Fünf Minuten können lang sein. Nach vier bin ich bereits so wutentbrannt, dass ich das "Gremium" anbrüllen möchte. Doch ich halte mich zurück. Schließlich will ich einen guten Eindruck machen.

Es geht um eine Jobbewerbung. In freier Rede soll ich darlegen, was mich zum Sportlehrer befähigt. Doch hier ist das die reine Tortur: Ein fensterloser Raum, von der Decke fällt kaltes Neonlicht. Regungslos sitzen mir ein Mann und eine Frau in weißen Arztkitteln gegenüber – das Gremium. Es mustert mich mit stahlharten Blicken und ignoriert meine Begrüßung. Stattdessen drückt der Mann eine Stoppuhr: Exakt fünf Minuten soll ich reden.

Ich beginne, von meinen Fähigkeiten zu schwärmen, doch nichts löst eine Reaktion des Gremiums aus. Kein Lächeln, kein Nicken, kein Kopfschütteln. Eingefrorene Blicke. Ab und zu machen sich die Kontrolleure Notizen. Ich spüre die Selbstsicherheit schwinden, der Mund wird trocken, die Atmung flach, meine Stimme hört sich dünn an. In meinen Ohren klingen die eigenen Phrasen hohl. Ich hole aus, schweife ab – da ruft mich die Frau schneidend zur Ordnung: "Schildern Sie nur Ihre Vorzüge!" Ich krame in meinem Kopf nach weiteren großartigen Eigenschaften, doch mir fällt keine ein. Das Gehirn ist wie gelähmt. Bereits nach einer halben Minute provoziere ich den nächsten Verweis des "Gremiums".

Dabei ist mir bewusst, dass ich mich in einem Versuchsraum der Ruhr-Universität Bochum befinde und einen Stresstest absolviere. Was ich hier mache, ist ein Spiel. Nichts in meinem Leben hängt davon ab. Dennoch spüre ich Druck, fühle mich hilflos, gefangen in dieser kahlen Zelle im Souterrain der Fakultät für Psychologie und beobachtet von zwei regungslosen Kontrolleuren.

Der quälende "Bewerbungsvortrag" ist Teil des weltweit bekanntesten Stresstests, des Trier Social Stress Test (TSST). Bei drei von vier Versuchspersonen erhöht sich dabei merklich der Cortisolspiegel im Blut – ein eindeutiger Hinweis auf Stress. Und die Wissenschaftler wollen ermitteln, was unter Druck in meinem Körper vor sich geht.

Dazu musste ich vor der "Bewerbung" auf einem Wattestäbchen herumkauen, oben, im Büro von Marcus Paul. Paul ist Doktorand des Kognitionspsychologen Oliver T. Wolf, dessen Labor einer der wichtigsten universitären Orte zum Studium von Stress ist. Nach einer Minute hatte sich das Watteröhrchen in meinem Mund mit Speichel vollgesogen. Ich steckte es in ein Glasröhrchen und händigte es Paul aus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 21.4.2016.

Insgesamt viermal wird Paul heute von mir eine Probe nehmen. Außerdem misst er meine Pulsfrequenz und den Blutdruck. Die Summe der Werte werden mir am Ende vermitteln, wie groß in den verschiedenen Phasen des Tests mein Stresspegel war und ob ich mittelfristig normale Reaktionen auf Stressoren zeige.

Die fünf Minuten für den Bewerbungsmonolog sind um. Doch für Entspannung ist keine Zeit. Nächste Aufgabe: Kopfrechnen. Während mich eine Kamera beäugt, soll ich subtrahieren. Von 2043 aus in 17er-Schritten im Kopf rückwärts rechnen. "Wenn Sie einen Fehler machen, werde ich Sie darauf hinweisen, dann fangen Sie wieder bei 2043 an. Haben Sie noch Fragen? Beginnen Sie bitte jetzt."

"2026", sage ich, "2009, 1992, 1975, 1958 ..." Schon packt mich wieder die Unsicherheit. Kaum habe ich einen Wert berechnet, drohe ich zu vergessen, an welcher Stelle im Zahlenmeer ich gerade schwimme. Ich spüre die Belastung physisch. Was passiert da wohl gerade in meinem Organismus?