Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/Reuters

Nein, es ist keine Schnapsidee, das bedingungslose Grundeinkommen. Es ist schlimmer: eine brandgefährliche, revolutionäre Idee, die ernsthaft eine neue Gesellschaftsordnung anstrebt. Die Initianten wollen nicht weniger als den heutigen Sozialstaat ersetzen, der über Jahrzehnte aufgebaut wurde. Statt lediglich im Falle der Fälle staatlich Hilfe zu beziehen, soll jeder Bürger einen Grundlohn bekommen, der ihm eine würdige Existenz ermöglicht. Die Befürworter sprechen von monatlich 2500 Franken pro Person. Ob das ausreichen würde, ist fraglich. Auch die Kosten sind zu niedrig berechnet: Das Projekt würde uns 208 Milliarden Franken kosten.

Bundesrat Alain Berset ließ sich zweideutig zur Vorlage verlauten, die am 5. Juni vors Volk kommt. Einerseits begrüßt er eine Initiative zur Neuorganisation unserer Gesellschaft. Andererseits sagt er, dass ein Großteil des Anliegens durch unser hoch entwickeltes Sozialsystem bereits erfüllt sei. Er sieht den Gegensatz zwischen den beiden Lösungen – hier der Wohlfahrtsstaat, dort das Grundeinkommen – nicht; oder er will ihn nicht sehen.

In Deutschland kämpft die Linke seit Jahren gegen Hartz IV und fordert stattdessen ein Grundeinkommen, das jede andere soziale Leistung ersetzt.

Ein Schweizer Wirtschaftsprofessor aus der linken Sphäre hofft, dass man damit langfristig die Sozialversicherungen ersetzen könnte. Diese sind für ihn "überbürokratisiert", auf die Länge "nicht mehr zu finanzieren" und außerdem "demütigend für die Personen, die sie beziehen".

Allerdings sind nicht alle Linken erfreut. Die reformistischen Sozialdemokraten können nicht viel mit der Idee anfangen. Schließlich ist der Wohlfahrtsstaat, nach den letzten Weltkriegen auf- und ausgebaut, ihr Verdienst.

Liberale wie ich hingegen liebäugeln gerne mit der Idee, dass jedermann autonom und frei über sein Geld verfügen kann. Erst recht, wenn dies mit der konsequenten Abschaffung von Bürokratie einherginge.

Aber leider handelt es sich beim bedingungslosen Grundeinkommen um eine Utopie. Und Utopia wird mit "nirgendwo" übersetzt. Die Initiative wäre ein erster, großer Schritt in Richtung einer völlig neuen Gesellschaft. Ja, es wäre der Anfang einer dirigistischen und autokratischen Schweiz. Denn das Grundeinkommen zielt auf eine Trennung zwischen dem Recht auf Einkommen und der Pflicht zur Arbeit. Ja, letztlich soll die Arbeit als zentraler Wert – und als Mittel zur gesellschaftlichen Integration – ganz abgeschafft werden.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 19 vom 28.4.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Idee ist nicht neu. Schon in den 1990er Jahren haben französische Intellektuelle das Thema behandelt, so Jean Marc Ferry in L’allocation universelle. Ideologisch durchdrungen, wird nach der Pleite der kommunistischen und kapitalistischen Systeme ein Loblied auf die kollektive Produktivität gesungen. Nach der Geldverteilung (Grundeinkommen) wird die Verteilung der Aufgaben (tönt sympathischer als Arbeit) vom Staat zwischen den Bürgern organisiert (befohlen). Wenn Sie mehr dazu erfahren wollen, lesen Sie Aldous Huxley und George Orwell. Oder gehen Sie noch weiter zurück, ins 17. Jahrhundert. Denn der Traum, die Menschen mit Kollektivismus und Zentralismus gleicher und glücklicher zu machen, ist älter als gedacht. Bereits 1602 hat Tommaso Campanella in La città del sole darüber sinniert, wie das Leben der Menschen minutiös reglementiert werden könne: von der Erziehung über das Wohnen, die Arbeit bis hin zum Sex. Das Ziel: unendliches Glück für alle.

Die Idee des Grundeinkommens ist also weder originell noch neu. In Zeiten der Unsicherheit und des Zerfalls von gemeinsamen Werten ist ihre Anziehungskraft aber so groß wie vielleicht nie zuvor. Darum: Nehmen wir uns in Acht vor jenen Menschen, die unsere Sorgen für uns lösen – und uns auf Teufel komm raus glücklich machen wollen!