In Karlsruhe ist gerade Atempause. Luft holen. Gedankenwechsel.

Die badische Barockstadt, die vor 300 Jahren auf dem Reißbrett entstand und sich seither vom Schloss aus strahlenförmig in alle Himmelsrichtungen ausdehnt, hat seit dem vergangenen Sommer 300 Tage lang in rund 30 Ausstellungen ihr Gründungsjubiläum gefeiert und 300 Jahre Moderne besichtigt: alles. Nun hat sie das Ende ihrer Totalglobalfeier erreicht. Und am Schluss steht der Neustart.

Auch der erfolgt in Gestalt einer Ausstellung in den gewaltigen Lichthöfen des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie, im ZKM: Reset Modernity! heißt diese letzte Inszenierung, sie will eine "Gedankenausstellung" sein, sie diagnostiziert: Systemfehler! Die Moderne hat sich aufgehängt. Sie wollte Fortschritt, Freiheit, Emanzipation, Gleichheit. Sie hat allerdings dabei Mensch, Tier, Natur ruiniert, die Ressourcen verschlissen, nun hängt sie fest, in sich selbst gefangen. Fast nichts geht mehr, der Klimawandel lässt die Moderne wie eine Selbstmörderin wirken. "In der Gegenwart des menschengemachten Anthropozän ist der Mensch zu einer geologischen Gewalt geworden." Man soll das vernehmlich sagen.

Bruno Latours Stimme aber krächzt. Der 67-jährige französische Winzersohn, Wissenssoziologe und Kultphilosoph ist sehr heiser. Er hatte sich gerade noch für eine kurze Pause hingelegt, aber er will jetzt selbst durch die neue Ausstellung führen, Umhängetasche quer über die Brust, Wasserflasche in der Jackett-Tasche, das gedruckte Museumsführerbuch fieldbook, das er verfasst hat, in der Hand, irgendwann holt jemand dem Vergrippten einen tragbaren Klappstuhl, den trägt er dann in der anderen Hand von einem Exponat zum nächsten, ohne ihn je aufzuklappen. Latour kann sich gerade nicht ausruhen. Dieser Tag krönt sein Werk.

Er hat Reset Modernity! kuratiert, gemeinsam mit Martin Guinard-Terrin, Christophe Leclercq und Donato Ricci, den Künstlern und Kollegen vom Medialab der Pariser Elitehochschule Sciences Po. Diese Ausstellung setzt Latours modernekritisches Denken in Kunsträume um, als sei sie noch ein weiteres, ein anderes Kapitel zu seinem letzten Buch Existenzweisen (ZEIT Nr. 33/14), in dem eine junge Anthropologin durch den Dschungel des Wissens und der Weltanschauungen hindurch gedankliche Wege in eine Zukunft der Achtsamkeit erkundet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 21.4.2016.

Latour will das auch, Achtsamkeit nicht als auflagestimulierende Soul-and-Body-Streichelei, sondern als Sinnesorgan und Methode, um jenseits der heiß gelaufenen Sachzwangroutinen neuen Boden zu gewinnen und sich zu erden. Um jenseits des westlichen Alleinvertretungsanspruchs auf das Wissen, was stimmt und was gilt, fragen zu können, ob jemand einen Kompass hat, den er teilen würde. In seinem Ausstellungswegweiser schreibt Latour: "Lassen Sie uns einen Moment innehalten und Verfahren anwenden, um nach anderen Sensoren zu suchen, mit denen wir unsere Werkzeuge neu kalibrieren können. Damit wir wieder fühlen, wo wir sind und wohin wir vielleicht wollen. Wir garantieren jedoch für nichts. Es handelt sich um ein Experiment." Ein Versuch, gerahmt von zwei anderen Ausstellungen, nebenan, Latour sieht in ihnen solche Sensoren seines Neustart-Projekts: Die eine präsentiert durch gigantische Satellitenbild-Flächen ruinierter Weltregionen das Ende des Öl-Zeitalters; die andere zeigt in den fotografischen Werke von Armin Linke die unsichtbaren Infrastrukturen der Datenwelten.

Reset Modernity! ist ein Gedankenexperiment mithilfe der Kunst: Die Künste und ihre Medien stellen dar, was Latour denkt, in Videos, Fotografie, Malerei, Film, Kartografie. Werke von Künstlern wie Armin Linke und Jeff Wall kehren immer wieder, wissenschaftliche Bildgebungen umreißen Gedankengelände und Klimakurven. In einem Aquarium, dem Garten Monets mit meteorologischem Zeitraffer nachgebildet, wird der Einfluss von Boden und Licht simuliert.