Neun Uhr morgens in Düsseldorf. Wir haben die Stadt willkürlich ausgewählt, nicht aber den Ort, an dem es zu dieser frühen Stunde noch nach Braten, Kraut und Bier vom Vortag riecht und Kellner stumm die Tische wischen: das Stammhaus einer Altbierbrauerei mit Namen Schumacher, hölzern, dunkel, deutsch. Ein guter Platz, um über Integration zu reden. Im vergangenen Jahr kamen Hunderttausende Flüchtlinge ins Land, jetzt müssen sie heimisch werden. Nur wie? Pünktlich treffen unsere Gäste ein, im Wirtshaus versammelt sich eine bunte Runde.

DIE ZEIT: Herr Alhwejh, haben Sie gut hierhergefunden?

Ahmed Alhwejh: Na ja. Mein Plan war, dass ich mit Frau Hübner komme...

ZEIT: ...der Patin, die sich um Sie kümmert...

Alhwejh: ...aber sie hat einen Termin und kommt dann nach. Also habe ich in Google Maps gesucht und bin Hausnummern abgelaufen.

ZEIT: Sind Sie, ein Syrer, zum ersten Mal in einer deutschen Kneipe?

Alhwejh: Nein, nein! Erste Zeit war ich im Irish Pub, da spricht man Englisch, das war leichter. Jetzt traue ich mich auch in ... wie sagt man: Altes-Bier-Lokal?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 28.4.2016.

ZEIT: Herr Ujkanovic, Sie sind Imam. Hier wird in ein paar Stunden wieder Bier gezapft und Braten aufgetischt. Geht Ihnen das gegen den Strich?

Asmer Ujkanovic: Im Islam ist Alkohol tabu, ob man ihn trinkt oder Geschäfte damit macht. Darüber hinaus halte ich persönlich Alkohol für etwas, das schadhaft für die Gesellschaft ist. Aber so ist das in Deutschland – meine Hausverwaltung hält ihre Eigentümerversammlungen ja auch in Gaststätten wie dieser ab. Und jetzt, um neun Uhr, kann ich ja halbwegs sicher sein: Es wird noch keiner trinken.

Elena Kaznina: Meine Kollegen haben schon gefeixt: Mal sehen, ob du am Nachmittag noch zur Arbeit kommst, Elena!

Gelächter in der Gruppe. Am Tisch sitzen zu diesem Zeitpunkt drei Frauen und vier Männer, eine kleine Weltversammlung von Menschen, die alle in derselben Region leben, sich bis zu diesem Moment aber noch nie begegnet sind: Da ist Elena Kaznina, in Russland aufgewachsen und heute Leiterin der Sprach- und Integrationskurse an der Volkshochschule Düsseldorf. Da ist Diane Dulischewski, Kriminalhauptkommissarin in Ratingen. Da ist Asmer Ujkanovic, Bus- und Bahnfahrer von Beruf, dazu Imam der bosnischen Gemeinde. Da ist Ayhan Üstün, geboren in der Türkei und seit 34 Jahren Metallarbeiter in Düsseldorf. Da ist Ahmed Alhwejh, vor zwei Jahren aus Homs in Syrien geflohen (sein Deutsch ist noch etwas holprig, wir haben es ein wenig geschliffen). Und da ist Shari Nami aus dem Iran, die an diesem Morgen auf Dari dolmetscht – für Reza Moradi aus Afghanistan, Vater eines minderjährigen Flüchtlings. Stumm sitzt er am Tisch, wird aber noch wichtig werden in der Runde.

ZEIT: Wir möchten heute erkunden, wie Integration gelingen kann – und deshalb gleich mal fragen, was schiefläuft: Wo sehen Sie die größte Kluft zwischen Zuwanderern und Einheimischen?

Kaznina: Eindeutig beim Thema Gleichberechtigung, beim Verhältnis zwischen Männern und Frauen.

Diane Dulischewski: Oh ja. Als Polizeibeamtin erlebe ich fast täglich, dass es vor allem jungen Muslimen schwerfällt, mich als Respektsperson zu akzeptieren. Die duzen mich. Die weigern sich gern mal, ihre Dokumente zu zeigen. Auf fast jede Ansprache folgt erst mal ein: "Warum?"