Chufli, eigentlich sagt das schon alles. Was so klingt wie eine niedliche schweizerische Süßigkeit oder das schweizerische Wort für das Verspeisen einer niedlichen schweizerischen Süßigkeit, kommt in Wahrheit aus Tibet. In Chufli sind Erdmandeln enthalten. Teff-Flocken, Quinoa, bestimmt auch Goji-Beeren und Chia-Samen, das hängt ganz davon ab, ob man "basic" wählt oder doch lieber "Yoga".

Chufli ist ein Frühstücksbrei. Man hört, dass Stars wie Victoria Beckham und Gwyneth Paltrow darauf schwören. Zwerghirse veränderte ihr Leben. Und offenbar verändert sie auch uns.

Was früher Haferschleim hieß und der Schrecken aller krankheitssimulierenden Schulkinder war, heißt nun Porridge und ist neben Craft-Beer, Burgern und Kaffee zum Hauptnahrungsmittel der modernen Ernährungsavantgarde aufgestiegen. In Großstädten eröffnen eigene Breibars, in denen man kaum noch einen Platz bekommt, in den Bioläden kann man den Wandel der Ernährungskultur an der stetig expandierenden Abteilung "Flocken und Kleie" besichtigen. Regaleweise Urweizen, Kleinstgetreide, gepuffter Amaranth, getrocknete Cranberries – alles für den Brei.

Mit dem Smoothie hat es angefangen, das große Pürieren. Plötzlich wurde alles klein gehäckselt und ineinandergerührt, was in die Schreddermaschine passte, bestenfalls Bananen, Orangen und Avocados, vor allem aber auch Zutaten, die früher in Gemüsesuppen gehörten oder in Aufläufe, die niemand essen mochte. Inzwischen haben Getränke aus Rosenkohl, Ananas und Feldsalat die Kraft, das Marmeladenbrot zum Frühstück zu verdrängen, Küchendrohnen wie der Thermomix und der KitchenAid machen alles zu Mus.

Erwachsene Frauen und Männer, die Brei löffeln, als gäbe es kein Morgen – wie konnte das passieren? Was sagt dieser Ernährungstrend über unseren Geisteszustand aus?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 28. April 2016.

Wenn Adorno einmal schrieb, die Pantoffeln seien "ein Denkmal des Hasses gegen das Bücken", so könnte man den Brei als Denkmal des Hasses gegen das Kauen verstehen. In der kurzen Zeit im Leben, in der die Zähne schon und noch einwandfrei funktionieren, wünscht man sich offenbar zurück in eine Vergangenheit, in der Essen aus Gefüttertwerden und Schlucken bestand und die größte Herausforderung darin lag, am Ende alles drinzubehalten. Könnte die Zukunft der Ernährung vielleicht doch kein Fortschritt sein, sondern eine Geschichte der Regression?

Werden Kinder in ihren Buggys durch umgangssprachlich Quetschies genannte kleine Trinkpäckchen mit püriertem Bioobst und Biogemüse bei Laune gehalten, trinken die Mütter nun dasselbe aus ähnlichen Gründen. Im Wunsch nach dem kindlichen Essen zeigen sich scheinbar die infantilen Sehnsüchte des überforderten Erwachsenen: das Verlangen nach Einfachheit, unentfremdetem Leben und der Abkehr von kulturellen Errungenschaften wie Messer und Gabel. Im Brei löst sich die Komplexität der Welt auf. Ein kleiner Löffel also und ein warmer Brei als Trost gegen den großen, kalten Kapitalismus? Oder mehr noch, steckt im weichen Brei vielleicht ein Widerstand, ein gesellschaftskritisches Potenzial?

Nein, er passt sich leider an. Las man einst im Kaffeesatz die Zukunft, so erkennt man im Brei keinen kommenden Aufstand, sondern ein Abbild unserer Gegenwart.

Denn die flüssige Nahrung erfüllt am Ende alles, was die Leistungsgesellschaft verlangt: Möglichst schnell fertig, ist sie die angemessene Requisite der ewig flexiblen Welt, in der man ohnehin keine Zeit mehr zum Essen findet, außer vielleicht am Wochenende, wenn Kochen zur Freizeitreligion wird. Maximal convenient, stehen pürierte Lebensmittel unter der Woche für eine widerstandslose, effektive Nahrungsaufnahme, die man to go mitnimmt und geräuschlos im Büro in sich hineinsaugen oder -löffeln kann. Man lädt sich eher auf, als dass man isst, wie ein Smartphone, nur mit wertvollen Antioxidantien und nicht mit 230 Volt. Man konsumiert sozusagen post-food. Das klingt ziemlich traurig? Ist es auch. Und es kann Reste von Schalenfrüchten enthalten.