Martin Kobler ist ein Mann für das fast Unmögliche. Ihn betraut die internationale Gemeinschaft mit Problemen, die aussichtslos erscheinen. Gerade ist der deutsche Spitzendiplomat in Libyen unterwegs, als Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen. Er soll dort helfen, einen kaputten Staat neu zu begründen. Ein vereintes Libyen zu schaffen. Frieden zu stiften oder wenigstens eine fragile Ruhe.

Libyen ist seit dem Sturz des Diktators Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 ein Land im Zerfall. Es gibt keine funktionierende Regierung, das Chaos breitet sich aus, rivalisierende Clans und Warlords terrorisieren die Bevölkerung. Libyen ist auch das Durchgangslager für Flüchtlinge aus Afrika, die hoffen, hier Boote nach Europa besteigen zu können. Zehntausende haben sich bereits im Westen des Landes gesammelt und warten auf besseres Wetter, um auf ein Schiff zu kommen, in Richtung Lampedusa oder irgendwie in Richtung Italien.

Und weiter östlich haben Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" einen mehrere Hundert Kilometer breiten Küstenabschnitt erobert und drohen, sich weiter in Nordafrika auszubreiten.

In diesem gefährlichen Durcheinander wenigstens ein bisschen Ordnung zu schaffen, das weitere Abgleiten in Bürgerkrieg und Gewalt zu bremsen, das ist die Aufgabe von Martin Kobler. Ganz Europa müsste sich dafür interessieren, ob er dabei Erfolg hat.

Kobler kennt sich aus in Grauzonen, er ist Spezialist für verwehte Staatlichkeit und zerklüftetes Terrain. Der 62-Jährige leitete bereits die UN-Mission im Kongo, arbeitete als UN-Beauftragter im Irak und in Afghanistan und als deutscher Diplomat in Palästina. Im November vergangenen Jahres hat er seine Aufgabe in Libyen übernommen. Und vor Kurzem konnte er einen ersten Erfolg verkünden: Eine Mehrheit des Parlaments hat sich hinter den von der internationalen Gemeinschaft unterstützten Präsidialrat gestellt, eine vorläufige Regierung. Doch wie vieles andere in diesem Land klingt auch das sehr viel eindeutiger, als es ist.

Martin Kobler, UN-Sondergesandter für Libyen © Fehti Belaid/AFP/Getty Images

Martin Kobler reist immer wieder nach Libyen oder versucht, libysche Politiker an anderen Orten zusammenzubringen. Sein fernes Ziel: Libyen einen halbwegs funktionierenden Staat zu geben. Das klingt fast vermessen angesichts der Lage, ganz so wie die ehrgeizigen Aufgaben, die sich westliche Interventionisten in den vergangenen Jahren immer wieder vorgenommen haben, niemals mit Erfolg: erst Einmarsch, dann Sieg, dann Neuaufbau der Nation. So sollte Afghanistan neu entstehen und später der Irak. Kobler hat im Auftrag der UN die Fehler der Nationenbauer beobachten können, in Bagdad und Kabul. Heute weiß er, was falsch daran war. Er sagt: "Die Libyer müssen das selbst machen. Oktroyierte Lösungen sind nicht haltbar. Es muss ihre Lösung sein, keine fremde." Also versucht er, den Libyern zu helfen, sich selbst zu helfen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 28. April 2016.

Er müht sich, so etwas wie eine politische Kultur zu etablieren. Wie man sich trifft, wie man miteinander spricht, wie man sich einigen kann – solche Dinge klingen banal, sind aber in einem zerfallenden Land existenziell. Dem Gegenüber zuhören, ihn ernst nehmen, Respekt zeigen, das ist für Kobler der Anfang von allem. Er strahlt auch in den verfahrensten Situationen Optimismus aus. So hatte er schon im Irak und in Afghanistan verfeindete Gruppen an einen Tisch gebracht. "Entscheiden müssen sie allein", sagt er. Feste Absprachen, verbindliche Verfahren sind deshalb so wichtig, weil in einem zerfallenden Staat zwar niemand regiert, aber viele regieren wollen. Martin Kobler trifft sehr viele Libyer, die ungefragt sagen: "Ich strebe nicht nach Posten." Was so viel heißt wie: Ich will vor allem und als Erstes einen Posten.