Eine Pappschachtel mit dem Foto eines lachenden Paares: Vitamin-C-Depot-Kapseln von "Das gesunde Plus". Eine PVC-Flasche mit Abbildungen von frischem Obst: "hohes C Multivitamin". Ein Plastikbeutel mit einer lustigen Zitronenfigur: "Dittmeiers Valensina Zitrone Halsbonbon". Drei Produkte, die in fast allen deutschen Supermärkten und Drogerien zu finden sind, genau wie Fruchtsaft von Capri-Sonne, Kakao von Nesquik, Kinderjoghurt von Hipp.

Der kleine, schmale Mann, der an diesem Frühlingstag in der chinesischen Stadt Shijiazhuang vor einer mit Stacheldraht bewehrten Mauer steht, hat diese Produkte noch nie gesehen. Er kennt nur das weiße Pulver, das sie alle enthalten. Er hat es durch die Fabrikhallen hinter der Mauer geschleppt. Er hat es eingeatmet. Er ist, so glaubt er, davon krank geworden.

Das Pulver ist Vitamin C. Eigentlich ein Naturprodukt, enthalten in Orangen, Zitronen, Kiwis, Paprika, Brokkoli. Man könnte es aus natürlichen Quellen gewinnen, aber viel billiger ist es, das Vitamin künstlich herzustellen. Es heißt dann Ascorbinsäure und wird zum Beispiel in dieser Fabrik in China produziert.

Der Mann, der hier den Namen Zhang Quiong tragen soll, läuft jetzt an der Mauer entlang. Am einzigen Tor sitzen zwei uniformierte Wächter in ihrem Häuschen und schauen mürrisch herüber. Zhang deutet auf die Fabrik. Acht Jahre lang hat er dort gearbeitet, in einer Halle, die so groß war wie die Hoffnung, die ihn erfüllte, als er hierherkam in die Provinzhauptstadt mit ihren fast zehn Millionen Einwohnern, er, der Junge vom Land, Sohn einer Krankenschwester und eines einfachen Regierungsangestellten.

"Shijiazhuang wird Medikamentenhauptstadt" stand damals überall auf großen Schildern am Straßenrand. Zhang, heute 34 Jahre alt, absolvierte eine Ausbildung zum Chemie- und Pharmaarbeiter und fand eine Stelle beim Staatsunternehmen North China Pharmaceutical Company, kurz NCPC, das fast alle Arten synthetischer Vitamine produziert, Vitamin C, Vitamin B1, B2, B6, B12 und Vitamin E. Rohstoffe für die europäische und amerikanische Nahrungsmittelindustrie.

Zhang war für das Vitamin C zuständig, die Ascorbinsäure. In Zwölf-Stunden-Schichten, bis zu 64 Stunden pro Woche, mischte er das Pulver mit Substanzen, deren Namen ihm niemand verriet. Zog sich mit jedem Atemzug feinen Staub in die Lungen. Und wuchtete die 25 Kilo schweren Säcke auf seinen Rücken.

Anfangs störte er sich daran, dass diese Arbeit wenig mit seiner Ausbildung zu tun hatte. Aber dann war er doch froh, eine feste Stelle zu haben, so wie die Eltern es sich gewünscht hatten. Ein sicheres Gehalt, das es ihm erlaubte, zu heiraten, eine Familie zu gründen.

Zhang hustet, als er das erzählt, seine Rachenschleimhaut ist entzündet, eine chronische Erkrankung. Alle hier würden husten, sagt er, alle, die er kennt, die mit ihm in der Fabrik gearbeitet haben.

Man mag sich die Synthetisierung von Vitaminen als klinisch reinen Vorgang vorstellen. In Wahrheit ist es ein industrielles Verfahren, oft unter Verwendung von Metallen wie Nickel, bei dem giftige Abwässer und Abgase entstehen, feiner schwarzer Dreck, der dem Himmel über Shijiazhuang die Farbe nimmt. Der Stadt ist gelungen, was die Schilder damals versprachen: Sie ist zu einer Hauptstadt bei der Produktion von Medikamenten und Nahrungsmittelzusätzen geworden, zum Knotenpunkt in einem Milliardenmarkt, der von Jahr zu Jahr größer wird – dem Geschäft mit den Vitaminen.

Nähert man sich diesem wenig beachteten Markt, stößt man nicht nur auf chinesische Arbeiter wie Zhang, sondern auch auf einen ebenso unbekannten wie mächtigen niederländischen Konzern. Man trifft Professoren deutscher Hochschulen, die weniger Wissenschaftler als Verkäufer sind – und findet schließlich eine Antwort auf die Frage, wie bedeutsam künstliche Vitamine für die menschliche Gesundheit sind.