Wer Suchmaschinen mit ihrem Namen speist, der ertrinkt in einer Bilderflut. Als Vortragende vor wissenschaftlich Interessierten ist sie zu sehen und als schöne Nackte. Als erfolgreiche Sportlerin in den Disziplinen Sprinten und Weitsprung und als Gepardenweibchen inszeniert. Sie führt aber auch im Auftrag großer Labels bizarre Mode vor. Kurz: Die Amerikanerin Aimee Mullins, 39 Jahre alt, ist eine außergewöhnliche Frau, vielfach begabt und in mancherlei Hinsicht perfekt. Dem Unvorbereiteten stockt allerdings der Atem, wenn er bemerkt: Ihre Beine enden unterhalb ihrer Knie. Schon als Kind wurden ihr beide Unterschenkel amputiert. Frau Mullins läuft auf Prothesen.

Wie perfekt ist Aimee Mullins? Oder ist sie doch eher behindert? Oder beides zugleich? Wie kommt es, dass es seit 2000 athletisch trainierte Behinderte auf die Titelseiten von Magazinen und auf die Laufstege schaffen? Was bedeutet es, dass neuerdings "Prothesendesigner" optisch auffällige, manchmal von innen beleuchtete Beinprothesen bauen? Stimmt es, was manche Wissenschaftler behaupten: dass der Mensch sich peu à peu in eine Maschine verwandelt? Dass nach Kunstzähnen, Hörgeräten, Brustersatz, künstlichen Herzklappen und Hüftgelenken jetzt die Extremitäten dran sind? Dann die Organe, die Zuwege zum Gehirn? Befindet sich am Ende sogar unser Ich auf einer Festplatte? Anders gefragt: Werden wir zu Cyborgs?

Cyborgs, diese Mischwesen aus Mensch und Maschine, bevölkern für gewöhnlich Science-Fiction-Romane und Horrorfilme. Dass wir selbst dereinst zum Großteil aus Technik bestehen, erscheint uns als gruselige Spinnerei. Doch da ändert sich gerade etwas. Als ersten Hinweis kann man einen langsamen Wandel in unserem Verhältnis zur Prothetik feststellen. Viele werden sich noch erinnern: Früher beschlich einen angesichts von Prothesen tragenden Menschen eine gewisse Beklommenheit. Kindern wurde das "Anstarren" verboten. Doch was vor Kurzem noch tabu war, erfährt in unserem Kulturkreis gerade eine verblüffende Umwertung.

Zumindest hat es den Anschein, dass viele Körperbehinderte ihre Defizite nicht mehr unbedingt verstecken wollen. Dass im Gegenteil die Prothese von einigen auffällig betont, ja stolz hergezeigt wird. Einem breiteren Publikum wurde das bewusst, als bei der Abschlussfeier der letzten Paralympischen Sommerspiele 2012 in London die unterschenkelamputierte Viktoria Modesta vor Millionen von Menschen mit einem Kunstbein auftrat, das mit Fragmenten von Spiegelglas, Glaskristallsteinen und Kristallen versehen war. Oder man denke an den 28-jährigen Juliano Pinto, der zur Eröffnung der Fußball-WM 2014 in Brasilien einen Ball trat – Pinto ist querschnittsgelähmt und trug ein Exoskelett. Die seinen Körper umhüllende Stützstruktur ermöglichte ihm den aufrechten Gang.

Und es gibt immer mehr Prothesenträger, die sich nicht mehr verstecken. Zur Prominenz verhalf die Behinderung Oscar Pistorius. Wie faszinierend war es mitzuerleben, als der südafrikanische "Fastest man on no legs" aus dem Behindertensport ausbrach und als Sprinter erfolgreich gegen Nichtbehinderte antrat. 2012 startete er bei den Olympischen Sommerspielen in London in der 4-mal-400-Meter-Staffel der Südafrikaner. Ausgestattet war Pistorius mit elegant geschwungenen Karbonfederprothesen, die sich gar nicht mehr die Mühe geben, human zu wirken. Leute wie Pistorius eröffneten die Diskussion darum, ob Prothesenträger gegenüber Prothesenlosen technisch-physisch im Vorteil sind. Ob der Behinderte also unsportlich handelt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 28.4.2016.

"Die Prothese", sagt der Lübecker Medizinhistoriker Cornelius Borck, "ist eine technische Utopie." Wer die natürlichen Vorgänge im Körper physikalisch verstanden hat, kann die Natur nachbauen. Hugh Herr, ein beidseitig amputierter Extremkletterer, hatte seine Unterschenkel nach Erfrierungen auf dem Mount Washington in New Hampshire verloren. Auch er ersetzte das Verlorene durch Besseres. Als Biomechatroniker am Bostoner MIT hatte er die Möglichkeit, sich Spezialprothesen zu bauen, die ihn befähigten, besser als seine nicht behinderte Konkurrenz zu klettern. Mit spitz zulaufenden Stahl-"Füßen", die sich in kleinste Spalten gruben, oder teleskopierbaren Unterschenkeln, die große Spannen überwinden konnten, meisterte er Überhänge wie Spiderman.

So futuristisch diese Versuche, die Natur zu kopieren oder sogar zu verbessern, sich anhören mögen – eigentlich ist die Grundidee so alt wie Krankheit und Krieg. Zehen- und Fußprothesen gab es bereits in der Antike. Als Beinersatz diente im Mittelalter ein spitz zulaufender Holzpflock. Im späten Mittelalter verbreiteten sich in Europa auch bewegliche Handprothesen, wie wir sie vom Reichsritter Götz von Berlichingen kennen.

Passend dazu entwickelte sich die Vorstellung von technischen Automaten, die Lebewesen ersetzen können. René Descartes hielt Tiere für komplizierte Maschinen, die man einst würde nachbauen können. Im 18. Jahrhundert wurde der Automat geradezu zum Modethema. Schweizer Uhrmacher bauten komplexe Androide, die schreiben und die Augen bewegen konnten. Die Romantik nahm das Motiv des aus Wellen und Zahnrädern montierten Androiden auf, E.T.A. Hoffmann zum Beispiel in Der Sandmann, in dem sich Nathanael in den Automaten Olimpia verliebt und darüber verrückt wird. Die Maschinengeliebte als die bessere Geliebte – die theoretische Möglichkeit der technischen Reproduzierbarkeit des Menschen führte zur zentralen Frage der Romantik nach dem Ich und seinem Geheimnis.