Sieben Monate hat Rim gewartet, nun ist sie seit ein paar Tagen in der Schule. "Wir lernen das Alphabet", sagt sie, stockt kurz und streicht über die Hülle ihres Smartphones, als überlege sie, ob es unhöflich sein könnte, was sie jetzt sagen möchte. "Wenn ich ehrlich bin: Das ist langweilig." Rim, 15, war in Syrien die Beste in ihrer Klasse, dann kam der "Islamische Staat", verwüstete ihre Heimat, die Familie flüchtete nach Hamburg und wohnt nun in einer Erstaufnahme für Flüchtlinge.

"Eine der besten Integrationspflichten ist die Schulpflicht", hat Bürgermeister Olaf Scholz vergangene Woche noch einmal betont. Doch es gibt viele Kinder, denen es geht wie Rim: Monatelang konnten sie nicht zur Schule gehen, weil es schlicht keine Klassen für sie gab. Rim, die eigentlich anders heißt, hat das Beste aus ihrer Situation gemacht: Sie hat Deutsch gelernt, inzwischen managt sie mit ihrem Smartphone das Leben der Familie, koordiniert die Amtstermine, übersetzt für den Vater. Aber nun schickt die Schulbürokratie sie in eine Klasse, in der sie mit Analphabeten die Buchstaben lernen soll.

Wer Integration fordert, muss auch die Möglichkeiten dazu bieten. Alles, was Rim bisher gesehen hat von Deutschland, gibt ein eher frustrierendes Bild ab. Es stellt sich die bange Frage: Wenn es schon bei der Integration einer so vorbildlichen Schülerin hakt, wie können die Hamburger Schulen das mit der Masse der Flüchtlinge schaffen?

Zentrale Erstaufnahme Karl-Arnold-Ring, Wilhelmsburg. Kathrin Brockmann stürmt die Treppen der ehemaligen Förderschule hinauf und erzählt nebenbei, dass vor ein paar Tagen eine Schülerin abgeschoben wurde. Mitten in der Nacht sei die Familie von der Polizei abgeholt worden, das ganze Camp dabei aufgewacht. "Die Schüler waren tagelang von der Rolle."

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 18 vom 21. April 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Brockmann war eine der Ersten, die in Hamburg eine Schule in einer Flüchtlingsunterkunft aufbaute. Mit 280 Plätzen gehört die ehemalige Förderschule am Karl-Arnold-Ring in Kirchdorf-Süd zu den kleinsten Erstaufnahmen, die festen Gebäude machen sie vergleichsweise komfortabel. Normalerweise lassen die Behörden keine Journalisten rein. Aber Schulsenator Ties Rabe war hier derart beeindruckt, dass die ZEIT in Begleitung von zwei Pressesprechern den Unterricht besuchen durfte.

In den ehemaligen Klassenzimmern stehen heute Betten, unterrichtet wird in einer umgebauten Küche. Dort sitzen nun 16 Schüler zwischen zwölf und 16 Jahren. Schulforscher sehen in Klassen mit sehr heterogenen Schülern eine Herausforderung für Lehrer. Heterogener als hier geht es kaum: Die Schüler sind unterschiedlich alt, kommen aus unterschiedlichen Kulturen, aus unterschiedlichen Milieus, sprechen unterschiedliche Sprachen, haben eine unterschiedliche Vorbildung. Ein Mädchen hatte zu Hause in Syrien einen eigenen Swimmingpool, spielte Geige und war auf dem Gymnasium; einige Jungen aus Afghanistan sind Analphabeten.

"Warum wollt ihr Deutsch lernen?", fragt die Lehrerin die Klasse. "Ich lerne Deutsch, weil ich lebe in Deutsch", sagt ein Schüler. "Das ist nicht ganz richtig", sagt die Lehrerin. Eine Schülerin meldet sich: "Wir lernen Deutsch, weil wir in Deutschland sind." Die Lehrerin wiegt den Kopf. "Wir lernen Deutsch, weil wir in Deutschland leben", ruft ein Junge. "Richtig", sagt die Lehrerin, einige Klassenkameraden applaudieren.

Deutsch lernen am praktischen Beispiel, darum geht es hier – und darum, dem hohen Anspruch gerecht zu werden, den Hamburg an sich stellt. In Bayern sind Flüchtlingskinder in den ersten drei Monaten nach ihrer Ankunft von der Schulpflicht befreit, in Baden-Württemberg sogar das erste halbe Jahr. In Hamburg dagegen sollen Flüchtlingskinder vom ersten Tag an zur Schule gehen.

Doch weil der Ausbau der Folgeunterkünfte nicht vorankommt, leben viele Schüler deutlich länger als geplant in den provisorischen Erstaufnahmen. Im vergangenen Herbst hat die Stadt deswegen begonnen, auch dort Schulen aufzubauen, doch das braucht Zeit. Noch vor acht Wochen ging jedes dritte Kind in den Erstaufnahmen nicht zur Schule. Inzwischen haben die zurückgehenden Flüchtlingszahlen für Entspannung gesorgt: In fast allen Erstaufnahmen findet jetzt Unterricht statt.

Unterricht, das bedeutet hier vor allem, kulturelle Hürden abzubauen. "Die pädagogischen Traditionen sind doch sehr unterschiedlich in den Herkunftsländern unserer Schüler", sagt Brockmann. "Manche Kinder fragen sich, warum wir sie zur Bestrafung nicht schlagen." Es sei auch erstaunlich, was manche Schüler nicht könnten: Einige müssten lernen, wie man eine Toilette benutzt. Deswegen sei es ihr wichtig gewesen, in ihrem Team Kolleginnen zu haben, die selbst nicht in Deutschland zur Schule gegangen sind. Brockmann ist Halb-Marokkanerin, die Kollegen in ihrem Team haben Wurzeln in der Türkei, in Polen, in Tunesien und im Iran.