Die Fortsetzung als Wiederholung und umgekehrt die Wiederholung als Fortsetzung, das ist das Prinzip Peter Handkes. Kein Wunder, dass ihm in Goethes Werk die "Folge" so gefällt. Dies sei, schreibt er in seinem neuen Journal, dasjenige Substantiv, das bei dem Meister aus Frankfurt am häufigsten vorkomme. Wir können das nicht nachzählen, wollen es dem mittlerweile 73-jährigen Meister aus Griffen (Kärnten) aber gern glauben. Als Folge jedenfalls darf man sein neues schönes Tagebuch der Jahre 2007 bis 2015 betrachten, das den verspielten Titel Vor der Baumschattenwand nachts trägt und als Zusatz: Zeichen und Anflüge von der Peripherie.

Es stimmt schon, dass die Peripherie bei Handke ein wichtiges Leitmotiv ist: Er, der Junge vom Land, aufgewachsen an der Grenze zu Slowenien, meidet die Idee des geografischen Zentrums, die Idee eines pochenden Herzens der Weltmetropolen, die bei den meisten Zeitgenossen immer noch als Sehnsuchtsmaschine wirken. Auf nach Paris! Auf nach Madrid und New York, denkt der junge Mensch, sobald er flügge wird. Nicht so Handke. Ihn reizen seit je der Rand und die Ränder.

Aber das ist nur ein Aspekt, und er führt in die Irre, wenn man diese neue "Folge" seiner unausgesetzten, neben Büchern, Stücken und Filmbüchern entstehenden Notate als der Peripherie verpflichtet ansieht. Die Wahrheit ist, und deshalb liest man das Buch mit nie nachlassender Spannung, dass hier einer sein eigenes Zentrum sucht. Sein Wesen, seine Seele – ganz wie die berühmten Bekenntnis-Schreiber Augustinus oder Rousseau. Über Augustinus bemerkte Gershom Scholem, er habe den "inneren Menschen" entdeckt: eines von vielen Zitaten, die man "jetzt" bei Handke findet. Um das "Jetzt!" treibt er geradezu einen Kult: Man dürfe es nicht verstreichen lassen durch Gleichgültigkeit, durch Unaufmerksamkeit. So schreibt Handke einmal, es sei schon viel wert, wenn er an einem Tag nicht Fernsehen geschaut oder kein Geld ausgegeben habe. Im Lesen und Gehen hingegen sei er ganz bei sich selbst.

Man kann Handkes Ethik der höchsten Aufmerksamkeit für den Augenblick etwas Mystisch-Mönchisches nicht absprechen. Dabei findet er ein sehr weltliches Bild für sich selbst: Von all den "Landstreichern der Gegend und Wälder" sei er wohl der "einig Übrige" – ein poetisches, kein realistisches Bild. Denn auch dies gibt Handke zu: Er vergesse oft, dass er ja reich sei. Ein Reicher, der die Armen sieht (der nicht wegschaut), beispielsweise in einer Bar in der Picardie: "Die besonders scharfen Bügelfalten der Verlorenen." Oder, immer wieder, in den Vorortzügen die jungen, müden Frauen auf dem Arbeitsweg. Überhaupt die Erschöpfung der einfachen Leute, die dieser reiche Landstreicher in Augenschein nimmt. Das Erbarmen, an dem ihm so viel liegt und das er scharf gegen das Mitleid abgegrenzt wissen möchte, man spürt es durchaus in diesen Aufzeichnungen.

Heiliger Handke? O nein. Sein Wesen ist – war? – oft wütend und des Hasses fähig (auf die "westlichen Medien" etwa, wir erinnern uns); nun sucht er das Sanfte in sich. Manche Selbstanschuldigung, etwa "undankbar" oder "ungeduldig" zu sein, wäre eines Protestanten würdig. Doch ist Handke durch und durch Katholik. Die Heilige Messe sei seiner Seele unverzichtbar, erfahren wir, jedoch nicht im missionarischen Sinne seines deutschen Kollegen Martin Mosebach, der gern die ganze Welt katholisch sähe, sondern als Ruhe- und Bescheidenheitspol eines hitzigen Individuums, als Korrektiv der eigenen Alltagsasozialität: "Eine der Wohltaten der Heiligen Messe: ich sitze ordentlich; ich stehe, zum Beispiel beim Lesen des Evangeliums, ordentlich auf; ich setze mich bei der Predigt ordentlich nieder; ich kniee bei der Wandlung ordentlich hin; ich reihe mich beim Gehen hin zum Empfangen des 'corpus Christi' ordentlich ein in die anderen Empfänger; ich kehre danach auf einem ordentlichen Umweg zurück in die Bank."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 21.4.2016.

Schon in seinem viel gerühmten Journal Gestern unterwegs (2006) hatte sich Handke als Kirchenbesucher zu erkennen gegeben. Dort waren es vor allem die Bauwerke der Romanik, die Tympana und Kapitelle mit ihren überpersönlichen Steinfiguren, die ihm zu Herzen gingen auf seinen vielen Reisen. Oder, nicht zu vergessen, das Kloster Port Royal vor den Toren von Paris, das mit dem Namen Pascals verbunden ist. Diesmal ist Handke weniger "unterwegs"; es mag mit der erneuten Sesshaftigkeit am Rande von Paris (unweit von Port Royal) zu tun haben oder auch mit nachlassender Lust und Kraft, wie ein schwer beladener Pilger durch viele Länder zu wandern. Ja, da ist eine neue Ruhe zu spüren; ein Nachlassen des Aufgeriebenseins, eine Beschränkung des Horizonts auf das Näherliegende wie den eigenen Garten, wo Blätter fallen; wo Vögel und Insekten zu beobachten sind – lauter Stillleben, gemalt-geschrieben mit der eigenen ("dankbaren") Wahrnehmung.

