, das Kinder über Musikerziehung aus den Slums holt, weg von Drogen, Prostitution und Kriminalität.

Bartoli: Ich glaube nicht, dass sich ein solches Projekt in Europa wiederholen ließe. In Venezuela wurde El Sistema 1975 aus der nackten Verzweiflung geboren, und so gesehen, geht es uns hier immer noch viel zu gut. Aber warum fangen wir nicht vor der eigenen Haustür an, was ist mit meinen Nachbarn, was mit den Leuten von schräg gegenüber? Das wäre ein erster Schritt in Sachen Achtsamkeit, und er würde enorm viel verändern. Und wenn ich als kleine römische Sängerin der Weltpolitik einen unbedeutenden Vorschlag unterbreiten dürfte: Hört auf, Waffen zu exportieren! Hört einfach auf damit, nur probehalber, nur um mal zu sehen, wie es sich anfühlt, wenn es auf der Welt niemanden mehr gibt, der mit dem Elend anderer Menschen Geld verdient. Ich finde, das sollte uns einen Versuch wert sein.

ZEIT: Für die diesjährigen Pfingstfestspiele haben Sie das Simón Bolívar Symphony Orchestra mit seinem Chefdirigenten Gustavo Dudamel eingeladen, beide sind aus der Sistema-Bewegung hervorgegangen. Ist das Ihre Art zu teilen?

Bartoli: Nicht in einem gönnerhaften Sinn, wie käme ich dazu – Gustavo Dudamel ist ein absoluter Weltstar. Nehmen Sie es als Signal, als ein kleines "Wir haben verstanden". Außerdem war es eine künstlerische Entscheidung. Die West Side Story ist eine Oper, die ...

ZEIT: Eine Oper? Leonard Bernstein dreht sich gerade im Grab herum! Das Letzte, was er wollte, war, mit seiner Romeo und Julia-Adaption in die "Opern-Falle" zu tappen.

Bartoli: Es ist ein Stück auf dem Weg zur Oper, können wir uns darauf einigen? Es ist unter anderem eine Oper, denn die West Side Story verlangt professionell ausgebildete, klassische Musiker. Wie bekommt man das Musical normalerweise geboten? Mit zehn Katzen und einem Synthesizer! Und was hören wir auf der Aufnahme, die Bernstein 1985 selbst dirigiert hat? Opernsänger, die ihr Instrument beherrschen und möglichst schöne Töne von sich geben, bel canto! Kiri Te Kanawa, José Carreras, Tatiana Troyanos, Somewhere wird von keiner Geringeren als Marilyn Horne gesungen – mehr Oper geht eigentlich kaum. Eine Oper, die übrigens von einem hochaktuellen Konflikt erzählt, von der Auseinandersetzung zwischen Weißen und Latinos, zwischen Migranten und Einheimischen.

ZEIT: Auch deshalb die Einladung an Gustavo Dudamel und das Simón Bolívar Symphony Orchestra?

Bartoli: Ich habe sie den Mambo aus West Side Story spielen hören und dachte: Wow, genau das ist es! Das Künstlerische und das sogenannte Politische liegen oft gar nicht so weit auseinander.

ZEIT: Trotzdem würde man die Mozart-, Händel- und Rossini-Spezialistin Cecilia Bartoli nicht unbedingt mit Jazzrhythmen und einer einfachen jungen Puerto Ricanerin namens Maria identifizieren.

Bartoli: Warum nicht? Maria ist eine hochinteressante Figur, aufrichtig, demütig, stark, sehr idealistisch. Sie will der Welt beweisen, dass aus Puerto Rico gute Menschen kommen. Sie glaubt an das Gute. Und an die Liebe. Sie will an Tonys Seite ein Exempel statuieren. Außerdem kommt unser Regisseur Philip McKinley vom Broadway, er hat dort Spiderman inszeniert.

ZEIT: ... und lehrt jetzt Cecilia-Maria, wie man Wände hochklettert?

Bartoli: Das vielleicht auch! In jedem Fall wird das Tänzerische eine große Rolle spielen, die Befreiung des Menschen durch den Rhythmus, ganz wie Bernstein es wollte. Wissen Sie, ich hatte diese Musik schon sehr früh im Kopf, und es war immer mein Traum, sie eines Tages zu singen. Jetzt geht dieser Traum in Erfüllung.

ZEIT: Die West Side Story handelt von zwei rivalisierenden Jugendgangs in New York. Auf der Bühne stehen junge Menschen, die junge, dumme Dinge tun. Sie selbst werden dieses Jahr 50. Ist das ein Problem?

