Debatte: Ist der Islam reformierbar? Die AfD verschärft ihre Islamkritik. Wir fragen: Was ist noch islamkritisch, was schon islamfeindlich? Zum Auftakt schreibt Ufuk Özbe, Reformen seien unmöglich. Hier widerspricht ihm Abdel-Hakim Ourghi.

Aufklärung ist anstrengend. Sie verspricht uns kein Paradies, weder im Himmel noch auf Erden. Sie erschüttert religiöse Gewissheiten und verletzt daher auch die Gefühle von Gläubigen. So bleibt es nicht aus, dass die Aufklärer ihrerseits attackiert werden, oft mit unhaltbaren Vorwürfen. Wer derzeit den Koran kritisiert, wird als Islamfeind verdächtigt, auch wenn er selber Muslim ist.

Seit einiger Zeit werfen sogar liberale Islamtheologen liberalen Islamkritikern vor, mit ihrer Kritik Wasser auf die Mühlen von Ausländerfeinden zu gießen. Genauso gut könnte man diesen Theologen vorwerfen, sie würden der Sache der Fundamentalisten dienen, weil sie deren Prämisse akzeptieren: Der Koran sei göttlichen Ursprungs und daher für Muslime unkritisierbar.

Stimmt das? Ist der Koran Gottes unanfechtbares Wort? Wenn der Koran nicht kritisierbar ist, dann ist auch der Islam nicht reformierbar. Dann kann es keine reformerische Lesart des Korans geben, kein unverfälschtes Islamverständnis, das mit modernen, freiheitlichen Grundwerten im Einklang steht. Dennoch hat die Mehrheit der Muslime in Deutschland keine grundsätzlichen Probleme mit diesen Werten. Die Mehrheit besteht nämlich aus säkularen Kulturmuslimen, die den Islam als einen Teilaspekt ihrer kulturellen Identität ansehen, in ihrem Alltag und ihrem politischen Denken aber mit Religion wenig bis nichts zu tun haben.

Die Grenzen zwischen Kulturmuslimen und Religiösen sind natürlich fließend. Was den Einfluss des Islams betrifft, so zeigen Studien eine negative Korrelation zwischen Religiosität und der Akzeptanz moderner Grundwerte bei den Muslimen. Je frommer sie sind, desto problematischer ist ihr Verhältnis zur Freiheit. Die Terrorunterstützer bilden zwar selbst unter Hochreligiösen nur eine sehr kleine Minderheit. Andererseits sind aber bedenkliche Einstellungen auch unter frommen Muslimen verbreitet, die Gewalt ablehnen, zum Beispiel: Antisemitismus, Homophobie, Infragestellung von Gleichberechtigung, Nichtduldung von Apostasie in der eigenen Familie, Ablehnung von Meinungsfreiheit und insbesondere freier Religionskritik. Belege dafür lieferten bereits vor Jahren zwei Studien des Bundesinnenministeriums (Muslime in Deutschland, 2007, und Lebenswelten junger Muslime in Deutschland, 2012) sowie eine Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin (über islamischen Fundamentalismus in Westeuropa, 2013).

Auch hier zeigte sich: Je gläubiger die Auskunftgeber, desto freiheitsskeptischer. Religiöse Indoktrination hat fatale Folgen schon bei Kindern, das zeigen für den Islam in Deutschland zwei Dissertationen von 2012 (Nicola Lammert) und 2013 (Anuschka Fenner). Demnach ist nicht nur die Akzeptanz der Evolutionstheorie, sondern auch der Grad des Verstehens bei muslimischen Schülern "signifikant" am niedrigsten.

Wir brauchen dringend eine ehrliche Kritik des Islams. Insofern verdienen die Ziele liberaler Reformtheologen wie Mouhanad Khorchide und Ömer Özsoy, die freiheitsfeindliche Einstellungen kritisieren, breite Zustimmung. Dennoch bestehen Gegensätze zwischen liberaler Islamkritik und liberaler Reformtheologie, zwischen einer "Liberalisierung durch Aufklärung und Säkularisierung" und einer "Liberalisierung durch Neuinterpretation der Religion".

Das betrifft zunächst die praktische Frage, ob an deutschen Schulen mehr staatlich kontrollierter Islamunterricht erteilt werden soll oder lieber bekenntnisfreier Religions- und Ethikunterricht für alle. Das betrifft aber auch die Theorie: Während Religionskritiker eine Distanz zu den islamischen Quellen fordern, möchten liberale Theologen durch Selektieren, Umdeuten und Relativieren eine moderne Lesart des Islams begründen, ohne die Grunddogmen selbst zu hinterfragen.

Reformtheologen werfen den Islamkritikern vor, sie würden sich mit ihrer Kritik auf fundamentalistische Lesarten des Korans konzentrieren, es gebe jedoch eine Vielfalt anderer Interpretationen in der islamischen Gelehrtentradition. Das Problem an diesem Argument: Die liberalen Lesarten widersprechen nicht nur fundamentalistischen, sondern allen etablierten Schulen der islamischen Geschichte. Bis heute.