DIE ZEIT: Herr Kollmorgen, in Freital ist eine mutmaßliche rechtsextreme Terrorgruppe aufgeflogen. War das Zufall, dass es wieder einen Ort wie Freital getroffen hat?

Raj Kollmorgen: Wir wissen noch sehr wenig über das, was da in Freital passiert ist. Aber das Problem des Ostens, speziell Sachsens, liegt offenkundig vor allem in den kleineren, peripheren Mittelstädten. Da spreche ich gerade von denjenigen Orten, die von der nächsten Großstadt nicht allzu weit entfernt sind. Ob Sie nun Freital, Meißen, Heidenau oder Riesa nehmen – die Lage dort ist oft dramatisch: Erstens ziehen Leute weg, weil sich nichts tut. Und zweitens fehlt auch noch Zufluss von außen, es zieht niemand dorthin. Sie haben in solchen Städten viel größere Probleme als beispielsweise in Dörfern.

ZEIT: Warum das denn?

Kollmorgen: Die soziale Kontrolle funktioniert in dörflichen Gegenden, auch im Osten, häufig deutlich besser. Auch die soziale Lage ist auf dem Land nicht so schlecht, wie oft kolportiert wird. Dörfer erleben durchaus Zuzug. Es gehen Menschen bewusst dorthin, auch aus gebildeten Schichten. Da reicht schon eine Familie, die in einen kleinen Ort zieht, als neuer Impulsgeber aus. Dadurch gibt es in vielen Dörfern relativ aktive soziale Gemeinschaftsstrukturen. Aber nach Freital zieht kaum jemand, wenn er nicht muss – die Leute wollen ganz aufs Land oder gleich in die Großstadt.

ZEIT: Was passiert also in Orten wie diesen?

Kollmorgen: Es ist natürlich ein weiter Weg, bis jemand eine rechtsterroristische Zelle gründet. Aber alles beginnt damit, dass wir eine soziale und demografische Zuspitzung erleben, die man zusammenfassen kann als: Austrocknung des öffentlichen Raumes. Die Zivilgesellschaft stirbt. Von der Freiwilligen Feuerwehr bis zum Chor haben alle, die für Geselligkeit zuständig sind, Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden. Von den Parteien will ich gar nicht reden.

ZEIT: Also fehlen in Orten wie Freital Leute, die widersprechen, einschreiten?

Kollmorgen: Ganz genau. Im Gegenteil, man schaukelt sich sogar gegenseitig hoch, radikalisiert sich, die extremste Ausprägung haben wir in Freital erlebt. Städte dieser Größe bieten eine gewisse Anonymität, die soziale Kontrolle und die demokratische Gegenmacht engagierter Mittelschichten fehlen. Selbst die Medien versagen: Wir finden in diesen Städten noch das Anzeigenblättchen und eine kämpfende Lokalzeitung, die krampfhaft versucht, den Eindruck aufrechtzuerhalten, es würde sich ja doch etwas tun. Die Leute glauben kein Wort davon. Und fühlen sich ziemlich schnell fremdbestimmt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 18 vom 21.04.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Bilden diese Leute sich nur ein, abgehängt zu sein – oder sind sie es wirklich?

Kollmorgen: Ich glaube, dass beides zutrifft. Natürlich geht es ihnen nicht unbedingt objektiv schlecht, es ist ja auch keineswegs jeder Rechtsextremist arm und arbeitslos. Aber viele Bewohner dieser Kleinstädte fühlen sich nicht ernst genommen, nicht als Teil des Diskurses, einer besseren Zukunft. Sie ziehen sich zurück, kapseln sich ein. Wenn dann ein Einfluss von außen kommt, der ihre Welt scheinbar bedroht ...

ZEIT: ... wie die Flüchtlingskrise?

Kollmorgen: Genau – wenn dann so ein Einfluss dazukommt, entsteht schnell das Gefühl, jetzt sei wirklich das ganze Dasein als Kleinstadtbürger bedroht. Das Letzte, an dem man sich noch gerade so festhalten kann, wird gefühlt angegriffen. Manche Leute entwickeln dann eine Einstellung von: "Hey, wir versuchen, dem Niedergang unserer Stadt noch zu trotzen! Und jetzt wird uns das Letzte genommen, das wir noch haben, unser eigenes Zuhause, unsere selbstbestimmte Gemeinschaft!" Danach beobachten wir häufig einen Ausbruch. Die Leute verlieren die Fassung. Die einen organisieren Anti-Asyl-Demos. Ein paar andere werfen Steine. Einige wenige gründen irgendwelche gewalttätigen Gruppen.

ZEIT: Wieso sind 25- bis 35-Jährige so radikal? Zur mutmaßlichen Freitaler Terrorgruppe gehören fast nur Menschen dieses Alters.

Kollmorgen: Zum Beispiel, weil das die Generation ist, die den zweiten Schlag der Vereinigungsnöte erfahren hat. Die sind nicht mehr in der ersten Krise Anfang der Neunziger großgeworden, sondern zehn Jahre später. Das ist die Generation Hartz IV. In dieser Generation gibt es die ganz Erfolgreichen – doch die landen schnell in den Großstädten. Aber von den Verlieren sind viele noch da und haben umso stärker das Gefühl, dass man ihnen die Zuwendung entzogen hat und ihnen jetzt die Zukunft entzieht.

ZEIT: Das heißt aber noch lange nicht, dass man eine rechtsextreme Terrorzelle gründet.

Kollmorgen: Natürlich nicht. Ich glaube nur, dass diese Leute sich angesichts rechtspopulistischer Ideologien besonders verletzbar zeigen. Die haben dafür eine gewisse Offenheit. Und alles Weitere hängt danach von Zufällen ab: Wenn sich drei, vier Figuren finden, die pseudo-charismatisch die Sache in die Hand nehmen und sich zu Anführern erklären, braucht es häufig nicht mehr viel, um so eine "Zelle" aus der Taufe zu heben. Da mobilisiert sich relativ einfach ein Unterstützerkreis, es entstehen Loyalitäten untereinander und zu den Anführern. Ich könnte mir vorstellen, dass bei diesen Gruppen viel weniger Strategie dahintersteckt, als wir oft glauben. Es braucht nur Leute, die ähnliche Erfahrungsräume teilen, und eine Dynamik.

ZEIT: Also kann so etwas wie in Freital überall passieren?

Kollmorgen: Freital kann überall sein, in vielen dieser Städte im Osten. Aber ich denke nicht, dass wir jetzt die flächendeckende Enttarnung rechter Terrorzellen erleben. Für die Gründung solcher Gruppen braucht es, wie gesagt, nicht nur das Saatbeet aus sozialer Lage und Gesinnung, sondern auch noch charismatische Figuren, die passende Mitläufer-Gruppe und einen politischen Anlass, der das Fass zum Überlaufen bringt. Allerdings will ich auch vorsichtig sein. Die Realität war in den vergangenen Monaten oft härter als die finsterste Prognose.