Am Wochenende ist dem Feuilleton der FAS eine bemerkenswert komponierte Seite gelungen. Oben stand Kerstin Grethers Nachruf auf Prince, direkt darunter die monatliche Kolumne von Eleonore Büning, diesmal zur Frage: "Wem nützen und wer liest eigentlich noch Musikkritiken?" (Antwort: niemandem und niemand). Was hat der "segregationistische Zeitgeist der mittleren Achtziger" zwischen Rock ’n’ Roll und R ’n’ B – dem Prince entsprang – mit dem Idealismus der Musikkritik seit Robert Schumann zu tun?, fragte man sich. Antwort: nichts. Trotzdem wäre es doch gelacht, wenn in einer Kurzanalyse von Purple Rain nicht beides zusammengebracht werden könnte. Wobei sich die Gesamtkunstwerksschmiede Prince viel schlechter aufs Musikalische reduzieren lässt als zum Beispiel Madonna. Sie will schillern, er schillerte.

Purple Rain gilt als Rock- und/oder Gitarrenballade, was sich vor allem in ihren zahllosen Coverversionen bewahrheitet, vom Royal Philharmonic Orchestra bis zu Bruce Springsteen. Während dort nach Kräften gesülzt wird, mit und ohne Text, signalisiert Prince mit seinem ersten Einsatz: Bloß kein Bohei! Lockere Tonrepetitionen in mittlerer Lage, zart synkopiert, eine Sechzehntel/Zweiunddreißigstel-Triole, "I never meant to cause you any sorrow" – mehr Parvenu geht nicht. Wenn nur die Gitarre nicht wäre, die sich wie in einer Peepshow permanent vors Schlüsselloch schiebt: als Objekt und Subjekt der Begierde zugleich. Lange hält sie sich an die Regeln der Kunst, fast den halben Song steuert sie, wie es sich für ein leicht funkiges Alter Ego gehört, Arpeggien, Akkorde, kleine Riffs bei. Und doch ist klar: Da kommt noch etwas.

Wie Prince das macht? Er komponiert Lücken. Mehr als das, was in den Noten steht, hört man das, was er zum Verschwinden bringt. Durch Periodenverschiebungen, notorisch eingestreute Wechsel zwischen Vierviertel- und Zweivierteltakt (am schönsten vor "Honey, I know, I know, I know, times are changin’", wenn er sich stimmlich anderthalb Takte lang aus dem Balladen- in den Kreischmodus katapultiert), durch Stauchen und Dehnen des musikalischen Materials. Alles eher im sanften, homöopathischen Bereich, und das ist das Verrückte. Es braucht nicht viel, sagt Prince, um abzustürzen, schaut her, wie sicher ich auf dem hohen Seil balanciere.

Purple Rain ist in B-Dur geschrieben. Laut traditioneller (und traditionell umstrittener) Tonarten-Charakteristik steht diese Tonart für Erhabenheit, für Sehnsucht nach einer besseren Welt oder für Einsamkeit, oder sie riecht lustigerweise nach Gewürznelken. Man wähle frei. Vielleicht war Prince auch einfach Synästhetiker und hat bei B-Dur lila gesehen.

Und dann kommt’s: das Solo. Die Gitarrenkadenz, die die Spannung löst. Länger als der ganze Song. Virtuose Griffe, vertrackte Rhythmen, ein Sound wie gemeißelt. Komponiertes Abheben, minutiös notiert, was für ein Widerspruch. Ikarus, der direkt in die Sonne fliegt. Man wähnt ihn schon in Flammen, da dreht er sich noch einmal um, präsentiert im höchsten Falsett, "Ooh, ooh", ein paar lässige Koloraturen. Seit Prince, hat Heiner Goebbels einmal gesagt, sei Eklektizismus kein Schimpfwort mehr. Seit Prince müsse sich jeder an allem messen lassen. Schumann jedenfalls, dem großen Identitätenspieler, hätte dieses Nachspiel grandios gefallen.