DIE ZEIT: Herr Rong, Chinas Automarkt boomt seit Jahren. Jetzt plant Ihr Unternehmen der Zuliefererbranche, dort ein Lager zu betreiben. Ist das nicht reichlich spät?

Haitao Rong: Für uns ist es genau der richtige Zeitpunkt. Wir bieten vorwiegend maßgeschneiderte Material- und technische Lösungen an, zum Beispiel für hochwertige Innenausstattung und Leichtbauanwendungen in der Autoindustrie – diesen Markt und diesen Bedarf hat es vor 30 Jahren in China noch gar nicht gegeben. Unsere europäischen Kunden fragen immer öfter nach, ob wir vor Ort produzieren und dort auch den gewohnten Service anbieten.

Helmut Rauch: Ich sage gern: Der Jäger muss der Herde folgen. In der Elektronikindustrie ist die Herde aber eben schon in den Neunzigern nach China gezogen. China ist nach wie vor ein riesiger Markt, der weiter wachsen wird: Bisher nehmen von den 1,4 Milliarden Einwohnern nur 400 Millionen am Wirtschaftswachstum teil. Aber gerade für einen Mittelständler ist es wichtig, sich bewusst zu sein: Mit welcher Intention geht man in diesen Markt? Wer dabei nur an die Kosten denkt, wird sich wundern. Es geht um etwas ganz anderes: Heute sind die großen Unternehmen alle vor Ort und treiben die Technologie voran. Was hier zählt, ist vor allem die Nähe zu unseren Kunden.

Beate Irmer: Die Kosten sprechen für uns als Marktforschungsunternehmen sogar gegen China. Moderatoren, Übersetzer und Projektmanager sind in China genauso teuer, wenn nicht sogar teurer als in Deutschland. Die brauchen wir aber für unsere Arbeit. Uns ging und geht es darum, Qualitätssicherung für unsere Kunden vor Ort zu betreiben. Die Qualität unserer Dienstleistung ist schwer überprüfbar, das hat viel mit Vertrauen zu tun und damit, dass die Kunden die Prozesse und die Qualität erwarten, die sie aus Deutschland kennen. Genau deswegen brauchen wir jemanden vor Ort, auf den wir uns verlassen können, in unserem Fall Chinesinnen, die in Deutschland studiert und gearbeitet haben, also beide Welten im Kopf haben und die eine in die andere übersetzen können.

ZEIT: Sind Sie alle den Wünschen der Kunden gefolgt?

Rong: Das ist ein Faktor. Der zweite ist: Wir wollen wachsen. Das Wachstum in Europa ist begrenzt, gerade im Automobilsektor macht uns das Potenzial Chinas große Hoffnung. Drittens haben wir umfassend den Markt analysiert und festgestellt, dass unsere Produkte und technischen Serviceleistungen von den dortigen Herstellern stark nachgefragt werden. Also: Wir wollen wachsen, wir haben die Nachfrage erkannt, und wir haben die richtigen Produkte.

Rauch: China ist allein von seiner schieren Marktgröße ein Riesenstandort und damit für jeden interessant. Aber nur, wenn man die richtige Erwartungshaltung hat.

ZEIT: Frau Irmer setzt in China auch auf chinesischstämmige Mitarbeiter wie Herrn Rong. Der einzig richtige Weg?

Irmer: Auf den ersten Blick war es für mich erstaunlich, dass uns die chinesische Kultur doch ähnlicher ist als die anderer Länder – zum Beispiel die der USA, wo wir auch tätig sind. Aber für die Feinabstimmung, für die persönlichen Beziehungen, über die die Geschäfte in China fast ausschließlich laufen, brauchen wir die Führung unserer chinesischen Kollegen. Wir Deutschen tendieren dazu, etwas fachlich durchzudiskutieren und die Zwischentöne nicht richtig zu verstehen.

Rauch: Wir haben einen ähnlichen Ansatz gewählt und in Freudenstadt frühzeitig chinesische Mitarbeiter eingestellt und sie sozusagen mit dem Schmid-Gen versehen, sodass sie beide Welten verstehen können.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 21.4.2016.

ZEIT: Herr Rauch, Sie haben sich 2007 dazu entschlossen, in Zhuhai eine exakte Kopie ihres Freudenstädter Werkes zu bauen. Warum die Mühe?

Rauch: Der Schlüssel ist die vollständige Integration unserer Prozesse, um Transparenz zu erzeugen und Kontrolle zu ermöglichen. Aber unser deutsches Werk ist in der Freihandelszone auch eine Art Benchmark. Es unterscheidet sich von den chinesischen Produktionsstätten, die rationell angelegt und günstig gebaut sind und schnell wieder dichtgemacht werden können. Unsere Mitarbeiter haben Büros nach deutschem Maßstab, nicht die klassischen chinesischen und amerikanischen Boxen, wir legen großen Wert darauf, unsere Mitarbeiter persönlich kennenzulernen und sie dazu zu bewegen, sich zu entwickeln. Damit fordern und fördern wir Leistung nach unseren Maßstäben.

Irmer: Woran machen Sie Ihren Erfolg fest?