Wohnen wird in deutschen Städten unbezahlbar? Weder München noch Hamburg tauchen in der Weltrangliste der teuersten Städte auf, die von Monaco angeführt wird und dann die üblichen Verdächtigen wie London, Moskau, New York, Hongkong oder Shanghai aufweist.

Und in den USA? Nein, New York liegt dort nicht an der Spitze. Unter den Top Ten befinden sich fünf kleinere Orte, von denen deutsche Leser kaum je gehört haben. Sie heißen Palo Alto, Cupertino, Los Gatos, Woodside und Sunnyvale. Wieso die? Ihr gemeinsamer Nenner ist "Silicon Valley", die Heimat von Facebook, Apple, Netflix und Skype. San Francisco folgt erst auf Platz 11.

Nehmen wir Palo Alto, wo Mark Zuckerberg (Facebook) und Marissa Mayer (Yahoo) leben – und wo bis zu seinem Tod der mythische Apple-Chef Steve Jobs inmitten eines Apfelgartens (was sonst?) an der Waverley Street gewohnt hat. Der mittlere Preis für ein Haus, sagen wir mit 160 Quadratmetern und drei Schlafzimmern, liegt bei 2,5 Millionen Dollar. Das wirft gewisse Probleme auf, weil hier nicht nur Milliardäre leben, sondern auch ganz normale Lehrer, die an der Palo Alto High School unterrichten, oder Professoren, die in Stanford lehren. Genauer: all jene, die gern in der Nähe dieser Institutionen leben würden, statt eine Autostunde entfernt.

Es tut sich also ein gewaltiges Problem der sozialen Gerechtigkeit auf. Indes: Palo Alto, Kalifornien insgesamt, ist ein Hort des progressiven Denkens. Folglich wird der Stadtrat nun im sozialen Wohnungsbau aktiv. Er will im Ortszentrum kleinere Einheiten für die Mittelschicht bauen.

Wer gehört dazu? Das sind Menschen mit einem Familieneinkommen von 150.000 bis 250.000 Dollar pro Jahr. Dies ist kein Ha-ha-Witz, sondern beißende Wirklichkeit. Wer im "Valley" mit seinen explodierenden Immobilienpreisen eine Viertelmillion Dollar verdient, ist eben nur Mittelschicht. "Arm" beginnt erst unterhalb von 150.000 Dollar.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 21.4.2016.

Der Zweite Bürgermeister, Greg Scharff, berichtet: "Feuerwehrleute, Lehrer, ja sogar manche Ärzte können sich diese Stadt einfach nicht mehr leisten." Dass dahinter ganz andere Probleme stehen, sagt der Mann nicht. Palo Alto und die anderen Gemeinden tun nämlich alles, um Wohnraum zu verteuern, indem sie das Angebot klein halten.

Die meisten Häuser haben hier nur ein, zwei Stockwerke. Höher geht nicht, enger auch nicht. Apartmentblocks findet man allenfalls vereinzelt, und dann am Stadtrand. Die Megafirmen müssen ebenfalls flach bauen und reichlich Land zwischen dem eigenen und den benachbarten Gebäuden belassen. Die stumme Devise: Wir wollen in unserer Vorstadt-Idylle nicht noch mehr Menschen, Autos, Schulen, Straßen und Geschäfte haben.

Da auch der cleverste Stadtrat das Gesetz von Angebot und Nachfrage nicht kippen kann, explodieren die Preise. Das bereits erwähnte Haus, das heute 2,5 Millionen kostet, war vor vier Jahren noch für die Hälfte zu haben. Kein Wunder, ziehen doch die "Techies" aus aller Welt ins Valley. Wohnungsnot hat immer politische Ursachen – die systematische Verknappung von Bauland und Genehmigungen.

Deshalb wird der avisierte soziale Wohnungsbau nichts ausrichten, nicht, solange die Milliarden ins Tal der Talente fließen. Deshalb müssen wir Mitleid haben mit den armen Reichen mit ihrer Viertelmillion. Sie erkenne ihre alte Nachbarschaft nicht mehr wieder, klagt die Dokumentarfilmerin Randy Bean, die seit 33 Jahren in Palo Alto lebt – "lauter Junge und Reiche, hauptsächlich weiße Techies". Wenn "Leute, die eine Viertelmillion machen, darben und leiden, ist das wirklich schrecklich". Sie zieht jetzt weg, sagt sie. Sie wird wohl zwei Millionen für ihr Haus kriegen. Aber wer’s wirklich nett haben will, der wird so bei drei, vier Millionen für ein bescheidenes Zuhause einsteigen müssen. Weiter oben geht’s doppelstellig weiter bis in die zwanziger Millionen.