Bevor Saskia Sassen aus dem Londoner Taxi steigt, atmet sie noch einmal tief durch. Der Gedanke, die Metropole zu Fuß zu erkunden, behagt der Ökonomin von der New Yorker Columbia-Universität nicht so richtig. Das ist kurios, denn in den vergangenen 30 Jahren hat kein Wissenschaftler die Forschung über die Großstadt als Lebens- und Wirtschaftsraum so beeinflusst wie Saskia Sassen. Sie prägte den Begriff von der "Global City", denn sie erkannte, dass Metropolen wie London im Zuge der Globalisierung mehr Einfluss haben als so mancher Nationalstaat. "Die Stadt ist der erfolgreichste Lebensraum in der Kulturgeschichte", erklärt Sassen, und sie erinnert daran, dass heute mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten lebt. Mit Statistiken und Zahlen hantiert sie gerne. Im Feldversuch findet sie Großstädte dagegen einschüchternd. "Wahrscheinlich, weil ich einfach keinen Orientierungssinn habe", sagt sie.

Für ihre neueste These reicht der Hörsaal aber nicht. Sie verlangt nach Anschauung. Der Kapitalmarkt hat das Immobiliengeschäft neu erfunden, und das geht an die Substanz. Saskia Sassen warnt vor dem Niedergang der Global City.

In Chelsea geht es los. Am Ufer gegenüber steht das alte Kohlekraftwerk von Battersea. Ein Koloss aus Ziegeln, dreimal so groß wie der Kölner Dom. Seit der Stilllegung 1983 eine Industrieruine, die selbst den kühnsten Investoren zu gewaltig schien. Vor drei Jahren fand sich in Malaysia schließlich doch ein Konsortium, das Milliardeninvestitionen versprach, um den vergammelnden Riesen und die Brache drum herum wieder bewohnbar zu machen. Anleger aus anderen Teilen der Welt horchten auf, und in kürzester Zeit entstand der Masterplan für Nine Elms, einen neuen Stadtteil an der Themse. Dort werden nun 20.000 Wohneinheiten für insgesamt 15 Milliarden Pfund gebaut, dazu ein neues Botschaftsquartier, Bürohäuser, Hotels, Einkaufszentren, Sportanlagen und ein Anschluss an das U-Bahn-Netz. Beim Spatenstich sprach Bürgermeister Boris Johnson von der "idealen Zusammenarbeit zwischen der öffentlichen Hand und privatem Kapital für eine Stadtplanung".

Aus Sicht der Investoren hat Johnson recht. Von den ersten neuen Wolkenkratzern ist bisher zwar nur der Betonkern zu sehen, aber die Käufer reißen sich nur so um die Wohnungen. Innerhalb von 18 Monaten ist der Preis für ein Zwei-Zimmer-Apartment von 1,6 Millionen Pfund auf 1,8 Millionen Pfund gestiegen. "Hier kann man mit Wohnungen Geld verdienen, bevor sie fertiggestellt werden", sagt Kyle Spence von der Maklerfirma Henry Wiltshire. Luxus verkaufen, den es noch nicht gibt: Im Kern ist es das neueste Geschäftsmodell auf dem Londoner Immobilienmarkt. Gleich drei neue Stadtteile entstehen derzeit rund um die Innenstadt nach diesem Muster. Darüber hinaus sind 40 weitere Apartmenthochhäuser im Bau oder in Planung, alle im oberen Preissegment.

Der Trend entstand 2009, gleich nach dem großen Finanzcrash. Auf der Suche nach Alternativen wandten sich institutionelle Anleger dem Immobilienmarkt zu. Nach einer einschlägigen Studie aus New York steckten diese Investoren alleine im vergangenen Jahr rund eine Billion Dollar in Wohnungen und Gewerbebauten. Der größte Anteil davon, rund 75 Milliarden Dollar, floss nach New York. Danach kam London. Innerhalb von zwölf Monaten wurden hier mehr als 55 Milliarden Dollar ausländisches Kapital investiert, und so viel Geld braucht eine globale Käuferschicht. "Von den ersten 3.500 Wohnungen, die bis 2017 fertig werden sollen, gingen zwei Drittel an Käufer in Malaysia, Singapur und Hongkong", sagt Kyle Spence.

Anders gesagt, der Londoner Immobilienmarkt hat mit London kaum noch etwas zu tun. Das Preisniveau orientiert sich nicht an den Einkommensverhältnissen der Bewohner, sondern an der Nachfrage am anderen Ende der Welt. Eine Studie der Maklerfirma Savilles ergibt, dass mehr als ein Drittel aller Transaktionen von Anlegern mit Wohnsitz außerhalb Großbritanniens durchgeführt wird. "Jeder Londoner, der eine Wohnung kauft oder verkauft, operiert im Endeffekt auf einem internationalen Markt", heißt es da.

Prue Mallard und Bob Winston haben lange versucht, auf diesem Markt mitzuspielen. Sie ist Architektin, er Landschaftsgärtner. Gemeinsam verdienen sie um die 3.900 Pfund netto im Monat, rund 5.000 Euro. In Deutschland würden sie dafür selbst in den teuersten Städten wie München oder Berlin eine anständige Mietwohnung finden. Aber nicht in London. "Für unser WG-Zimmer in Camden, nördlich der Innenstadt, geben wir jetzt schon mehr als 40 Prozent unseres Monatseinkommens aus", sagt Prue Mallard. Selbst in entlegeneren Stadtteilen haben die Makler ihnen dafür nur winzige Kellerwohnungen anbieten können. Schließlich ereignete sich der Vorfall mit der Roten Bete. Ein frischer Bund verschwand aus der Küchenschublade der beiden. "Ohne frische Rote Bete gab es keinen Energiedrink aus der Saftmaschine. Das Frühstück fiel also mal wieder aus", sagt Bob Winston. Und ihre Mitbewohnerin wusste natürlich von nichts. Da wurde ihnen endgültig klar, dass London ihnen zu viel abverlangt. "Wir haben gute Jobs und wollen eine Familie gründen, aber das geht hier einfach nicht." Und so ziehen sie im nächsten Monat aus der Metropole in die Kleinstadt Margate an der Nordseeküste. Beruflich bedeutet das den Neuanfang, "aber", sagen sie, "dafür haben wir hier ein Leben, das einfach Sinn ergibt".

Für Saskia Sassen ist die Geschichte des jungen Paares ein erstklassiges Beispiel für die Schattenseiten des neuen globalen Immobiliengeschäftes. Im Jargon der Sozialpolitik gehören Prue Mallard und Bob Winston zur "zerquetschten Mitte". Das ist die gut ausgebildete Mittelklasse, die aufgrund ihrer Kreativität und ihrer Managementfähigkeiten für eine Dienstleistungswirtschaft unersetzlich ist. Gerade in der IT-Entwicklung, in Finanzen und Medien sei sie die erste Generation, die ihre Arbeit selbstverständlich im globalen Zusammenhang sehe. "Die nächste revolutionäre Social-Network-App kann ebenso in Berlin geschrieben werden wie in London oder in Kalifornien." Wenn London den kreativen Nachwuchs allerdings vertreibt, verbaut die Stadt sich Wachstumspotenzial.