Vieles lässt sich entdecken, auch wiederentdecken in diesen Aufzeichnungen: immer wieder die Kinder als göttliche Unschuldsrepräsentanten; das Lob des Weinens; die Ausfälle gegen den "Stil", überhaupt gegen das Handwerk des Schreibens; die Abneigung gegen "das lieblose Bürgertum" (verkörpert durch Thomas Mann); die Intelligenz des Gefühls in der "wahren Empfindung"; das slowenische Großvaterdorf Stara Vas; der Tick mit dem Verbindungswort "und"; die Obsession mit dem passenden Verb; die liebenswürdige Dreistigkeit, sich "11. Gebote" zu erfinden (und zwar ganz viele 11. Gebote); das identifikationsträchtige Geschichtsbild der Kärntner Partisanen oder auch ketzerische Fragen wie die: "Werden wir Nichttätowierten bald in der Minderheit sein?"

Handkes Journal folgt dem Muster der Selbstvergewisserung, und was dabei herauskommt, ist, im Kern, ein entrückter, sagen wir ruhig: religiöser Wunsch nach "Gereinigtheit". (Mit "Öko" und sonstiger Sauberkeit hat das rein gar nichts zu tun.) Gereinigtheit, das bezieht sich auch auf die Verdrängung von Ironie und Polemik, und hier weiß Handke den bewunderten Goethe auf seiner Seite. Der schrieb 1826 an den Grafen Reinhard: "Alles Polemische an mir vorübergehen lassen. Der Mensch hat wirklich viel zu tun, wenn er sein eigenes Positives bis ans Ende durchführen will." Tatsächlich führen Handkes vor allem aus den Briefen zusammengeklaubte Zitate dazu, dass man ein heftiges Ziehen in der Brust verspürt: einen Goethe-Sog. Ja, Handke ist ein großer Leser, und das heißt, ein großer Finder.

Entscheidend aber ist die Frage, unabhängig von der Zustimmungsbereitschaft zu seinen Beobachtungen, welchen Gebrauch wir von einem solchen Aufzeichnungsbuch machen sollen oder wollen. In dem gekonnt komponierten Amalgam aus Beschwörungen ("Das 'Lass!', das Lassen, als eine Art des Ordnens, Ordnungsschaffens; der Lasser als Schöpfer") und Aphorismen ("Die Menschenverachtung ist eine große Versuchung"), das dieses Journal genauso auszeichnet wie die vorherigen, muss sich jeder lesend einen Weg zu dem Punkt bahnen, an dem sich etwas entzündet.

Persönlich gesprochen: Was die Kritikerin am meisten berührt, sind zwei Dinge. Zum einen das "Kind" Peter Handke, das nicht nur an der Hand des erinnerten Großvaters präsent ist, sondern auch als Erwachsener. Handke beschreibt sich als beides, als Vater und als Vaterlosen (der beim ungeliebten Stiefvater aufgewachsen war). Die Zärtlichkeit, die der Anblick von (fragenden, hüpfenden) Kindern (nicht nur eigenen) bei ihm auslöst, scheint auch eine Sehnsucht zu enthalten nach einer eben nicht gehabten Kindheit. Handke selbst war dann einer der ersten Väter seiner Generation, die am eigenen Kind etwas gutmachen wollten, die sich überhaupt in Anwesenheit des Kindes poetisch definierten. Womöglich, ahnt man plötzlich, ist das der Glutkern seiner postgoetheschen, antimachistischen Sensibilität, die gerade in diesem Journal (wieder) wunderbar fassbar wird, wenn es heißt: "Wenn ich bloß wüsste, was das ist, ein Mann."

Und das Zweite: Handkes knappe, fast priesterliche Reaktion auf den neuen Terror, der bei ihm, dem Vorstadt-Wahlpariser, unmittelbar angekommen ist. Er beharrt auf der Poesie der eigenen Subjektivität – so weit ginge er nicht, dieses Schreib- und Lebensprogramm aufzugeben. Aber er weiß, der Teufel klopft trotzdem an die Tür. Daten meidet Handke in seinen Journalen in der Regel. Dieses eine Mal nicht: "das Grollen des Hilflosen Gottes gegen die Schöpfungsmordbuben" vernimmt er am 13. November 2015, in der Picardie weilend. Es war der Tag, als im Pariser Bataclan und andernorts 130 Menschen erschossen und viele weitere verletzt wurden. Die politische Sphäre betritt Peter Handke diesmal nicht, weder emotional noch rhetorisch. Die letzte Seite ziert vielmehr eine Zeichnung Handkes von einer der Rosetten der Kathedrale Notre-Dame de Paris.

Das ist erstaunlich bei einem Mann, der das Poetische und das Politische so oft und so innig zusammengewünscht hatte. "Jetzt!", so scheint es, hat er sich von diesem Anspruch getrennt. Stattdessen hält er sich an Goethes West-östlichen Divan, in dem "der Dichter" sagt: "Alle Guten sind genügsam." Und man kann nicht anders, als darin ein Ideal seiner selbst zu sehen.

Peter Handke: Vor der Baumschattenwand nachts. Zeichen und Anflüge von der Peripherie 2007-2015; Verlag Jung und Jung, Salzburg 2016M 423 S., 28,- €