Bartoli: 50 zu werden ist immer ein Problem! Nein, einerseits gibt es diese Differenz, natürlich, aber die ist in der Oper normal. Jugend und musikalische, vor allem sängerische Reife schließen sich aus. Man ist nie so jung wie die Rolle, die man spielt, Verdis Leonora ist niemals 19, Mozarts Susanna auf keinen Fall süße 16 oder 17, Wagners Brünnhilde ganz sicher keine 20. Wenn dies das Kriterium wäre, müssten wir unsere Opernhäuser schließen. Andererseits wollte Leonard Bernstein für seine Maria von der Klangfarbe her eine eher dunkle Stimme, definitiv keinen hohen Sopran. Das ermutigt mich als Mezzosopranistin sehr. Zur Zeit der Aufnahme war Kiri Te Kanawa von ihrem 50. übrigens auch nicht mehr so weit entfernt. Wie wünschte sich Bernstein One Hand, One Heart ? Langsam gesungen, mit voller stimmlicher Kontrolle und Qualität.

ZEIT: Müssen Sängerinnen und Sänger heute jenseits dessen eigentlich besser aussehen, um Erfolg zu haben, als früher? Wie stark ist der Druck durch die globalisierten Schönheitsstandards?

Bartoli: Ich weiß nicht, ob sie so viel besser aussehen müssen, auch Maria Callas hat gehungert, um eine Wespentaille zu haben. Aber was zugenommen hat, sind bestimmte Reflexe: Du bist jung, du hast lange Beine, du siehst gut aus, das reicht erst einmal, um eine Rolle oder einen Plattenvertrag zu bekommen. Nur dann geht es eben oft nicht weiter, weil das Publikum sich nach zehn Minuten langweilt. Lange Beine und nichts zu sagen? Keine günstige Kombination. Am Ende wird die Musik überleben, das Schöpfen aus der musikalischen Kreativität, das ist meine feste Überzeugung. Daraus könnte die Gesellschaft von der Musik übrigens viel lernen.

ZEIT: Sie leiten die Salzburger Pfingstfestspiele jetzt im fünften Jahr und sind sehr erfolgreich. Besorgt es Sie manchmal, dass es der internationale Festivalbetrieb schon aufgrund seiner Kartenpreise nur auf das ältere, wohlhabendere Publikum abgesehen hat?

Bartoli: Dahinter steckt ein echtes Dilemma. Einerseits kann und will man keine Abstriche bei der Qualität machen, andererseits brauchen wir dringend ein jüngeres Publikum. Gerade die jungen Leute aber, die mit dem Internet groß werden, glauben, es sei alles umsonst. Geistiges, künstlerisches Eigentum stellt einfach nicht den Wert dar, der ihm gebührt. Das ist eine Frage des Bewusstseins, daran müssen wir arbeiten. Popkonzerte sind auch nicht umsonst – habe ich mir sagen lassen –, im Gegenteil. Qualität kostet, Punkt. Das lernt man hier in der Schweiz ziemlich schnell.

ZEIT: Kein Wunder, wenn ein einfaches Trambahnticket 4,40 Franken kostet.

Bartoli: Aber die Tram fährt, und zwar auf die Minute genau! Wollen Sie lieber für 2,80 Euro in Rom zwei Stunden lang auf den Bus warten? Da fahren Sie irgendwann Scooter, wenn Sie nicht gerade Sängerin sind und sich vor Erkältungen fürchten, oder Sie gehen zu Fuß. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede. Ich bin Römerin, und ich liebe Rom!

ZEIT: Apropos, ich habe Ihnen etwas mitgebracht. Wissen Sie noch, in Salzburg haben Sie mir Normas ausgelatschte Schuhe gezeigt, als Kontrast zu Maria Callas’ High Heels. Das habe ich damals fotografiert.

Bartoli: (blickt neugierig auf das Bild, das sie im Zuschauerraum des Salzburger Hauses für Mozart zeigt, sie trägt Perlenkette und einen schwarzen, an den Schultern ausgeschnittenen Pullover und hält einen staubigen Schnürstiefel in die Kamera) Ooooh, wie lustig, schauen Sie! Da hatte ich denselben Pullover an wie heute! Ich bin eben ein nachhaltiger Mensch.

Cecilia Bartoli ist am 13. und 15. Mai sowie vom 20. bis 29. August in Salzburg in "West Side Story" zu erleben. Info: www.salzburgerfestspiele.at. Vom 5. bis 9. August gastiert sie mit "Norma" in Edinburgh. Info: www.eif.co.uk