Artur hatte Prostatakrebs im Endstadium, die Schmerzen brachten ihn fast um den Verstand. In den USA oder in Westeuropa hätte er sich darauf verlassen können, dass ihm im Notfall ausreichend Schmerzmittel zur Verfügung stehen. Doch Artur lebte in der Ukraine. Wobei "lebte" ein beschönigendes Wort ist, treffender wäre "verreckte". Auf seinem Nachtschrank stand eine Flasche Schnaps, unter seinem Kopfkissen hatte er als letzten Ausweg eine Waffe deponiert.

Mit dieser Geschichte klagten vor zwei Jahren Fachleute im New England Journal of Medicine über die eklatante Ungleichheit in Fragen der Schmerzbehandlung. Weltweit konzentriert sich der Verbrauch der stärksten Schmerzmittel auf wenige westliche Industriestaaten. In den USA, Australien, Kanada, Neuseeland und den Mitgliedstaaten der Europäischen Union werden über 90 Prozent aller medizinischen Opioide verschrieben. Wer indes woanders lebt, gar in einem Entwicklungsland, der muss irgendwie durchhalten.

An den Kosten kann es nicht liegen. In Indien kostet eine Morphintablette für den Tagesbedarf rund zwölf Cent. Nein, die verheerende Unterversorgung mit medizinischen Opioiden in vielen Weltgegenden ist vielmehr das Ergebnis westlicher Drogenpolitik. Opioide haben eben ein Janusgesicht: einerseits potente Schmerzmittel, andererseits Rauschmittel. Kürzlich haben die Vereinten Nationen in New York beraten. Wie scharf dürfen Staaten gegen den Missbrauch von Betäubungsmitteln vorgehen, ohne dass dadurch Schmerzpatienten unnötig leiden?

Indien exportiert Opioide, während Einheimische leiden

Jahrzehntelang hatte sich die Politik an dem orientiert, was US-Präsident Richard Nixon 1972 verkündet hatte, einem Krieg gegen Rauschdrogen ("War on drugs"). In der Folge wurden jedoch auch medizinische Opioide weltweit verfemt. Ein Relikt aus dieser Zeit ist das strikte Vorgehen in vielen Entwicklungsländern. In mehr als 150 Ländern müssen Ärzte so viele Formulare ausfüllen, dass sie lieber gleich ganz auf die Verschreibung verzichten. Das führt zu vielen widersinnigen Situationen. In Indien zum Beispiel unterhalten zwei staatliche Opium- und Alkaloid-Hersteller gewaltige Mohnfelder. Das gewonnene Rohopium wird durch die indische Regierung ins Ausland exportiert und dient dort unter anderem zur Produktion des medizinischen Opioids Oxycodon. Indische Krebskranke jedoch kamen wegen der bislang restriktiven Politik fast nie an ausreichende Dosen dieses Medikaments.

Es ist noch nicht lange her, dass auch im Westen Kranke medizinische Opioide allenfalls erhielten, wenn sie im Sterben lagen. Das hat sich grundlegend geändert. Im Januar legte das deutsche Bundesministerium für Gesundheit einen Gesetzentwurf vor, wonach chronisch kranke Patienten auch medizinisches Cannabis einfacher erhalten sollen. Anfang April hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entschieden, dass ein an multipler Sklerose erkrankter Mann zu Hause Cannabispflanzen anbauen darf, weil sonst nichts gegen seine Schmerzen hilft. Auch in den USA haben immer mehr Bundesstaaten den Cannabisgebrauch für medizinische Zwecke legalisiert. In den Industrieländern weicht die harte Linie gegen Opioide und Cannabis also auf.

Zu lange zählte nur der "War on Drugs", die Patienten blieben auf der Strecke

In Entwicklungsländern ist durch Impfungen, bessere Hygiene und Gesundheitsaufklärung der Todeszoll der Infektionskrankheiten deutlich gesunken. Was für ein Erfolg! Je mehr Menschen aber überleben und je älter sie werden, desto häufiger werden eben Alterserkrankungen wie Krebs, die fast immer mit großen Schmerzen verbunden sind. Spätestens jetzt ist eine liberale Politik dringend notwendig. Und tatsächlich gibt es Grund zur Hoffnung. So ermöglichte Mexiko im Jahr 2013 per Gesetz den unkomplizierten Einsatz von Opioiden in der Palliativmedizin. Indien erleichterte im vergangenen Jahr den Zugang zu medizinischen Opioiden. Und selbst der Internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB) gibt nach. Dieses Gremium wacht für die UN über die Produktion von Drogen – und über ihre Verwendung. Es soll also den Kranken zu den notwendigen Betäubungsmitteln verhelfen, gleichzeitig aber deren Missbrauch verhindern. Das ist eine ungute Doppelfunktion. In den letzten Jahrzehnten gerierte sich der INCB vor allem als Drogenpolizei. Staaten, die er für zu liberal hielt, las der INCB die Leviten. Doch jetzt kommen selbst von seinen Mitgliedern ausgewogenere Töne. Das Ziel bestehe darin, so betonte es der INCB in seinem letzten Report, "Gesundheit und Wohlergehen der Menschheit zu gewährleisten".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 21.4.2016.

Eine Atmosphäre des Aufbruchs, aber sie ist gefährdet. Denn während in Entwicklungsländern noch immer Menschen auf Opioide warten, wird die Verschreibung in den Industrieländern mittlerweile übertrieben. In den USA schnellte der Verbrauch von Oxycodon zwischen 1997 und 2007 um fast 900 Prozent in die Höhe. In Deutschland stiegen die Verschreibungen von hochpotenten Opioiden innerhalb von zehn Jahren um fast 400 Prozent. Dass wäre nicht weiter schlimm, würden diese Schmerzmittel den Patienten auch tatsächlich helfen. Bei vielen chronischen Erkrankungen ist das nicht der Fall – ganz bestimmt nicht bei chronischen Kopfschmerzen. Viele Patienten jedoch nehmen die Arzneien weiter, weil sie Angst davor haben, dass ihre Schmerzen sonst wiederkommen könnten.

In den USA führte der massenhaft falsche Gebrauch von Opioiden dazu, dass die US-Centers for Disease Control and Prevention die Verordnung der Betäubungsmittel in der Schmerztherapie gerade eingeschränkt haben. Ähnliche Diskussionen gibt es auch hier. Da scheint es möglich, dass manche, denen Opioide helfen könnten, bald darum betteln müssen. Das ginge zu weit, denn solange die Mittel mit Augenmaß eingesetzt werden, geht nur geringe Suchtgefahr von ihnen aus. Eine Lösung könnte so aussehen: etwas mehr Beschränkung hierzulande, sehr viel mehr Freizügigkeit in Entwicklungsländern, und das unter der Aufsicht besser ausgebildeter Ärzte. Doch es ist schwer vorstellbar, dass dem INCB dies in seiner Doppelfunktion gelingen kann. Darum sollten die UN ihren Suchtstoffkontrollrat endlich aufspalten, in einen Teil, der den Missbrauch von Rauschmitteln verfolgt, und einen anderen, der für eine angemessene medizinische Verbreitung sorgt.