Flüchtlinge können jetzt beim Start-up Kiron studieren. Wenn die jungen Gründer Erfolg haben, revolutionieren sie die Bildung.

Markus Kreßler und Vincent Zimmer, beide 26, wollen eines der größten Probleme der Gegenwart lösen. Sie geben sich dafür fünf Jahre. Sie sagen, derzeit liegen sie über Plan.

Das Problem ist auf eine Zahl zu reduzieren, die eigentlich zu groß ist, um sie zu begreifen: 64 Millionen. Das entspricht, zum Beispiel, der Einwohnerzahl von Großbritannien: alle Engländer, alle Schotten, alle Nordiren, alle Waliser, die Queen.

64 Millionen also. Das sind in etwa die Dimensionen, in denen Kreßler und Zimmer denken.

64 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Die Zahl stammt vom UN-Flüchtlingshilfswerk aus dem Sommer 2015, vermutlich sind es mittlerweile sogar mehr. Die Erde rotiert mit Unwucht.

Kreßler und Zimmer würden diese problemzentrierte Sichtweise vermutlich ablehnen, sie sprechen, ganz Start-up-Gründer, lieber von Challenges. Vereinfacht gesagt, lautet ihre Herausforderung Integration, das allgegenwärtige I-Wort, das häufig in Verbindung mit "gescheitert" fällt. Kreßler und Zimmer haben deshalb im letzten Jahr Kiron gegründet. Eine Online-Universität für Flüchtlinge, in der all die bürokratischen und finanziellen Hürden, die sich Flüchtlingen normalerweise stellen, missachtet werden. Keine Zeugnisse? Egal. Kein abgeschlossenes Asylverfahren, kein Geld und ein Heim im Nirgendwo? Egal. Jeder Flüchtling, ob er im Jemen sitzt, in der Türkei oder der Uckermark, kann bei Kiron anfangen zu studieren, ohne Jahre des Wartens auf einen legalen Status zu verlieren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 28.4.2016.

Sie brauchen dafür nur ein Smartphone und Zugang zum Internet. Weitere Voraussetzungen sind ein Motivationsschreiben und Englischkenntnisse, außerdem müssen die Flüchtlinge einen Testkurs erfolgreich abschließen.

Kreßler und Zimmer denken gleich, gleich groß vor allem, obwohl sie unterschiedliche Typen sind. Kreßler hat während seines Bachelors anderthalb Jahre in San Diego und einem Nachbarort studiert, Schwerpunkt Social Entrepreneurship, und wäre er nicht etwas zu blass für die kalifornische Sonne, könnte er auch jetzt direkt von der Westküste in Berlin gelandet sein. Er trägt Sneakers und eine abgewetzte Lederjacke, hat eine schwarze Wuschelmähne und raucht Selbstgedrehte, Marke Pueblo. Sein Gang ist eher gemütlich.

Sein Partner Zimmer trägt keine abgewetzte Lederjacke, und man kann ihn sich auch nicht in einer vorstellen. Er hat parallel zwei Master gemacht, an der London School of Economics und in Göttingen, sein Lieblingswort ist "ballern". Zusammen mit "wir müssen" ergibt das "wir müssen ballern", was so viel heißt wie Vollgas geben und arbeiten. Während der ersten Monate von Kiron hat Zimmer versucht, parallel zu promovieren, und auch wenn er die Dissertation derzeit schleifen lässt, hat er zuletzt noch zwei Aufsätze publiziert. Für Familie, Freunde und Freundin hält er den Sonntagnachmittag frei.

So ist Kiron sehr schnell sehr groß geworden. Seit der Gründung vor einem Jahr konnten Kreßler und Zimmer rund drei Millionen Euro einsammeln, sie haben Kanzleramtschef Peter Altmaier getroffen und duzen die wichtigen Leute bei Google. Die ersten 1.250 Studenten sind im Programm.

Das Prinzip Kiron ist simpel. Zunächst läuft das Studium komplett online. Das Team hat dafür Tausende englischsprachiger Moocs gesichtet, das sind interaktive Onlinevorlesungen, zum Beispiel von Professoren aus Harvard oder vom MIT. Aus diesen Moocs hat Kiron vier Studiengänge zusammengestellt: BWL, Informatik, Ingenieur- sowie Sozialwissenschaften. Die Inhalte passen zu den Anforderungen echter Unis – und so können die Flüchtlinge nach den ersten beiden Studienjahren an Partneruniversitäten wechseln, zu Ende studieren und ihren Abschluss machen. 14 Hochschulen in Deutschland hat Kiron bislang überzeugt, darunter auch die Exzellenz-Uni RWTH Aachen. Es ist diese Verbindung in die echte Welt der Wissenschaft, mit der sich Kiron von bisherigen Onlineplattformen absetzt. Vincent Zimmer sagt: "Wir wollen einen Standard schaffen, ein digitales Bologna. Diesen Standard kann dann die ganze Welt übernehmen."

Sicher scheint schon jetzt: Kiron wird das Leben vieler Menschen besser machen und die Hochschulbildung demokratisieren. Und Kiron kann als Muster dienen für die Zukunft des Lernens: ortsunabhängig, ohne Fixierung auf das Abitur, nur die Fähigkeiten der Studenten im Blick, begleitet von den besten Dozenten der Welt.