Auf der Fahrt den Mulholland Drive hinauf scheint die Sonne von einem wolkenlos blauen Hollywood-Himmel, man biegt in eine unscheinbare Straße ab, hält schließlich vor einer unscheinbaren Tür. Dahinter öffnet sich ein tropisch anmutender Garten, darin ein Wohnhaus und ein Ateliergebäude. Seit drei Jahren lebt David Hockney, nach mehrjährigem Aufenthalt in seiner englischen Heimat, wieder hier in Los Angeles. Der Maler wartet im Atelier, das grauweiße Haar leicht verstrubbelt. Mehrere frisch bemalte Leinwände hängen an der Wand. Allesamt Porträts von Freunden. Im Juli werden sie in der Royal Academy in London ausgestellt. Seine vergangene Ausstellung dort, eine Schau mit 150 in England entstandenen Landschaftsgemälden, brach 2012 alle Besucherrekorde des Museums. Hockney spricht ein britisches Englisch, es ist ein feiner Singsang, zwischendurch hustet er kurz. Und zündet sich im Gespräch, man nimmt es schließlich kaum noch wahr, ständig neue Zigaretten an.

David Hockney: Anfangs wusste ich nicht, wie viele Porträts ich malen würde. Jetzt sind es schon 85 – und sie sehen alle wie Individuen aus, nicht wahr? In London werden 82 von ihnen gezeigt und dazu ein Stillleben: von dem leeren Stuhl, auf dem die Porträtierten sitzen mussten. Es wird eine psychologische Ausstellung sein, mit all diesen Charakteren.

DIE ZEIT: Sie haben zum Beispiel Ihren Kollegen John Baldessari gemalt und auch den weltmächtigsten Galeristen, Larry Gagosian.

Hockney: Ja, Gagosian ist ein alter Freund, wir kennen uns seit vierzig Jahren.

ZEIT: Er hat viele Feinde im Kunstbetrieb, sie werfen ihm den Ausverkauf der Kunst an die Superreichen vor.

Hockney: Ich weiß, ich weiß. Na ja, ich zeige meine Kunst nicht in seiner Galerie. Der Mann im roten Pullover dort auf dem Bild ist Benedikt Taschen, der Verleger des Taschen-Verlags, er wohnt hier gleich um die Ecke.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 21.4.2016.

ZEIT: Mögen Sie all diese Porträtierten?

Hockney: Ja, es sind meine Freunde. Ich mag Menschen! Da ich ziemlich taub bin, gehe ich abends nicht mehr aus. Wenn ich überhaupt auf Partys gehe, dann halte ich es wie die Aristokraten: Ich komme als Letzter und gehe als Erster. Es freut mich deshalb, wenn mich meine Freunde tagsüber im Atelier besuchen kommen. Die Porträts habe ich nicht etwa von Fotografien abgemalt, sie sind allesamt in Sitzungen von jeweils drei Tagen entstanden. Mir war klar, dass ich die meisten dieser Menschen nicht für einen längeren Zeitraum aus ihrem Alltag reißen kann. Ich hatte jeweils circa 21 Stunden Zeit für die Porträts. Es ist eine Art von Langzeitbelichtung.

ZEIT: Wurden Sie selbst schon einmal porträtiert?

Hockney: Für Lucian Freud saß ich 120 Stunden lang still! Ich wusste, dass er lange brauchte, weil er immer gern tratschte. Ich selbst spreche nie beim Malen.

(Wir sitzen auf zwei Sesseln, vor uns auf einer Art Pult liegt der Dummy eines Buches. Es ist das zweite große Projekt, das Hockney in diesen Wochen beschäftigt: ein gigantischer Katalog seines Werks, der diesen Herbst im Taschen-Verlag erscheinen soll.)

ZEIT: Ist das Ihr Werkverzeichnis, Ihr Œuvre-Katalog?

Hockney: Nun, der Band beginnt mit meinem ersten Gemälde aus dem Jahr 1953 und endet mit Bildern aus dem Jahr 2016, er ist 500 große Seiten dick. Es ist das erste Mal, dass ich einen Blick zurück auf mein Werk werfe.

ZEIT: Sie sind kein Nostalgiker?

Hockney: Ich glaube an das Jetzt. Ich arbeite immer im Jetzt. Warum sollte man zurückschauen, wenn man weitergehen kann? Aber nun musste ich Rückschau halten, und ich stelle fest: Es war ein gutes Leben. Ich wuchs in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf, die um einiges besser war als die schreckliche erste Hälfte. Hier, sehen Sie, 1954 malte ich mit 17 Jahren meinen Vater.

ZEIT: Sie waren schon damals ein geübter Maler.

Hockney: Na ja, einigermaßen. Diese Bilder entstanden in der Bradford Art School. Ich malte alltägliche Szenen, einen Waschsalon, das Haus meiner Familie. Das abstrakte Bild hier ist ein Unfall, verursacht durch einen Fehler in der Leinwand. Die nächsten Bilder entstanden dann im Royal College of Art.

ZEIT: Mögen Sie Ihre frühen Werke?

Hockney: Doch, sie sind okay. Ich schäme mich nicht für sie.

ZEIT: Gab es Arbeiten, die Sie lieber nicht in Ihren Katalog aufnehmen wollten? Künstler wie Gerhard Richter verbannen bei solchen Gelegenheiten gerne einzelne Bilder aus ihrem Werk.

Hockney: Nein, ich lasse alle gelten. Es tauchen nicht alle Zeichnungen in dem Band auf, aber von den Gemälden doch die allermeisten. Schauen Sie hier, dieses Bild heißt Domestic Scene Los Angeles, ich habe es 1963 gemalt, schon bevor ich 1964 hierherzog.

ZEIT: Das Bild zeigt zwei nackte Männer beim Duschen. War Los Angeles in Ihrer Vorstellung eine erotische Stadt?

Hockney: O ja, das war sie. Für mich schon.

ZEIT: Los Angeles ist sexier als London?