Auf einer Welt mit wachsender Bevölkerung gebe es "viele ungelöste Probleme, und dafür braucht man bessere und intelligentere Chemie". So sieht es Kurt Bock, der Vorstandsvorsitzende von BASF, dem größten Chemiekonzern der Welt mit Sitz in Ludwigshafen. Einige seiner eigenen Probleme löst BASF allerdings nicht mit intelligenter Chemie – sondern erwähnt sie in einem platten Comic.

Dabei geht es um die schmutzige Beschaffung eines Rohstoffs, der für die chemische Industrie sehr wichtig ist: Platin. Der bunte Comic veranschaulicht, wie das Edelmetall aus dem Boden kommt. Mit einem "Big Bang" nämlich, einem großen Knall, "irgendwo in Südafrika". Mehr sagt Platino dazu nicht, der Held der Bildergeschichte. Weit ausführlicher schildert Platino hingegen, wie das mattweiße Edelmetall "unser Leben verbessert", dass es in Bildschirmen, Eheringen und Medikamenten gegen Krebs stecke – und in Fahrzeugkatalysatoren, die giftige Schadstoffe wie Kohlenmonoxid beseitigen. Das ist ja auch der Teil der Platin-Story, der der International Platinum Group Metals Association (IPA) besonders wichtig ist. Die Lobbyorganisation steckt hinter dem Comic, ihr Präsident ist ein Manager der Katalysatorensparte von BASF. Sie vertritt ihre Interessen sowohl gegenüber der Bundesregierung als auch der Europäischen Kommission, und das offenbar erfolgreich: Beide haben die störungsfreie Lieferung von Rohstoffen zur politischen Priorität erklärt.

Was das bedeutet, ist außerhalb von Expertenzirkeln jedoch kaum bekannt. Seit die Ludwigshafener im Jahre 2006 die US-amerikanische Chemiefirma Engelhard für fünf Milliarden Dollar übernommen haben, baut niemand auf der Welt mehr Fahrzeugkatalysatoren als BASF. Der Geschäftszweig macht mittlerweile fast ein Zehntel des Jahresumsatzes von gut 70 Milliarden Euro aus. Ohne Platin wäre das nicht möglich. Aber das Edelmetall kommt nicht wie von selbst aus dem südafrikanischen Boden. Im Gegenteil.

Ein Firmenparkplatz, 80 Kilometer nordwestlich von Johannesburg. Nachts um zwei ist nur das Rattern von Dieselmotoren zu hören. Busse rumpeln über das Gelände. Daimler-Benz hat sie noch zur Zeit der Apartheid gebaut, als die schwarzen Arbeiter abends die Städte verlassen und in ihre Townships transportiert werden mussten. Auch jetzt steuern die Busse wieder Blechhüttensiedlungen an. Bei Mondschein sind die Slums kaum zu erkennen. Künstliche Beleuchtung fehlt, dafür brauchte man ein Stromnetz.

Nach und nach steigen müde Gestalten ein. Eine halbe Stunde dauert die nächtliche Rundfahrt. Es ist Schichtbeginn im Platinum Belt, im Platingürtel. Am Rowland-Schacht spuckt einer der Busse seine Ladung aus, Minenarbeiter verschwinden hinter Zäunen aus elektrisch gesichertem Stacheldraht. Ein Aufzug wird sie gleich 1.000 Meter in die Tiefe bringen. Dann folgt ein Fußmarsch von bis zu einer Stunde tief unter der Savanne. Erst danach beginnt die Arbeit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 28.4.2016.

Der Rowland-Schacht ist nach dem Bergbaubaron Tiny Rowland benannt. Während der Apartheid gründete er das Minenunternehmen Lonrho. Der konservative britische Premierminister Edward Heath bezeichnete ihn in den siebziger Jahren als "das unakzeptable Gesicht des Kapitalismus". Rowland störte sich daran nicht, mit der Förderung von Gold und Platin war er längst zum Multimillionär geworden. Sein Unternehmen Lonrho entwickelte sich zu einem Mischkonzern, aus dem sich später die Firma Lonmin abspaltete. Diese konzentrierte sich auf den Abbau von Metallen der Platingruppe und ist heute ein südafrikanisch-britisches Unternehmen mit 25.500 Mitarbeitern. An die 10.000 Beschäftigte von Zeitarbeitsfirmen kommen hinzu. Der größte Teil der Belegschaft schuftet regelmäßig unter Tage. Im Geschäftsbericht 2015 gibt Lonmin an, dass das Unternehmen hauptsächlich zwei internationale Großkunden habe. Spränge einer der beiden ab, geriete das Unternehmen in existenzielle Schwierigkeiten. Die Namen der beiden Großkunden werden in dem Bericht nicht genannt.

Fragen zu Kundenbeziehungen will Lonmin nicht beantworten. Auf seine weitläufigen Firmenareale oder in die Schächte tief unter der Erde will das Unternehmen keine Journalisten lassen. Minenarbeiter bringen von dort allerdings heimlich gedrehte Filmaufnahmen mit. Viel ist darauf nicht zu sehen, feste Beleuchtung ist selten. Die Kumpel müssen sich weitgehend auf ihre Stirnlampen verlassen. Der Lärm unter Tage ist jedoch gewaltig. Kein einzelner "Big Bang" wie in dem Comic. Eher ein nicht enden wollender akustischer Albtraum. Das wenige Licht fällt auf eine Metallstange, die sich unter schnellen Umdrehungen in den Fels bohrt. Gehalten wird der Bohrhammer von einem Arbeiter. Schweiß tropft von seinem Gesicht.

Sonuwabile Magwabula steht vor seiner Blechhütte und erzählt vom Alltag unter Tage. Der 40-Jährige ist ein rock drill operator, zu Deutsch Bohrhauer. "Der Bohrhammer ist sehr schwer. Die ganze Zeit bin ich in gebückter Haltung", sagt er, "so, schauen Sie!" Dann demonstriert er die Haltung, in der er den Hauptteil seiner Arbeitszeit in den niedrigen Stollen verbringt, das 50 Kilogramm schwere Werkzeug immer im Anschlag. "Wer nicht da unten war, kann es sich nicht vorstellen", sagt Sonuwabile Magwabula. Laut, staubig und dunkel sei es dort. "Die größte Gefahr ist, dass man von einem herunterfallenden Felsbrocken getroffen wird", ergänzt er. "Man muss sehr aufpassen."

Die rock drill operators stehen am Anfang der Platinlieferkette. In die Löcher, die sie in den Fels bohren, füllen andere Arbeiter Sprengstoff. Täglich knallt es unter Tage Dutzende Male. Die Felsbrocken werden mit Schienenwagen hinausgeschafft, eine Tonne Fels für ein paar Gramm Platin.

Magwabula wohnt in einer Siedlung namens Nkaneng. In seiner Blechhütte hat er keine Toilette und kein fließendes Wasser. Strom kommt nur manchmal über einen Generator. Die Nachmittagssonne tunkt das Elend, den Gestank, die im Dreck spielenden Kinder in freundliches Licht. 16.000 der 22.000 Kumpel, die für Lonmin unter Tage arbeiten, leben in solchen Slums.