Wer die Tür zum Bürgerbüro von Hans-Christian Ströbele öffnet, dem schlägt ein überwältigender Geruch entgegen. Es riecht, ausgerechnet hier, mitten in der Stadt, streng nach Erde. Auf meterlangen Blechen liegen Hunderte von Seed-Bombs. Das sind Kugeln aus Torf und Blumensamen, die Ströbeles Mitarbeiter in stundenlanger Kleinarbeit gerollt haben, damit die Revolutionäre in Kreuzberg beim großen Straßenfest am 1. Mai etwas anderes zum Werfen haben als Steine. Irgendwas werfen müssen sie schließlich.

Hans-Christian Ströbele, Rechtsanwalt, grüner Abgeordneter und seit Menschengedenken Linker, hat das heißeste Bürgerbüro der Republik. Er sitzt direkt am Kottbusser Tor. Seit Monaten kommen von hier finstere Nachrichten über den Stand der Integration in Deutschland: Gangs aus Nordafrikanern, Osteuropäern und Tschetschenen beklauen, bedrohen, belästigen und überfallen in den dunklen Gängen zwischen Betonburgen und Hipster-Cafés Touristen und andere Passanten. Anwohner – vom türkischen Cafébetreiber bis zur Yogalehrerin aus Heidelberg – sprechen von einer "permanenten Kölner Silvesternacht".

Allerhöchste Zeit, um zu einem Rundgang mit Hans-Christian Ströbele aufzubrechen, einer Ortsbegehung, die zugleich auch die Inspektion eines politischen Projekts ist. Im Jahr 2002 hat Ströbele hier das erste Direktmandat für die Grünen geholt. Stolz spricht er von der "Kreuzberger Linie", für die seine Seed-Bombs stehen. Er meint damit eine Strategie der Deeskalation. Denn in früheren Jahren flogen am Kotti, wie sie hier liebevoll sagen, die Steine, Autos brannten, Geschäfte wurden geplündert, Polizei und Autonome lieferten sich Straßenschlachten mit Hunderten von Verletzten. Grüne vermittelten zwischen Anwohnern, Polizei und Autonomen, bis die Gewalt in einem Familienfest, dem Myfest, erstickt wurde.

Aber das Kottbusser Tor hat heute ein anderes Problem. Es ist nicht mehr politische Gewalt. Es ist Gewalt, Punkt.

Das Gehen fällt Hans-Christian Ströbele schwer, doch der Arzt hat ihm dazu geraten. Die Krebserkrankung, die ihm vor vier Jahren zu schaffen machte, hat Ströbele mit der ihm eigenen Halsstarrigkeit besiegt. Auf etwas unsicheren Beinen steigt Ströbele also die Treppe in den U-Bahn-Schacht hinunter, die in den vergangenen Monaten wohl an die hundertmal gefilmt worden ist. "Mir selbst ist nie etwas passiert", sagt Ströbele in dem gefürchteten langen Gang zur Rolltreppe. "Aber dass gerade Frauen sich hier nachts unwohl fühlen, das kann ich absolut verstehen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 28.4.2016.

Keiner seiner sieben Mitarbeiter hatte je irgendein Problem mit dem Kotti, trotzdem würde keiner von ihnen bestreiten, dass der Kotti inzwischen selbst ein Problem hat. Auch Ströbeles Parteifreundin, die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Hermann, fordert – zum ersten Mal in ihrem Leben – "ständige Polizeipräsenz", weil man mit den "ausländischen Gangs" einfach nicht mehr anders fertigwerde.

Sobald Ströbele auf den Platz tritt, erkennen ihn die Leute, manche kommen und fassen ihn an, klammern sich an seinen Arm. "Habibi!", ruft einer, Liebling auf Arabisch. Es hat etwas Jesushaftes. Auf einer Strecke von 100 Metern muss Ströbele gefühlte zehnmal für Selfies posieren, und er lässt es lächelnd geschehen. "Entschuldigung!", ruft einer aus dem Pulk von Alkis, "ich habe gehört, Sie sind doch der Dings! Einer, der helfen kann, das meine ich!"

Dann wird es surreal. Vor dem Gemüsestand, den wir passieren, stehen etwa 80 bis 100 Leute aller Altersgruppen. In strahlender, sonniger Öffentlichkeit leeren sie halbe Wodkaflaschen in einem Zug, manche kotzen, jemand pinkelt gegen eine Hauswand. Eine Frau wird am Haar gerissen und lässig ein paar Meter über den Bürgersteig gezogen. Sie lässt es grinsend über sich ergehen. Ströbele steht mittendrin und sagt, weiterhin lächelnd: "Dahinten bei dem Gemüsehändler, da kaufe ich günstig Aprikosen. Denn ich koche im Jahr etwa fünfzig Pfund Marmelade. Im Odenwald", wo Ströbele eine Sommerhütte von seinen Großeltern geerbt hat, "da sind es Brombeeren."

Was sagt Ströbele zu alldem? Hat er nicht gesehen, was sich hier abspielt, während er über Marmelade spricht?